Flugreisende warten am Flughafen Heathrow in London auf die Abfertigung | REUTERS

Lage an Europas Flughäfen Wo Passagiere lange warten und wo nicht

Stand: 30.06.2022 12:16 Uhr

Lange Wartezeiten und Annulierungen: Der Andrang der Passagiere überfordert viele Flughäfen und Airlines, weil Personal fehlt. Doch in manchen europäischen Ländern gibt es kaum Probleme. Ein Überblick.

Griechenland: Engpässe und Probleme der anderen

Von Verena Schälter, ARD-Studio Athen

Nach zwei Jahren Pandemie sehnen sich die Menschen nach Urlaub, Strand und gutem Wetter. In Griechenland sieht es deshalb danach aus, dass die Touristenzahlen in diesem Sommer das Niveau von 2019 - vor der Corona-Pandemie - noch übertreffen könnten. Obwohl Athen kein internationaler Verkehrsknotenpunkt ist wie beispielsweise Frankfurt oder Rom, gehört der Flughafen aktuell zu den verkehrsreichsten in Europa. Mehr als 2000 Flüge täglich wurden in den vergangenen Wochen durchschnittlich dort abgefertigt.

Verena Schälter

Man sei ohne große Vorbereitung von null auf hundert durchgestartet und habe die Situation vergleichsweise gut im Griff, sagt Christos Karagiannis vom Gewerkschaftsbund OPAM, der sich für die Belange des Flughafenpersonals einsetzt, von der Gepäckabfertigung bis zur Sicherheitskontrolle. Dennoch gebe es personelle Engpässe, da sich die Zahl der Beschäftigten am Boden während der Pandemie um mehr als 30 Prozent reduziert habe. Die meisten hätten lediglich Zeitverträge gehabt, die der Flughafen einfach habe auslaufen lassen. Seit zwei Monaten werden wieder verstärkt Leute eingestellt, aber es sei schwierig, neues Personal zu finden. Denn dank Schichtdienst und niedriger Löhne seien die Bedingungen wenig attraktiv.

Noch könne man etwaige Engpässe ausgleichen. Wenn die Fluggastzahlen aber im Juli und August weiterhin ansteigen, könnte sich die Situation verschärfen. Denn bereits jetzt gebe es Verspätungen oder verschollenes Gepäck. Allerdings liege das momentan vor allem an den Zuständen an den ausländischen Flughäfen, vor allem in den USA, aber auch in Deutschland oder Großbritannien. Denn wenn mehrere Maschinen mit teils großer Verspätung ankommen, bringe das auch die Abläufe an den griechischen Flughäfen durcheinander.

Italien: Sicherheitskontrollen in wenigen Minuten

Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

In Italien läuft es an den Flughäfen - vor allem am größten Drehkreuz in Rom Fiumicino. Stundenlange Wartezeiten an der Sicherheitsabfertigung? Nicht in Italiens Hauptstadt. Die durchschnittliche Wartezeit an der Sicherheit in Rom betrug im vergangenen Monat weniger als drei Minuten. Die persönliche Befragung von Passagiere in den vergangenen Wochen zeigt, dass die meisten in der Tat in maximal etwas mehr als fünf Minuten durch Sicherheitskontrollen kommen.

Jörg Seisselberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Schnelligkeit an der Sicherheitsschleuse war bereits vor und in der Covid-Zeit eine Stärke des Flughafens in Rom. Unter anderem deswegen ist er viermal nacheinander als bester Airport Europas ausgezeichnet worden. Das Erfolgsgeheimnis: Alle Security-Beschäftigten sind Angestellte des Flughafens, sie arbeiten nicht - wie andernorts - über Fremdfirmen. Am Flughafen Rom ist auch in dunkelsten Covid-Zeiten niemand aus dem Sicherheitsteam entlassen worden - das Erfolgsgeheimnis jetzt auch in der Nach-Covid-Zeit.

In Neapel, dem wichtigsten Flughafen für Urlaub in Süditalien, geht es fast so schnell wie in Rom. Hier dauerten die Kontrollen in 90 Prozent der Fälle weniger als sechs Minuten. Das Aushändigen des aufgegebenen Gepäcks dauert in Rom im Durchschnitt 20 Minuten ab Ankunft, in Neapel 25 bis 30 Minuten.

Türkei: Es läuft - dank genügend Personal

Von Uwe Lueb, ARD-Studio Istanbul

Wer endlich im Flugzeug in die Türkei sitzt, kann aufatmen. Den Stress mit Gepäck oder Sicherheitschecks, teils auch bei der Passkontrolle, gibt es hier nämlich nicht. Egal ob Antalya oder Istanbul: Es läuft, es gibt genug Personal. Die Flughafenbetreiber haben sich offenbar auch rechtzeitig so vorbereitet, dass jetzt - zur ersten Saison ohne viele Corona-Beschränkungen - genug Leute da sind.

Uwe Lueb ARD-Studio Istanbul

Das hat zwei Gründe: Zum einen wurden die Mitarbeitenden bewusst gehalten, auch wenn es - wie woanders - weniger Geld gab, zum Beispiel Kurzarbeitergeld. Zum anderen haben nur wenige nach anderen Jobs gesucht, vor allem weil es davon gar nicht so viele gibt. An den Terminals in Antalya ist übrigens die deutsche Fraport beteiligt, die unter anderem den Flughafen in Frankfurt am Main betreibt. Sie wissen also eigentlich, wie es geht.

Spanien: Große Probleme könnten noch kommen

Von Reinhard Spiegelhauer, ARD-Studio Madrid

In Spanien kann die Regierung einen gewissen Mindestservice verordnen. Der Billigflieger Ryanair hat das am Freitag gleich bei den Streiks des Kabinenpersonals genutzt und allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine Karte geschickt, dass sie den Mindestservice aufrechterhalten müssen. Dazu haben Gewerkschaften ein gerichtliches Nachspiel angekündigt. Indes wird diese Woche weiter gestreikt.

Reinhard Spiegelhauer ARD-Studio Madrid

Die Sommerferien gehen erst los. Relativ wenige Deutsche werden sich jetzt an spanischen Flughäfen ärgern müssen, weil der Flieger nicht geht. Das ist eher bei denen der Fall, die aus Deutschland nach Spanien wollen.

Aber es könnte in den kommenden Wochen durchaus noch Chaos geben. Denn die spanischen Fluglotsen beklagen, sie arbeiteten an der Belastungsgrenze, sie seien so wenige. Es geht somit um Personalknappheit und zu schlechte Bezahlung. Spaniens Fluglotsen schauen vor diesem Hintergrund nach Frankreich, wo die Kollegen mit Streiks schon für Wirbel sorgen.

Frankreich: Verspätungen und Streiks

Von Johann Kunz, ARD-Studio Paris

Wie in Deutschland werden auch die Passagiere in Frankreich darum gebeten, früh genug am Flughafen zu sein. Denn es kommt zu erheblichen Verspätungen. Dafür gibt es zwei Gründe: Einerseits fehlt es wie in Deutschland nach Ende der Corona-Pandemie einfach an Personal - bei den Airlines sowieso, aber auch an den Flughäfen selbst. Allein an den Pariser Flughäfen sind rund 4000 Stellen nicht besetzt. Wartezeiten von zwei bis drei Stunden können da durchaus mal vorkommen.

Ein zweiter Grund für die Verzögerungen in Frankreich sind Streiks, die immer wiederkehren, und zwar wegen der schlechten Arbeitsbedingungen und niedrigen Bezahlung des Flughafenpersonals. Schon Anfang Juni wurde an mehreren Flughäfen gestreikt. Voriges Wochenende waren dann unter anderem die Flughäfen Nizza, Marseille und auch Montpellier betroffen. Und für das kommende Wochenende sind pünktlich zum Ferienbeginn nochmal Streiks angekündigt: dieses Mal an den Pariser Flughäfen. Da werden viele Menschen verreisen wollen.

Von Normalbetrieb kann an französischen Flughäfen daher keine Rede sein. Ganz im Gegenteil: Ein regionaler Gewerkschaftsbund, der CGT, hat sogar angekündigt, dass die Situation an den französischen Flughäfen diesen Sommer durchaus chaotisch werden könnte.

Großbritannien: Flugausfälle und lange Wartezeiten

Von Gabi Biesinger, ARD-Studio London

Reisende, die von der britischen Insel runter wollen oder nach Großbritannien fliegen, haben in diesem Jahr schon einiges hinter sich. Und es wird in Richtung Sommerferien nicht besser werden. Personalmangel führt zu langen Wartezeiten bei Gepäckabfertigung und Sicherheitschecks, außerdem zu Flugausfällen.

Gabi Biesinger ARD-Studio London

Die britische Regierung hat Fluggesellschaften angewiesen, Flüge so früh wie möglich zu stornieren, um kurzfristige Absagen möglichst zu verhindern. Viele Fluggesellschaften haben daraufhin ihre Sommerflugpläne gekürzt. British Airways hat bis Ende Oktober 8000 Flüge gestrichen, Easyjet hat ganze Routen stillgelegt - zum Beispiel alle Flüge von Großbritannien nach Hurghada in Ägypten bis Ende Juli.

Ursachen für den Personalmangel sind nach wie vor Covid-Erkrankungen, aber auch der Personalabbau während der Corona-Phase und die aufwändigen Sicherheitschecks für Neueinstellungen. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan sagt, der Brexit sei Schuld an diesem Chaos auf britischen Flughäfen. Er fordert die Regierung auf, die Einwanderungsregeln zu lockern, damit Personal aus der EU nach Großbritannien zurückkehren kann. Verkehrsminister Grant Shapps erwiderte, das stimme nicht. Er macht die Branchen-Chefs dafür verantwortlich. Die hätten zu langsam auf die steigende Reisenachfrage reagiert.

Eine Arbeitsgruppe von Regierung und Luftfahrtindustrie soll nun im Vorfeld der Sommerferien das ganze Chaos in den Griff kriegen. Weiteres Ungemach droht noch im Juli und August. Da wollen nämlich die Beschäftigten von British Airways streiken, und zwar wegen Gehaltskürzungen. Das haben sie in einer Urabstimmung beschlossen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Juni 2022 um 12:35 Uhr.