Grün bewachsene Ebene mit Bergen im Hintergrund | ARD-Studio Rio/Matthias Ebert

Uran-Abbau Brasiliens riskante Pläne

Stand: 21.05.2022 06:53 Uhr

Im Zuge des Ukraine-Kriegs genehmigt Brasiliens Regierung den massiven Abbau von Uran. Was für Präsident Bolsonaro strategische Bedeutung hat, bedroht die Existenz familiärer Kleinbauern.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Wenn Joselene Sena und Antonio da Silva in Richtung der steilen grünen Berge schauen, die sich hinter ihrem Heimatort Lagoa do Mato erheben, wird ihnen klamm ums Herz. Denn bald schon soll dort eine gigantische Uran-Mine entstehen. Brasiliens Umweltbehörde hat dafür vor wenigen Wochen grünes Licht gegeben.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

"Alle Menschen dieser Region werden darunter leiden, sollte es bei dieser Uranmine ein Leck oder einen Unfall geben", befürchtet Joselene. "Denn dann sind unsere Wasserquellen radioaktiv verseucht."

Vorkommen in den 1970ern entdeckt

Seit er denken kann, arbeitet Antonio als Kleinbauer. Joselene ist Leiterin der lokalen Kooperative von mehr als 200 bäuerlichen Familienbetrieben, die seit Generationen Fruchtsäfte produziert: Ananas, Bananen, Guaven und Caja.

Unter Joselenes Führung ist die Kooperative in den vergangenen Jahren gewachsen. Sie beliefert mittlerweile die lokale Stadtverwaltung und Schulen mit ihren Saftkonzentraten aus Früchten, die sie in der malerischen Region ökologisch anbauen. Der Jahresumsatz sei zuletzt auf 380.000 Euro gestiegen.

Ihr Erfolgsprojekt ist nun in Gefahr, glaubt Joselene. Denn in Sichtweite von Antonios Bio-Plantagen und dem Sitz von Joselenes Kooperative schlummern die größten Uranvorkommen Brasiliens. Entdeckt wurden sie schon in den 1970er Jahren. Seitdem hat das staatliche Unternehmen Indústrias Nucleares do Brasil, kurz INB, mehrere Anträge eingereicht, um das Uran des Minenprojekts namens Santa Quiteria in Form von "Yellow Cake" abzubauen.

Der brasilianische Landwirt Antonio da Silva  | ARD-Studio Rio/Matthias Ebert

Antonio da Silva fürchtet, dass Uranabbau in der Region seinem Bio-Landbau in der regionalen Kooperative schaden würde. Bild: ARD-Studio Rio/Matthias Ebert

Widerstände wegen des hohen Wasserverbrauchs

Doch jedes Mal war das Vorhaben an Bedenken der brasilianischen Umweltbehörde Ibama gescheitert. Grund war neben der Sorge vor Umweltverschmutzungen vor allem der zu erwartende hohe Wasserverbrauch beim Uranabbau. Denn schon jetzt leidet die gesamte Region im Bundesstaat Ceará unter monatelangen Dürreperioden.

Die meiste Zeit des Jahres bleiben Niederschläge vollständig aus und der Boden ist staubtrocken. Dann sind viele Bauern auf Wasserlieferungen per Lkw angewiesen. Wohl auch deshalb hat Brasiliens Umwelt-Kontrollbehörde jahrzehntelang kein grünes Licht für das Uran-Minenprojekt Santa Quiteria gegeben.

Das änderte sich erst im März dieses Jahres. Kurz nach Beginn des Ukraine-Kriegs legte Brasilien einen Sonderplan auf, der den Abbau von weltweit knapp gewordenen Düngemitteln erleichtern sollte.

Weil bei Santa Quiteria neben Uran auch Phosphat gewonnen werden soll, bekam der staatliche INB-Konzern nun grünes Licht. Ziel ist - neben Phosphat - der Abbau von jährlich 2500 Tonnen Uran. Es wäre mit Abstand die größte Uranmine Brasiliens, die ihren Betrieb in zwei Jahren aufnehmen soll.

Auch Dünger spielt wichtige Rolle

Für Ricardo Neves vom Düngemittelkonzern Galvani, der an dem Projekt beteiligt ist, spielt eine größere Unabhängigkeit und Eigenversorgung Brasiliens bei Düngemitteln eine wichtige Rolle. "50 Prozent des Ernteertrags in Brasiliens Agrargebieten ist nur möglich, weil wir Düngemittel einsetzen. Leider haben wir zuletzt mehr als vier Fünftel davon importiert."

Santa Quiteria steht nun für die Kehrtwende, die Brasilien derzeit vollzieht, um mittelfristig die geringer ausfallenden Dünger-Importe aus Osteuropa zu ersetzen. Dass dafür ausgerechnet in ihrer Gegend eine riesige Mine entstehen soll, schürt bei Antonio und Joselene Existenzängste. Neben der Sorge vor Wasserknappheit haben sie vor allem Angst vor radioaktivem Staub und verunreinigtem Grundwasser. Denn in den Bergen, unter denen sich das Uran befindet, entspringen die wichtigsten Flüsse der Region.

Die Gegend um den Ort Lagoa do Mato im brasilianischen Bundesstaat Ceará | ARD-Studio Rio/Matthias Ebert

In der Gegend um den Ort Lagoa do Mato im Bundesstaat Ceará leben viele Landwirte vom Bio-Anbau. Bild: ARD-Studio Rio/Matthias Ebert

Furcht vor steigendem Krebsrisiko

Ganz konkret befürchtet Joselene den Anstieg der Krebsrate in ihrem Ort. "Wir wissen, dass bei der weitaus kleineren Uranmine im Ort Caetité im Bundesstaat Bahia Grenzwerte im Grundwasser überschritten und bei der Bevölkerung eine erhöhte Krebsrate durch die Gesundheitsbehörden festgestellt wurden."

In der Tat gab es zahlreiche Berichte über Unregelmäßigkeiten beim Uran-Abbau in Caetité. Der dortige Betreiber ist ebenfalls der INB-Konzern. Dieser weist gegenüber dem ARD-Studio Rio de Janeiro darauf hin, dass sein Betrieb in Bahia ordnungsgemäß und im Einklang mit den Normen der nationalen Nuklearbehörde ablaufe.

Sorgen vor einer erhöhten Krebsrate müsse man nirgendwo haben, erklärt der INB-Direktor für Bodenschätze, Rogerio Carvalho. "Bei der Uranmine Santa Quiteria werden wir alles überwachen: die Gesundheit der Mitarbeiter, das Flusswasser, den Boden und die Fischbestände."

Riskanter Abbau, kaum Kontrollen

Daran hat José Carlos Araújo seine Zweifel. Der Professor an der Universität Ceará hält die Risiken beim Uranabbau für immens. Nicht nur werde dabei deutlich mehr Wasser verbraucht als die trockene Region vertrage. Auch seien Unfälle beim Betrieb der Mine wahrscheinlich. "Derartige Vorfälle kennen wir in Brasilien bereits, weil bei Minenbetrieben oft keine strengen Kontrollen durchgeführt werden."

Joselene Sena will versuchen, das Minenprojekt noch irgendwie zu verhindern - auch wenn sie weiß, dass das ziemlich aussichtlos sein dürfte. "Der Bürgermeister, der regionale Gouverneur und die Bolsonaro-Regierung - sie alle befürworten den Uranabbau."

Deshalb macht sich Joselene Sorgen um die Zukunft der Kleinbauern und ihrer Kooperative. "Für die Betreiber und die Kunden wird diese Mine lukrativ sein. Für uns dagegen bedeutet sie Abfälle und Verschmutzung." Wie lange sie noch weitermachen können mit dem Bio-Obstanbau, wissen sie nicht.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 20. Mai 2022 um 13:47 Uhr.