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Nach Johnson-Rücktritt Warum das Pfund schwach bleiben dürfte

Stand: 07.07.2022 15:25 Uhr

Das Pfund legt nach dem Rücktritt von Boris Johnson als Parteichef zu. Doch die weiteren Aussichten für die britische Währung sind trübe. Und daran ist nicht nur Johnson schuld.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Die Ankündigung des britischen Premierminister Boris Johnson, sein Amt als Parteichef niederzulegen, stärkt der britischen Währung den Rücken. Das britische Pfund legt zum Dollar in der Spitze 0,8 Prozent zu. Im Hoch werden für ein Pfund 1,2022 Dollar gezahlt. Doch die Kursgewinne bröckeln, das Pfund rutscht rasch wieder unter die Marke von 1,20 Dollar.

Nachlassende Unsicherheit stärkt das Pfund

Mit Johnsons offizieller Erklärung schwindet ein Stück Unsicherheit aus dem Markt. Der Rücktritt als Parteichef ist nun ein "fait accompli". Das Pfund hatte wegen der politischen Unsicherheiten zuletzt verstärkt unter Druck gestanden.

"Man könnte meinen, die politische Krise in Großbritannien ist der letzte Sargnagel für das Pfund - vor allem gegenüber dem Dollar", kommentierte Commerzbank-Devisenanalyst Tatha Ghose noch am Morgen. Nun da das Ereignis tatsächlich eingetreten ist, reagiert die Börse positiv. Schließlich fürchtet der Markt nichts mehr als Unsicherheit.

Zweifel an der Nachhaltigkeit der Aufwärtsbewegung

Doch ob das britische Pfund aus der heutigen politischen Entscheidung nachhaltig Stärke beziehen kann, ist mehr als fraglich. Denn die politische Krise in Großbritannien ist noch nicht vorbei, die Forderungen nach einem Rücktritt Johnsons auch als Premierminister dürften kaum verklingen. Nächste Woche droht Johnson eine Abstimmung über sein Amt in den eigenen Reihen.

Hinzu kommen die trüben wirtschaftlichen Perspektiven für das Vereinigte Königreich, die das Pfund auch fundamental schwächen. Der zusehende Brexit-Ärger und die anhaltend hohe Inflation sind dabei die wohl größten Belastungsfaktoren.

Britisches Verbrauchervertrauen auf 48-Jahres-Tief

Vor diesem Hintergrund war das Verbrauchervertrauen in Großbritannien im Mai auf den tiefsten Stand seit Beginn der Erhebungen vor 48 Jahren gefallen. "Die Stimmung der Verbraucher ist derzeit düsterer als in der Anfangsphase der Coronavirus-Pandemie, nach dem Ergebnis des Brexit-Referendums 2016 und sogar zum Schock der weltweiten Finanzkrise 2008", sagte Joe Staton vom Marktforschungsinstitut GfK.

Im Mai waren die Verbraucherpreise in Großbritannien so stark gestiegen wie seit 40 Jahren nicht mehr; die Inflationsrate lag bei 9,1 Prozent. Erst am Dienstag erklärte die Bank of England, dass sich die Aussichten für die britische Wirtschaft seit dem Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine "erheblich verschlechtert" haben.

Abwärtstrend im Pfund weiter intakt

Aus technischer Perspektive dürfte es sich bei der heutigen Aufwärtsbewegung zudem in erster Linie um eine kurzfristige Gegenreaktion auf die zuvor erlittenen Verluste handeln. Seit seinem markanten Hoch bei 1,4246 Dollar vor gut einem Jahr hat das Pfund zum Dollar in der Spitze über 16 Prozent eingebüßt.

Das Pfund notiert zum Dollar auf dem niedrigsten Niveau seit zwei Jahren. Der steile Abwärtstrend bei der britischen Devise ist weiter intakt. Das erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit für künftige Kursverluste.

Pfund-Schwäche ist auch eine Dollar-Stärke

Die Schwäche des britischen Pfund spiegelt allerdings nicht nur die Schwäche der britischen Volkswirtschaft wider. Sie ist zugleich auch ein Signal für die Stärke des US-Dollar. Die US-Notenbank hatte zuletzt ihre Geldpolitik deutlich gestrafft und schreitet nun auf dem Zinserhöhungspfad weiter forsch voran.

Vor diesem Hintergrund hatte der "Greenback" in den vergangenen Wochen und Monaten massiv gegenüber zahlreichen wichtigen Währungen wie dem Pfund und dem Euro zugelegt. Der Euro war zuletzt sogar auf ein 20-Jahres-Tief zum Dollar gefallen und nähert sich nun mit großen Schritten der Parität.

Zinsschere zugunsten des Dollar geöffnet

Die Federal Reserve (Fed) hatte auf der Juni-Sitzung die Leitzinsen so kräftig angehoben wie seit 1994 nicht mehr. Sie beschloss eine Erhöhung um 0,75 Prozentpunkte auf die Spanne von 1,50 bis 1,75 Prozent. Laut dem gestern Abend veröffentlichten Protokoll zu dieser Sitzung fasst die Fed für ihr nächstes Treffen Ende Juli eine weitere Erhöhung um 0,5 oder 0,75 Prozentpunkte ins Auge.

Zum Vergleich: Die Bank of England hatte den Leitzins auf ihrer jüngsten Sitzung im Juni auf 1,25 Prozent erhöht. Diese Zinsschere zwischen den USA und Großbritannien macht den Dollar im Vergleich zum Pfund attraktiver.