Arbeiter stapeln große Transformatoren an einer Produktionslinie  | picture alliance / Gu Huaxia / C

China und Taiwan Getrennt und doch verbunden

Stand: 11.08.2022 10:50 Uhr

Nicht nur militärisch macht China Druck auf Taiwan, sondern auch wirtschaftlich. Vergangene Woche hat es erste Wirtschaftssanktionen verhängt. Der Konflikt beeinflusst die Handelsbeziehungen.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Bei allen Streitigkeiten zwischen der Volksrepublik und der demokratisch regierten Insel Taiwan: Die Wirtschaft der beiden Länder ist eng miteinander verbunden. Die Volksrepublik ist Taiwans größter Handelspartner. 40 Prozent aller taiwanischen Exporte gehen nach China, inklusive der Sonderverwaltungsregion Hongkong.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Auch China ist von Taiwan abhängig

Ein hoher Anteil, berichtet Lee Chun. Er ist politischer Berater für Taiwans Handelsverhandlungen mit China und Experte für Taiwans Delegation bei Treffen mit der Welthandelsorganisation. Doch der kleine Inselstaat Taiwan ist hochtechnisiert, Nummer 22 der großen Volkswirtschaften und auch stark mit der Weltwirtschaft verflochten.

Selbst China, die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, ist von taiwanischer Technologie abhängig, so Chun: "Aktuell muss China noch 70 Prozent der Mikrochips, die es insgesamt benötigt, importieren. Etwa die Hälfte dieser Chips kommen aus Taiwan, die andere Hälfte aus Südkorea."

 

Weltweit führend in der Halbleiterbranche

Taiwan ist weltweit der größte Hersteller von Halbleitern, die für die Produktion von Smartphones, Computern und Autos benötigt werden. Vor allem die modernsten Mikrochips mit Strukturgrößen von sieben Nanometern und weniger stammen von der Insel. In China werden die Chips oft weiterverarbeitet, die elektronischen Geräte dann in alle Welt exportiert.

Lee Chun, ist sich sicher, dass Taiwan im Fall einer Auseinandersetzung mit China diesen technischen Vorsprung nutzen kann, wenn Taiwan tatsächlich einen Ersatzmarkt für seine Exporte finden könne: "China ist nicht der einzige Abnehmer auf der Welt." Dann werde Taiwan einen ziemlich langen Atem haben, so der Experte.

Isolation der Insel droht

Seit sechs Jahren hat Taiwan die Handelsbeziehungen zu Ländern in Südostasien erfolgreich ausgebaut. 2021 hat der Inselstaat zum ersten Mal mehr in Ländern Südostasiens investiert als in China.

Doch Herausforderungen bleiben: Durch den Druck Chinas, dass andere Länder nur mit der Volksrepublik diplomatische Beziehungen halten sollen, ist es für Taiwan schwierig, Freihandelsabkommen zu schließen. Auch droht eine Isolation der Insel. Sollten die Schiffswege blockiert werden, wie das chinesische Militär es in den vergangenen Tagen erprobt hat, dann werde der Handel stark beeinträchtigt - nicht nur von Taiwan, sondern auch von Japan und Südkorea aus.

 

Bislang keine Abwanderungstendenzen

In Taiwan sind etwa 250 deutsche Unternehmen aktiv. Sie beobachten nach Angaben der Deutschen Auslandshandelskammer in Taiwan die Situation sehr aufmerksam - zumal von chinesischer Seite bereits Wirtschaftssanktionen angekündigt wurden. Die haben nach Einschätzung von Beobachtern jedoch eher symbolischen Wert. China hat zum Beispiel die Einfuhr von bestimmten Lebensmitteln verboten. Und es wird kein Sand mehr nach Taiwan verkauft, ein wichtiger Rohstoff für die Bau- und Halbleiterindustrie.  

Noch gibt es keine Abwanderungstendenzen deutscher Unternehmen - weder aus Taiwan noch aus China. Zu groß ist der Markt. In China beispielsweise macht die deutsche Autoindustrie bis zu 40 Prozent ihres Umsatzes.

Aber auch Achim Haug von der deutschen Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing bestätigt im ARD Podcast Welt.Macht.China: "Die Sorgen in der deutschen Wirtschaft vor einer weiteren Zuspitzung der Krise in Ostasien sind sehr groß, weil damit ganz wichtige Handelspartner betroffen werden." Denn neben Versorgungsengpässen in der Halbleiterindustrie würde eine Eskalation auch die wirtschaftlich engen Beziehungen mit China gefährden. 

"China ist die Weltfabrik"

Während Experten in China vor ein paar Monaten noch Gespräche mit der ARD zu Taiwan zugesagt haben, möchten sie jetzt nicht mehr mit uns sprechen. Das Thema ist in China aktuell zu sensibel. Lee Chun, Handelsexperte in Taiwan, sieht im Falle einer Eskalation des Konflikts auch ernsthafte Schwierigkeiten für die Volksrepublik.

Sanktionen demokratischer Länder könnten China erheblich schaden. Zu sehr ist die Volksrepublik von Exporten nach Europa und in die USA abhängig. Hinzu kommt, dass China die notwendigen Bauteile aus Taiwan fehlen würden, um überhaupt Waren exportieren zu können: "China ist die Weltfabrik. Kein anderes Land führt mehr Waren ein und aus als die Volksrepublik. Die Schlüsselkomponenten für die Produktion der Waren allerdings kommen aus Taiwan. Wenn man davon ausgeht, dass der Handel zwischen China und Taiwan ganz aussetzen könne, dann würde Chinas Status als Weltfabrik ernsthaft herausgefordert werden," urteilt Lee Chun.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 11. August 2022 um 11:20 Uhr.