Ein Mann läuft über eine leere Straße in der chinesischen Großstadt Changchun während des Corona-Lockdowns.  | AP

Chinas Wirtschaftsziele gefährdet Der Preis der Null-Covid-Strategie

Stand: 17.03.2022 13:30 Uhr

Der jüngste Corona-Ausbruch in China wirkt sich bereits auf die Wirtschaft aus. In mehreren Städten steht die Produktion wegen Lockdowns und strikter Maßnahmen teilweise still.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Die Unternehmen in China sind wegen der Lockdowns in mehreren Städten besorgt. Immer wieder kommt es für mehrere Tage zu Produktionsausfällen. So waren zum Beispiel der US-Elektroautohersteller Tesla in Shanghai, der Apple-Zulieferer Foxconn im südchinesischen Shenzhen und Werke von Volkswagen in Shanghai und in Changchun im Nordosten des Landes von Schließungen betroffen. Die Produktion läuft jetzt teilweise wieder an. VW ist nach eigenen Angaben optimistisch, die Produktionsausfälle mit Extraschichten wieder aufholen zu können, sobald die Situation sich entspannt. Eine Sprecherin von VW berichtet von ähnlichen Lockdown-Situationen in Tianjin und Ningbo, in denen Ausfälle von bis zu zwei Wochen wieder aufgeholt werden konnten.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Die Finanzmetropole Shanghai mit dem größten Hafen des Landes meldet zuletzt insgesamt mehr als 150 Corona-Infektionen an einem Tag. Die Stadt plant nach eigenen Angaben keinen kompletten Lockdown, um die Wirtschaft möglichst zu schonen. Stattdessen werden nach und nach einzelne Gebäude und Stadtteile abgesperrt. So sollen die Menschen in der Stadt durchgetestet werden. Unter anderem ist auch der höchste Wolkenkratzer im Finanzzentrum Shanghai abgeriegelt worden. Die deutschen Unternehmen in Shanghai blicken angespannt auf die Lage, sagt Maximilian Butek von der Deutschen Auslandshandelskammer in Shanghai. In Shanghai und Umgebung sind 70 Prozent aller in China tätigen deutschen Unternehmen angesiedelt.

Der Konsum wird gehemmt, das Wachstum leidet

"Es kam schon zu einigen sogenannten Lockdowns einzelner Fabriken", berichtet Butek. Die Unternehmen versuchen, sich so gut wie möglich vorzubereiten. Es geht darum, Mitarbeitern Schlafmöglichkeiten und Essensrationen zur Verfügung zu stellen, aber auch die Produktion aufrechtzuerhalten, wenn es zu einem Lockdown kommt. Die jetzige Situation führe wieder dazu, dass Lieferketten unterbrochen seien, so Butek. Für die Unternehmen sei es schwierig, weiter zu produzieren, wenn bestimmte Bauteile knapp werden.

Natürlich, sagt Butek, habe man in den vergangenen zwei Jahren gelernt und halte inzwischen mehr benötigte Produkte, Materialien und Bauteile auf Lager. Dennoch sei die aktuelle Lage erschwerend. "Jetzt durch den Lockdown - und das ist ja nicht nur in Shanghai so, sondern im ganzen Land haben wir erneut Fälle -, wird natürlich wieder der Konsum gehemmt. Nicht nur der Reiseverkehr, also der Tourismus, sondern auch die Restaurants leiden oder die Service-Betriebe." Das werde auf das Wirtschaftswachstum von China schlagen damit auch deutsche Unternehmen treffen, so Butek.

Die Wachstumsziele für 2022 geraten in Gefahr

In China sind zwar nach den jüngst veröffentlichten Wirtschaftszahlen wichtige Bereiche wie Industrie und Einzelhandel besser ins neue Jahr gestartet als von den meisten Experten erwartet. Doch der jetzige Ausbruch der Omikron-Variante trübt die Aussichten. China hat für dieses Jahr das Ziel von 5,5 Prozent Wirtschaftswachstum angegeben - den niedrigsten Wert seit 30 Jahren. Doch mehrere Ökonomen sind skeptisch, ob überhaupt dieser Wert erreicht werden kann. Auch Wang Dan, Chefökonomin der Hang-Seng-Bank in Shanghai, hat ihre Zweifel.

"Wir wissen, dass in diesem Jahr die Nachfrage nach Chinas Waren sowohl im Inland und als auch im Ausland gefährdet sein könnte. Wenn das mit dem Corona-Ausbruch zusammenkommt und China an den strikten Maßnahmen festhält, dann kann es sein, dass das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal im Grunde bei Null liegt oder sogar negativ ist." Dann sei es tatsächlich sehr schwierig, das Ziel für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 5,5 Prozent für das gesamte Jahr zu erreichen. Vor allem, wenn die Finanzstadt Shanghai in einen kompletten Lockdown versetzt würde, wäre das ein schlechtes Signal für die chinesische Wirtschaft, so die Ökonomin.

Digital besser durch die Pandemie?

Ilaf Elard, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der New York Universität (NYU) in Shanghai, sieht die Finanzstadt Shanghai insgesamt jedoch besser gewappnet als andere internationale Großstädte wie London oder New York. Der Online-Handel und die digitale Wirtschaft seien in Shanghai ausgeprägter als in anderen Städten. "Wenn man sich Essen nach Hause bestellt, bekommt man oft Rabatte, sodass es sogar günstiger ist, sich das Essen per Mobiltelefon zu bestellen als ins Restaurant zu gehen", so Elard.

Ähnlich sei es im Online-Versandhandel bei Amazon oder Alibaba. Die wirtschaftliche Aktivität habe sich schon vor der Pandemie sehr stark ins Online-Geschäft verlagert. "Das heißt, wenn man physische Mobilitätseinschränkungen in einer Stadt wie Shanghai hat, dann ist der negative Effekt auf die Wirtschaft verhältnismäßig geringer als in anderen Großstädten", so der Wirtschaftswissenschaftler.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 15. März 2022 um 08:32 Uhr.