Das Containerschiff "CMA CGM Concorde" liegt am Hamburger Terminal von Eurogate. | dpa

Container-Schifffahrt Wettbewerbsausnahmen auf dem Prüfstand

Stand: 16.08.2022 03:51 Uhr

Seit Jahren profitiert die Container-Schifffahrt von europäischen Ausnahmen im Wettbewerbsrecht. Obwohl die Branche boomt, halten Experten das weiterhin für sinnvoll. Doch es regt sich Widerstand.

Von Holger Beckmann, ARD-Studio Brüssel

Es sind goldene Zeiten für Reedereien. Für die ganz großen jedenfalls. Die Gewinne für die Unternehmen sprudeln wie seit vielen Jahren nicht mehr. Im vergangenen Jahr - so weiß man in der Branche - hat die Linien-Frachtschifffahrt insgesamt etwa neun Mal so viel Geld verdient wie 2020, und immer noch ist die Tendenz nach oben ungebrochen.

Holger Beckmann ARD-Studio Brüssel

Das liegt zum einen daran, dass immer mehr Waren per Container um die halbe Welt oder weiter transportiert werden; und zum anderen daran, dass die Frachtkapazitäten, also die Menge, die überhaupt transportiert werden kann, zuletzt immer knapper geworden ist.

Denn im Grunde gibt es für die hohe Nachfrage momentan nicht genug riesige Containerschiffe mit knapp 400 Meter Länge. Und zum anderen sind wegen der Nachwirkungen der Corona-Pandemie immer noch viele Lieferketten unterbrochen - und Schiffe können wegen fehlendem Personal nicht schnell genug be- und entladen werden.

Die Kassen der Reedereien klingeln

Diese Knappheit hat die Preise für den Transport in die Höhe schießen lassen. Vincent Stamer vom Kieler Institut für Weltwirtschaft sagt:

Vor der Pandemie hat es noch 2000 US-Dollar gekostet, einen Container von Fernost beispielsweise nach Hamburg zu transportieren - zwischenzeitlich war es das Siebenfache, und jetzt bewegen wir uns dafür immer noch bei über 10.000 US-Dollar.

Das lässt die Kassen der Reedereien klingeln. Die Hamburger Hapag Lloyd etwa hat ihr Betriebsergebnis versiebenfacht, die dänische Möller-Maersk-Gruppe zuletzt so viel Geld verdient wie in den neun Jahren davor zusammen.

EU bevorzugt Branche dennoch

Was viele angesichts dessen wundert: Die Branche wird bei den europäischen Wettbewerbsregeln sogar noch bevorzugt. Reedereien dürfen sich nämlich den Frachtraum von Schiffen teilen, beim Transport von Containern auf hoher See also kooperieren.

Die Regelung stammt noch aus einer Zeit, in der es vielen Schifffahrtsunternehmen schlecht ging. Das ist zwar über zehn Jahre her. Aber: Die EU-Kommission steht bislang auf dem Standpunkt, es gebe immer noch gute Gründe, das so zu machen.

Inzwischen haben sich zehn große Unternehmen beim Containertransport auf See zu internationalen Allianzen zusammengeschlossen. Drei dieser Allianzen dominieren inzwischen den Frachtverkehr.

"Die haben Namen: Die eine heißt 2M, das sind Maersk und MSC. Dann die The Alliance, nicht sehr kreativ benannt, mit Hapag-Lloyd und japanischen Reedereien - und als dritte gibt es noch die Ocean-Alliance", sagt Vincent Stamer.

Es regt sich Widerstand

Seit vielen Jahren schon profitiert die Branche von dieser Ausnahme im Wettbewerbsrecht. Und der Experte vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hält das im Prinzip auch für sinnvoll. Denn so werde der knappe Frachtraum besser ausgenutzt, was die strapazierten Lieferketten zusammenhalte und am Ende auch dem Klimaschutz nütze.

Wirtschaftlich interessiert eigentlich nur, welche Firmen miteinander im Wettbewerb stehen, um am Ende den günstigsten Preis anzubieten. Und solange die Allianzen keine Preise absprechen, so lange gibt es eigentlich keinen Konzentrationseffekt im Preis.

Und die Preise dürfen die Reedereien eben nicht absprechen. Zumindest theoretisch nicht. Manche vermuten: Sie tun es trotzdem. Und deshalb regt sich Widerstand.

EU-Kommission untersucht Beschwerden

Vielen Hafenbetreibern, Spediteuren oder Firmen aus dem Im- und Export erscheint dieses Vorgehen nicht mehr zeitgemäß, weil dadurch am Ende doch die Transportpreise stiegen.

In Brüssel sind auch bereits Protestschreiben eingegangen. Die Forderung: Schluss mit den Ausnahmen beim Wettbewerbsrecht für die Container-Schifffahrt. Die EU-Kommission nimmt das ernst. In einer gerade begonnenen und groß angelegten Evaluierung befragt sie deshalb internationale Reedereien auf der einen und Transportkunden auf der anderen Seite, wie sie die Sache sehen. Ariana Podesta, Sprecherin der EU-Kommission:

Ich kann zumindest für den jetzigen Zeitpunkt sagen: Wir haben bislang keine Hinweise dafür, dass hier eine Einschränkung des Wettbewerbs vorliegt, die die Transportpreise nach oben treibt. Aber in der Tat: Noch läuft unsere genaue Untersuchung ja weiter.

Bis zum Jahresende sollen die Ergebnisse vorliegen. Danach will man in Brüssel entscheiden, ob die wettbewerbsrechtlichen Ausnahmen für Reedereien bleiben oder nicht. 2024 läuft die Regelung, die schon seit über zehn Jahren gilt, aus. Wenn sie nicht verlängert wird, dann würde das Geschäft für die Reedereien wohl härter. Aber die glänzenden Gewinne und die guten Aussichten für die Branche insgesamt könnten das verkraftbar machen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 07. Juni 2022 um 11:00 Uhr.