Näherinnen in einer Textilfabrik in Bangladesch | REUTERS

Lockdown in Bangladesch Nur genäht werden darf noch

Stand: 19.04.2021 08:15 Uhr

Wegen steigender Fallzahlen hat Bangladesch einen einwöchigen strikten Corona-Lockdown verhängt. Alles muss schließen - nur die Textilindustrie nicht.

Von Peter Hornung und Shehab Sumon, ARD-Studio Südasien

Bangladesch hat wegen der steigenden Zahl von Corona-Neuinfektionen strikte Beschränkungen verhängt. Es gilt ein strikter Lockdown mit ganztägiger Ausgangssperre - doch es gibt Ausnahmen. Während die meisten Läden und Märkte geschlossen sind, der öffentliche Nahverkehr genauso lahmgelegt ist wie der Flugverkehr, dürfen Bangladeschs Textilfabriken weiter produzieren.

"Wir haben an die Regierung appelliert, die Fabriken offen zu lassen", sagte Khandoker Rafiqul Islam, Vizepräsident des nationalen Verbands der Textilhersteller BGMEA, dem ARD-Studio Südasien. Die Textilunternehmen hätten derzeit so viele Aufträge: "Es liegt in unserer Verantwortung, die Arbeiten pünktlich abzuliefern."

Angst vor einem weiteren Einbruch - und vor dem Virus

Bangladeschs Textilindustrie fürchtet einen ähnlichen Einbruch wie vor einem Jahr, als Milliardenaufträge storniert wurden. Damals hatte die Regierung auch die Textilfabriken geschlossen. Hinzu kam, dass die internationalen Modeunternehmen wegen der Pandemie deutlich weniger abnehmen wollten - ein Desaster für die wichtigste Industriebranche des Landes, die für 80 Prozent der Exporte Bangladeschs verantwortlich ist. Zwar kamen die Großkunden später zurück, sie hätten aber teilweise große Rabatte verlangt, so BGMEA. Ein Schaden also blieb.

Nun aber ist es anders - die Nähmaschinen laufen weiter. Auch die von Shoheda Akhter, die seit 16 Jahren bei "Solar Garments" arbeitet, einer der zahlreichen Textilfabriken in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Dennoch macht sich die 30-Jährige große Sorgen. Einerseits, weil sie fürchtet, wie im vergangenen Jahr wieder ihr Einkommen zu verlieren, sollte ihre Fabrik doch noch schließen müssen. Andererseits, weil sie Angst vor der Krankheit hat. Schon bei leichtem Fieber fürchte sie, sich angesteckt zu haben, sagt Shoheda. Schließlich sei es bei so vielen Fabrikarbeiterinnen keine leichte Aufgabe für die Unternehmen, die Sicherheit zu gewährleisten.

Textilarbeiterin Jharna Begum aus Bangladesch | Shehab Sumon/ARD-Studio Südasien

Jharna Begum hofft darauf, sich in der Textilfabrik nicht mit dem Coronavirus zu infizieren. Doch auf ihre Arbeit ist sie angewiesen. Bild: Shehab Sumon/ARD-Studio Südasien

Sie gehe zwar morgens zu Fuß zur Arbeit und fahre nicht wie viele andere Arbeiterinnen mit einem überfüllten Firmenbus. Doch die Gefahr sei real. Trotzdem könne sich jemand wie sie Angst vor Corona eigentlich gar nicht leisten, so Shoheda: "Wir kriegen Geld, wenn wir arbeiten. Wenn wir nicht arbeiten, kriegen wir nichts. Wir haben also nicht viel Spielraum, um über das Coronavirus nachzudenken." Umgerecht etwa 250 US-Dollar hat Shohedas vierköpfige Familie jeden Monat zum Leben. Ihr eigenes Einkommen ist noch wichtiger, seit ihr Mann wegen Corona einen besser bezahlten Job in der Textilfabrik verlor und nur noch als Pförtner arbeiten kann.

Shohedas Kollegin Jharna Begum geht es ähnlich - die Angst vor dem Einkommensverlust ist größer als die vor der Krankheit. Mit der Sicherheit in der Fabrik sei es nicht weit her, sagt die 26-Jährige. "Weil es sich um eine Textilproduktion handelt, müssen wir sehr eng miteinander arbeiten. Wir können den erforderlichen Abstand gar nicht einhalten. Das liegt an der Natur unserer Arbeit."

Offene Textilfabriken weniger gefährlich als Schließungen?

Angesichts der Corona-Gefahr sei es besser, die Fabriken offen zu lassen als zu schließen, sagt BGMEA-Vizepräsident Khandoker Rafiqul Islam, der selbst Fabrikbesitzer ist. "Beim Lockdown im letzten Jahr haben wir festgestellt, dass sich das Virus eher verbreitet, wenn die Busbahnhöfe voll sind und die Straßen, weil die Arbeiter Richtung Heimat ziehen." Damals waren die Arbeiterinnen und Arbeiter in purer Not zu Hundertausenden aus den Städten geflohen, um nicht zu verhungern. Aber besteht nicht die Gefahr, dass aufgrund der Arbeitsverhältnisse die Textilfabriken nun zu Hotspots werden? Nein, sagt der Textilunternehmer, man beachte alle Hygienevorschriften. Zudem gebe es firmeneigene Krankenhäuser und Isolierzentren für die Arbeiterinnen.

Die Fabriken aus Sicherheitsgründen zu schließen, verlangt auch die Arbeiterorganisation "Bangladesh Center for Workers' Solidarity" nicht. Ihre wichtigste Forderung: Den Arbeiterinnen dürfe der Lohn auf keinen Fall gekürzt oder ganz gestrichen werden - so wie im vergangenen Jahr, als viele plötzlich vor dem Nichts standen. Aika Fischbeck von der deutschen Frauenrechtsorganisation Femnet sagt, auch den internationalen Modeunternehmen dürfe nicht egal sein, was gerade in Bangladesch vor sich gehe: "Wir sehen hier nicht nur die Fabrikbesitzer in Bangladesch in der Pflicht, sondern auch die beauftragten Modeunternehmen müssten Verantwortung übernehmen und müssen auch sicherstellen, dass die Fabriken Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen einhalten können, um die Arbeiterinnen vor einer Ansteckung zu schützen."

Der Arbeiterin Jharna Begum bleibt nur die Hoffnung, trotz der Arbeitsbedingungen in der Textilfabrik gesund durch die Pandemie zu kommen und ihre Familie weiter ernähren zu können. Denn ihr Mann sei wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie arbeitslos, Kredite könne das Paar deshalb im Moment nicht zurückzahlen. Doch die 26-Jährige gibt sich zuversichtlich: "Er wird mit der Gnade des Allmächtigen wieder einen Job bekommen, sobald das mit dem Coronavirus vorbei ist."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 16. April 2021 um 05:15 Uhr sowie um 12:41 Uhr in der Wirtschaft.