Strommasten und Stromleitungen in einem Kraftwerk in der Nähe von Yumen (Provinz Gansu, China) | REUTERS

Nordosten Chinas Stromabschaltungen sorgen für Ärger

Stand: 28.09.2021 13:31 Uhr

In China wird ganzen Städten und Industrieparks immer häufiger der Strom abgedreht - auch schon mal ohne Ankündigung. Einer der Gründe: Strom zu produzieren ist teuer geworden. Auswirkungen spüren auch dortige deutsche Firmen.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Kerzenlicht statt elektrische Beleuchtung. Wasserpumpen, die nicht mehr funktionieren. Familien mit Kleinkindern, die in Hochhäusern wohnen und nun 20 Stockwerke Treppen steigen müssen, weil der Aufzug nicht mehr funktioniert. Besonders stark betroffen von den Stromabschaltungen ist der Nordosten Chinas. Zum Beispiel die Acht-Millionen-Einwohnerstadt Shenyang im Landesteil Liaoning.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

"Der Strom war plötzlich weg, von 16 Uhr nachmittags bis 23.30 Uhr," empört sich ein Bewohner von Shenyang in einem Online-Video der Zeitung "Xin Jing Bao". "Selbst den Kantinen und Restaurants hier in der Gegend haben sie den Strom abgestellt, was besonders schlimm ist, weil wir hier viele Arbeiter haben, die verpflegt werden müssen."

In mindestens 16 der 33 Landesteile Chinas machen die Stromabschaltungen auch der Industrie zu schaffen. Fabriken und ganze Industrieparks müssen heruntergefahren werden. Betroffen sind quasi alle: von großen chinesischen Staatskonzernen aus der Schwerindustrie bis hin zu ausländischen Unternehmen.

Oft ohne Ankündigung

Häufig werden die Unternehmen nur kurzfristig oder gar nicht vorgewarnt, sagt der Präsident der Europäischen Handelskammer in China, Jörg Wuttke: "In netten Fällen gab man den Firmen zwei bis drei Tage vorher Bescheid. In Shenyang, im Norden Chinas, hatte man einen Tag Vorlauf. In Tianjin hat man sich kurzfristig entschlossen, den Strom sofort abzustellen."

Auch viele deutsche Firmen sind betroffen. Volkswagen erklärte, dass in einigen Fabriken in China einzelne Schichten gestrichen werden mussten, hauptsächlich weil Zulieferern der Strom abgeschaltet wurde und nun Teile fehlen. 

Der China-Chef eines deutschen DAX-Konzerns sagte dem ARD-Hörfunk, dass den Unternehmen vor allem die Willkür der Stromabschaltungen zu schaffen mache. Man könne nicht planen, alles laufe intransparent ab und es gebe keine Rechtssicherheit. Seit 30 Jahren sei er in China, so etwas habe er noch nicht erlebt.

Gründe dafür, dass der Strom abgeschaltet wird, gibt es mehrere. Nach wie vor kommt er in China zu zwei Dritteln aus Kohlekraftwerken. Kohle ist zuletzt aber so teuer geworden in der Volksrepublik, dass einige Kraftwerksbetreiber nur noch mit großen Verlusten Strom produzieren können und deswegen die Anlagen lieber abschalten.

Gleichzeitig ist der Strombedarf in China in den vergangenen Monaten stark gestiegen, weil das Ausland nach dem Corona-Einbruch nun wieder vermehrt chinesische Produkte kauft. Dazu kommen neue Vorgaben der Staatsführung in Sachen Klimaschutz und CO2-Ausstoß, auf die Provinzen teils rabiat mit Abschaltungen reagieren.

Jens Hildebrandt von der Deutschen Handelskammer in China sagt: "Natürlich unterstützt die deutsche Wirtschaft Chinas Ziele, den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid zu reduzieren, zum Beispiel durch neue industrielle Prozesse und neue Produkte. Aber wir brauchen auch Planungssicherheit. Insofern haben wir grundsätzlich Verständnis für das Thema. Aber dafür, wie das nun mit den Stromabschaltungen umgesetzt wird, haben wir kein Verständnis."

Rechtliche Grundlagen fehlen

Wuttke warnte in Shanghai, mittel- und langfristig stelle sich für viele ausländische Firmen die Frage nach der Planungssichheit in der Volksrepublik. "Das Ganze hat keine rechtliche Grundlage. Es gibt keinen Vorlauf, keine entsprechenden Papiere und keine Erklärungen der Regierung dazu. Die Informationen kommen telefonisch - oder sie kommen bei einem vorbeimarschiert oder stellen gleich den Strom ab. Da stellt sich dann schon die Frage, inwieweit man noch Planungssicherheit hat."

Die weltweiten Lieferkettenprobleme dürften sich durch die Stromabschaltungen in China noch verschärfen. Einige ausländische Analysten rechnen inzwischen damit, dass Chinas Wirtschaft wegen der Stromabschaltungen dieses Jahr weniger stark wachsen wird als gedacht. Das japanische Finanzunternehmen Nomura senkte seine Wachstumsprognose fürs letzte Quartal in China von 4,4 auf nun drei Prozent.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. September 2021 um 10:02 Uhr, 11:11 Uhr und 13:31 Uhr.