LKW am Fährhafen von Cherbourg | CHRISTOPHE PETIT TESSON/EPA-EFE/

Boom in Cherbourg Ein Hafen voller Brexit-Gewinner

Stand: 09.02.2021 09:57 Uhr

Der Brexit hat dem französischen Cherbourg einen Boom beschert. Viele Spediteure nutzen den Hafen am Ärmelkanal als direkte Verbindung nach Irland, um die neuen Zollmodalitäten zu umgehen.

Von Friederike Hofmann, ARD-Studio Paris

Langsam arbeitet sich die 194 Meter lange Fähre W. B. Yeats durch die Hafeneinfahrt von Cherbourg. Es sind die letzten Meter auf ihrem Weg von Irland nach Frankreich. Im Bauch des Schiffes machen sich die Lkw bereit zur Abfahrt. Sie wollen so schnell wie möglich aufs europäische Festland. Die direkte Fährverbindung zwischen Irland und Frankreich boomt.

Friederike Hofmann ARD-Studio Paris

"Unsere zwei Fähren fahren seit Januar einmal täglich von Irland nach Cherbourg und zurück. Wir haben damit doppelt so viele Fährfahrten als zuvor", sagt Ole Bockmann, Direktor von Irish Ferry France. Vor dem Brexit sind 150.000 Lkw im Jahr die Strecke über England gefahren: zweimal Fähre, eine Lkw-Fahrt quer über die Insel, aber nur elf Stunden insgesamt.

Längere Fahrt, aber weniger Papierkram

Seit Großbritannien aus der EU ausgetreten ist und nicht mehr zum europäischen Binnenmarkt gehört, sind viele umgeschwenkt - auch wenn der direkte Seeweg mit 17 bis 18 Stunden von der Fahrtzeit her eigentlich deutlich länger ist. Und Corona kommt auch noch dazu. "Viele Spediteure ziehen den direkten Weg zwischen Irland und Frankreich vor, damit die Tests für die Fahrer wegfallen. Das Risiko ist für die Fahrer geringer, wenn sie nicht über England fahren, wo die britische Variante grassiert", so Bockmann.

Viele Spediteure beklagen sich, dass die Zollabfertigung auf der britischen Seite aufwändig, teuer und alles andere als digital ist. "Ich war vor kurzem nach England unterwegs. Vor dem Brexit habe ich 15 Minuten auf meine Papiere gewartet, jetzt sind es zweieinhalb Stunden", berichtet Lkw-Fahrer Kaz Dziedzic der Nachrichtenagentur AFP. Er fährt mit seinem Kühllaster regelmäßig die Strecke von Irland aufs europäische Festland. Gerade mit Lebensmitteln werde es kompliziert. Da brauche man verschiedene Zertifikate für jedes Produkt. Wenn die Ladung verschiedenen Kunden gehöre, bedeutet das noch mehr Papierkram. "Über Cherbourg ist es einfach", sagt Dziedzic.

Der direkte Seeweg ist beliebt

In Cherbourg sind nun viele osteuropäische Nummernschilder zu sehen, das war vorher selten. "Die meisten fahren regelmäßig zwischen Kontinent und Irland hin und her. Das bedeutet, sie müssen die Formalitäten sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg bewältigen", erklärt Yannick Millet, der Generaldirektor des Hafens von Cherbourg. Für den Hafen sind das gute Nachrichten. Noch im Dezember war hier wenig los, viele der Hafenarbeitskräfte waren in Kurzarbeit. Jetzt liegen hier wieder regelmäßig mehrere große Fähren am Kai.

"Unser Hafen hat bereits im Januar viel mehr Schiffe von und nach Irland abgefertigt als vor dem Brexit", sagt Millet. 9000 Lastwagen wurden diesem Monat zwischen Cherbourg und Irland verschifft. Die Anzahl der Lkw hat sich im Januar im Vergleich zum Januar 2020 verdreifacht - und damals gab es noch keine Corona-Kontrollen. "Die drei großen Fährlinien Stena Line, Irish Ferries und British Ferries haben bereits Anfang des Jahres mehr und größere Schiffe zwischen Dublin, Rosslare und Portsmouth und Cherbourg eingesetzt", so Millet. Jetzt werden neue Hafenarbeiter ausgebildet und eingestellt.

Normalisierung Mitte des Jahres?

In Cherbourg will man sich nicht zu früh freuen. Auch andere französische Häfen wie Roscoff, Dunkerque und Saint Malo bauen ihre Aktivitäten in Richtung Irland aus. Und: "Sobald die Zollformalitäten besser laufen und nicht mehr so viel Zeit in Anspruch nehmen, werden viele Speditionen wieder über England fahren. Das ist nun mal der kürzere Weg", so Ole Bockmann von Irish Ferry France.

Er geht davon aus, dass sich die Zollabwicklung zwischen England und Europa Mitte des Jahres normalisiert haben wird. "Ich vermute, dass nur 20 bis 30 Prozent der 150.000 Lkw, die vor dem Brexit den Weg von Irland via England nach Frankreich genommen haben, längerfristig den direkten Weg zwischen Irland und Frankreich beibehalten. Das dürfte vor allem für die Lebendtiertransporte gelten", sagt er. "Wegen des Brexit ist deren Abwicklung via England nach Europa schwieriger geworden."