Eine Kundin steht an einem Geldautomaten einer Filiale der spanischen Bank Santander. | picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Kritik an Spaniens Banken "Ich bin alt, aber kein Idiot"

Stand: 07.02.2022 12:23 Uhr

In der Pandemie läuft bei Spaniens Banken vieles nur noch digital. Ein 78-Jähriger fordert mit einem griffigen Slogan mehr Service für ältere Kunden, Hunderttausende unterstützen seine Kampagne. Das zeigt Wirkung.

Von Franka Welz, ARD-Studio Madrid

Für Carlos San Juan ist es nicht nur ein persönliches Ärgernis, dass - wie er meint - die spanischen Banken ältere Menschen wie ihn vergessen haben. Er selbst konnte unlängst mehrere Tage lang kein Geld abheben, weil das nur mit einem Termin ging, der über eine App ausgemacht werden musste. Fast alles sei inzwischen online. Diese Ausgrenzung hätten er und Tausende andere Menschen nicht verdient, schreibt er in seiner Online-Petition mit dem Titel "Ich bin alt, aber kein Idiot", die für ihn auch eine Frage der Menschlichkeit und der sozialen Gerechtigkeit ist.

Franka Welz ARD-Studio Madrid

Es geht Carlos San Juan nach eigener Aussage darum, denjenigen eine Stimme zu geben, die nicht einmal von dieser Kampagne erfahren können, geschweige denn unterschreiben, die komplett ausgeschlossen sind und das Digitale auch nicht mehr lernen werden.

Aufruf findet Gehör

Sein Aufruf hat sich in Windeseile in Spanien verbreitet - und die Politik hört zu. Das Büro der Wirtschaftsministerin hat bei Carlos San Juan angerufen. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Pedro Sánchez versicherte Ende Januar, der spanische Bankenverband hätte sich bei einem Treffen mit Wirtschaftsministerin Nadia Calvino dazu verpflichtet, den Service für ältere Menschen zu verbessern, und die Regierung werde diesbezüglich wachsam sein.

Wirtschaftsministerin Calvino, die in der Regierung für die digitale Transformation zuständig ist, hat den Banken einen Monat Zeit gegeben, um Vorschläge zu machen, wie eine bessere "finanzielle Inklusion" der Älteren aussehen könnte.

Für Carlos San Juan, den 78-jährigen Initiator der Kampagne, ist das nicht akzeptabel gute Absichten, Kommissionen, Programme, deren Umsetzung womöglich Monate dauern könnte, reichen ihm nicht. Das gehe schon lange so und müsse jetzt gelöst werden, sagt er.

Am Dienstag will Carlos San Juan die mehr als eine halbe Million Unterschriften an das Wirtschaftsministerium übergeben und diejenigen, die er, wie er sagt, im Herzen trägt, hinzufügen - von den vielen Menschen, die seine Petition nicht unterschreiben konnten.

Banken schließen viele Filialen

Um ihre Gewinne zu steigern, dünnen auch in Spanien Banken ihre Filialnetze immer weiter aus. Etwa die Santander-Bank schließt derzeit 1000 Zweigstellen und baut Personal ab. Mehr als 20.000 Bankfilialen wurden in Spanien in den vergangenen zehn Jahren dicht gemacht - viele davon auf dem Land. Aber auch in Großstädten wie Madrid gibt es in vielen Stadtteilen immer weniger Bankfilialen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Rentner: Mittlerweile ist jeder Fünfte in Spanien älter als 65 Jahre.

Das Problem ist auch bei Pablo Hernandez de Cos angekommen, dem Chef der spanischen Notenbank. Mit ihm hat Carlos San Juan unlängst fast eine dreiviertel Stunde telefoniert. "Er hat mir während des gesamten Gesprächs zugehört und mir sogar gesagt, er werde wieder anrufen, um sich auszutauschen", sagt Carlos San Juan. "Aber ich habe nochmal darauf bestanden, dass die Kampagne nicht endet, bis nicht auch die Probleme enden."

Parlament greift das Thema auf

Mittlerweile ist das Thema auch im spanischen Kongress angekommen, dem Parlament in Madrid. Mehrere Parteien, darunter die Sozialisten von Ministerpräsident Sanchez, seine Regierungspartner von Unidas Podemos, aber auch die konservative Volkspartei haben Vorschläge eingereicht, um etwa in der Verwaltung, im Bankensektor sowie in anderen Bereichen der Daseinsvorsorge eine persönliche Betreuung älterer Menschen zu garantieren.  

Womöglich bekommt Carlos San Juan sogar seinen Willen. Denn ihm geht es um mehr als um die Banken. Er wünscht sich einen radikalen Wandel zu einem öffentlichen Dienst, der alten Menschen zuhört.

Dieser Beitrag lief am 07. Februar 2022 um 09:24 Uhr im Deutschlandfunk in der Sendung "Europa heute".