Exitschild und britische Fahne

Brexit und die Wirtschaft Viele Firmen stellen Außenhandel ein

Stand: 28.04.2021 16:56 Uhr

Das Brexit-Abkommen soll dafür sorgen, dass der Handel zwischen der EU und Großbritannien eine Zukunft hat. Doch viele Unternehmen fühlen sich von den neuen bürokratischen Hürden abgeschreckt.

Von Constantin Röse, ARD-Börsenstudio

Fünf Jahre: So lange haben Diplomaten der EU und Großbritanniens um den Brexit gerungen. Mit der Abstimmung im Europaparlament ist das Abkommen jetzt aber unter Dach und Fach - versehen allerdings mit einem deutlichen Warnhinweis von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dieses Abkommen habe "Zähne". Das hört sich mehr nach einer Drohung als nach einem Neustart der Beziehungen an. 

Strittiges Thema Nordirland

Geht also der fortdauernde Streit zwischen der EU und Großbritannien weiter? Nein, meint Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank: "Den großen Zoff, den haben wir schon längst gesehen. Aber es gibt noch offene Themen." Zum Beispiel die Lage in Nordirland: Die EU beklagt Verstöße Großbritanniens gegen das Austrittsabkommen. Das garantiert eigentlich offene Grenzen zwischen der britischen Provinz und dem EU-Mitglied Irland.

Großbritannien gefällt das jedoch nicht. Dass die EU wiederum mit Strafzöllen darauf reagiert, hält Krämer aber für eher unwahrscheinlich. "Ich glaube nicht, dass dieser Konflikt so eskalieren wird, dass die Europäische Union Zölle einführen wird im Warenverkehr", sagt der Ökonom, denn: "Die Europäische Union würde sich ins eigene Fleisch schneiden." Schaue man sich die gesamten Exporte der EU nach Großbritannien an, so seien diese im Januar nicht zurückgegangen.

Bürokratische Hürden schrecken Unternehmen ab

Bei den deutsch-britischen Handelsbeziehungen sieht das Bild aber ganz anders aus. Die deutschen Exporte nach Großbritannien brachen im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent ein. In deutschen Unternehmen ist die Stimmung entsprechend schlecht. Besonders die Zollformalitäten sind Unternehmen, die Waren auf die Insel exportieren möchten, seien ihnen ein Dorn im Auge, erklärt Carsten Brzeski, Chefökonom der ING Bank. "Sie wurden teilweise doch überrascht von diesen ganzen bürokratischen Hürden, die jetzt aufgebaut wurden, durch die Tatsache, dass jetzt Großbritannien nicht mehr Mitglied im Binnenmarkt Europas ist."

Das führe zu höheren Kosten und zu höherer Bürokratie, so Brzeski, und das schrecke einige Unternehmen ab. Einer Umfrage der British Chamber for Commerce in Germany und des Beratungsunternehmens KPMG zufolge haben sogar 17 Prozent beschlossen, den Außenhandel mit Großbritannien gleich ganz einzustellen, weil es sich für sie nicht mehr lohnt. 

Noch immer viele Fragen offen

In dieser Scheidung wird aber auch klar, dass viele Themen noch ungeklärt sind: Wie geht es mit der Hochseefischerei weiter? Oder wie gehen die EU und Großbritannien mit Finanzdienstleistungen um? Volkswirt Brzeski glaubt noch nicht an eine schnelle Entspannung zwischen dem Festland und der Insel. "In den kommenden Monaten - wahrscheinlich auch im Laufe diesen gesamten Jahres und auch des nächsten Jahres - werden wir eher die negativen Folgen des Brexits sehen, als dass man hier schon jetzt über neue Chancen sprechen könnte." 

Wenn jemand Chancen sieht, dann sind es die Brexit-Hardliner. Sie verweisen gerne auf die starken Konjunkturprognosen. Das Wirtschaftswachstum in Großbritannien soll in diesem Jahr danach rund sechs Prozent betragen, in Deutschland zum Beispiel nur etwa 3,5 Prozent. Das verdankt die britische Wirtschaft aber vor allem dem Impferfolg im Lande - und keineswegs dem Brexit. Dessen Folgen wird man erst nach der Pandemie wirklich sehen können.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 28. April 2021 um 16:24 Uhr.