Ein Brexit-Gegner hält ein Plakat mit der Aufschrift "Brexit don't work" | dpa
Analyse

Britische Wirtschaft Der Brexit hat einen hohen Preis

Stand: 31.12.2021 09:30 Uhr

Wie steht es um die britische Wirtschaft ein Jahr nach Austritt aus dem EU-Binnenmarkt? Schrumpfender Handel, Fachkräftemangel und Gezerre um Nordirland: Die Liste der Probleme ist lang.

Eine Analyse von Imke Köhler, ARD-Studio London

Daniele Costazaccarelli steht vor den Tanks und Fermentern seiner kleinen Bierbrauerei in London. "Hier findet die Produktion statt, wo das Wunder passiert", sagt er. Der Wahl-Londoner, der die ORA Brewery betreibt, braut Bier mit "italienischer DNA", wie er betont. Besonders stolz ist Costazaccarelli auf sein Limoncello I.P.A., ein Bier mit leichtem Zitronengeschmack. Seit dem Brexit verkauft es sich allerdings nicht mehr so gut. Kleine Mengen an verschiedene Bars und Restaurants in der EU zu verkaufen, ist zu aufwendig geworden und nicht mehr rentabel.

Imke Köhler ARD-Studio London

Die Brauerei hat einen Großhändler eingeschaltet und wegen der Zollerklärungen auch ein Logistikunternehmen - das bedeutet aber zusätzliche Kosten, die am Ende auch das Bier der ORA Brewery teurer machen. Zudem dauert der Transport der Ware nach Italien nun drei bis sechs Wochen länger. Da ist das frische Fassbier unterwegs auch schon mal schlecht geworden.

Costazaccarelli spürt den Brexit deutlich. Er hat höhere Kosten und weniger Ertrag. "Alles zusammengenommen - die zusätzlichen Verwaltungskosten und die Zollgebühren - macht es ungefähr 30 bis 35 Prozent mehr aus, als wir vor dem Brexit gezahlt haben. Was die Einnahmen angeht, ist es viel weniger. Wahrscheinlich 50 Prozent weniger." Die ORA Brewery will nun versuchen, mehr Bier in England zu verkaufen. Der Export in die EU läuft nicht mehr so richtig.

Handel - deutlicher Rückgang

Dabei hatte Boris Johnson etwas ganz Anderes versprochen. Der britische Premier war am 24. Dezember 2020 vor die Presse getreten, um die Einigung mit der EU auf ein Freihandelsabkommen zu verkünden. Es sei ein Deal, sagte Johnson, der Arbeitsplätze schützen werde, und "ein Deal, der unseren Unternehmen und Exporteuren ermöglichen wird, noch mehr Geschäfte mit unseren europäischen Freunden zu machen". Das Gegenteil ist eingetroffen.

Natürlich ist 2021 von der Corona-Krise überschattet worden. Aber der Think Tank "Centre for European Reform" (CER) hat untersucht, welche Einbußen allein auf den Brexit zurückgehen. Der Studie zufolge ist Großbritanniens Warenhandel durch den EU-Austritt deutlich geschrumpft: Er war im Oktober 2021 um knapp 16 Prozent geringer, als er es ohne Brexit gewesen wäre, und auch in den meisten Monaten davor lag der Einbruch im zweistelligen Prozentbereich.

Zu diesem Ergebnis passt auch die Aussage von James Sibley von der Federation of Small Businesses - einer Organisation, die kleine und mittlere Unternehmen vertritt. Sibley sagt über seine Mitglieder: "Von unserer Forschung wissen wir, dass ein Viertel der Exporteure den Export seit dem Ende der Übergangsphase eingestellt hat." Die Übergangsphase endete am 31. Dezember 2020. Danach wurde der Brexit spürbar. Wie viele der Unternehmen den Handel mit der EU ganz aufgegeben haben oder ihn nach einer Pause wieder aufnehmen werden, muss sich noch zeigen.

Karte Nordirland
Nordirland nach dem Brexit

Seit dem Brexit verläuft zwischen Nordirland und der Republik Irland eine EU-Außengrenze. Damit die offen bleiben kann und der Frieden auf der irischen Insel nicht gefährdet wird, hat Nordirland einen Sonderstatus erhalten. Dort gelten für Waren weiterhin die Regeln des EU-Binnenmarktes, und die Zollgrenze, die es eigentlich zwischen Nordirland und Irland geben müsste, wurde in die Irische See verlegt.

Damit müssen nun aber Waren, die von Großbritannien - dem britischen Kernland - nach Nordirland gebracht werden, deklariert und kontrolliert werden, weil sie von dort aus über die offene Grenze nach Irland und damit in den EU-Markt gelangen könnten. Diese Warenkontrollen, die das Nordirland-Protokoll regelt, haben zu Lieferengpässen und neuen Spannungen in Nordirland geführt. Ein Teil der nordirischen Bevölkerung befürchtet, vom Rest des Königreichs abgeschnitten zu werden. Die britische Regierung verhandelt derzeit mit der EU über weitgehende Änderungen des Protokolls.

Nordirland - Sonderstatus mit Folgen

Der Brexit hat auch die Warenströme innerhalb des Vereinigten Königreichs verändert. Dem Verband Manufacturing NI zufolge, der in Nordirland rund 5500 Herstellerfirmen vertritt, beliefert jedes vierte britische Unternehmen Nordirland nicht mehr. Der Aufwand ist zu groß, denn jetzt müssen Waren, die von Großbritannien nach Nordirland transportiert werden, durch den Zoll. Das kostet Zeit und Geld. Die nordirischen Unternehmen erhalten damit zum Teil keinen Nachschub mehr aus Großbritannien oder müssen für ihn mehr bezahlen. Ein klarer Wettbewerbsnachteil.

Auf der anderen Seite profitieren die nordirischen Unternehmen aber davon, nicht nur Zugang zum britischen Markt, sondern nach wie vor auch freien Zugang zum EU-Markt zu haben und damit "das Beste aus zwei Welten". Die veränderten Umstände haben dazu geführt, dass der Ost-West-Handel mit Großbritannien zurückgegangen ist, während der Nord-Süd-Handel mit Irland boomt. Stephen Kelly, Chef von Manufacturing NI, sagt: "Die Exporte von Nordirland nach Irland sind um 60 Prozent gestiegen, und das zu einer Zeit, in der die britischen Exporte in die EU um 16 Prozent geschrumpft sind."

Der britischen Statistikbehörde ONS zufolge hat sich Nordirland im Vergleich zu England, Schottland und Wales am besten von der Corona-Krise erholt und hat wirtschaftlich fast wieder das Niveau von 2019 erreicht. Nicht ausgeschlossen, dass der Brexit für die nordirische Wirtschaft noch zum Standortvorteil wird.

Fachkräftemangel - nicht nur bei Lkw-Fahrern ein Problem

In England dagegen herrschte Ende September Krisenstimmung. An immer mehr Zapfsäulen stand "außer Betrieb". Viele Briten kamen nicht mehr zur Arbeit, selbst Krankenwagenfahrer hatten größte Schwierigkeiten zu tanken. Der Mangel an Lkw-Fahrern hatte dazu geführt, dass nicht mehr alle Tankstellen beliefert werden konnten, Panikkäufe machten die Lage noch schlimmer.

Lkw-Fahrer fehlen auf der Insel schon seit Längerem, aber die Corona-Krise und der Brexit haben den Mangel verschärft. Laut der britischen Statistikbehörde haben seit März 2019 rund 16.000 EU-Fahrer das Land verlassen. Aus Sicht der britischen Regierung ist der Brexit aber nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung, weil er die Personenfreizügigkeit beendet hat. Anstatt billige Arbeitskräfte aus der EU anzuheuern, sollen die Speditionen nun höhere Löhne zahlen und dafür sorgen, dass wieder mehr Briten Lkw-Fahrer werden wollen.

Tatsächlich fehlen Fachkräfte aber in vielen Wirtschaftsbereichen, auch in der Pflege, der Landwirtschaft, der fleischverarbeitenden Industrie und im Gastgewerbe. Denn seit Januar 2021 gilt: Wer zum Arbeiten auf die Insel kommen will, braucht ein Visum und muss ein Mindesteinkommen und englische Sprachkenntnisse nachweisen. Das führt dazu, dass viele Stellen unbesetzt bleiben. Auch können manche Unternehmen nicht expandieren, weil sie das nötige Personal nicht finden.

"Global Britain" - Handelsverträge mit wenig Neuerungen

Der Brexit hat Großbritannien die Möglichkeit eröffnet, eigenständig Handelsverträge mit anderen Ländern zu schließen - ein zentrales Element des neuen Selbstverständnisses, das gern als "Global Britain" bezeichnet wird. Allerdings hat die britische Regierung diese Freiheit bisher wenig genutzt oder nutzen können. Von den rund 70 Handelsverträgen, die sie geschlossen hat, unterscheiden sich die meisten kaum von den EU-Verträgen mit den jeweiligen Ländern.

Ein Abkommen mit den USA ist noch in weiter Ferne, und das frisch unterzeichnete Abkommen mit Australien, das als historisch gilt, fällt ökonomisch kaum ins Gewicht. Analysten waren ursprünglich von einem Zuwachs des britischen Bruttoinlandsprodukts um 0,01 bis 0,02 Prozent ausgegangen, das britische Handelsministerium schätzt das Wachstum nun auf 0,08 Prozent, aber das auch erst ab 2035. Den Verlust, der beim Handel mit der EU entstanden ist, kann Großbritannien mit seinen neuen Verträgen nicht kompensieren.

Fazit - mehr Souveränität, weniger Wohlstand

Großbritannien hat durch den Brexit Souveränität zurückgewonnen, aber es zahlt auch einen hohen Preis dafür. Das OBR - eine unabhängige britische Aufsichtsbehörde - geht davon aus, dass der Brexit das Potenzial des britischen Bruttoinlandsprodukts langfristig um vier Prozentpunkte drücken wird. Das Land wird demzufolge weniger Wohlstand haben als es hätte, wenn es in der EU geblieben wäre.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 22. Dezember 2021 um 13:51 Uhr.