Zwei Argentinierinnen arbeiten an einer Mauer | AFP

Emanzipation in Argentinien Maurerinnen als Avantgarde

Stand: 08.08.2021 10:23 Uhr

In Argentinien packen immer mehr Frauen auf dem Bau selbst an. Die Corona-Krise verstärkt diesen allgemeinen Trend hin zu mehr Gleichberechtigung am Rio de la Plata.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Beherzt sticht Valeria Salguero mit der dreieckigen Maurerkelle in den Zementsack. Danach findet die 32-Jährige problemlos das richtige Verhältnis für die Mörtel-Mischung. Kurz darauf klatscht sie die nasse graue Masse an die rote Backsteinwand hinter sich. In einer Woche will Valeria mit dem Verputzen fertig sein. Dann soll ihre Tochter in das neue Kinderzimmer einziehen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Aus der Not eine Tugend gemacht

An dem Anbau hat kein professioneller Bauarbeiter mitgewirkt, sondern es war Valeria selbst, die mitten in der Corona-Krise alles in die Hand genommen hat. Sie erzieht ihre beiden Kinder seit einigen Jahren allein - wie viele Frauen in Argentinien. Das ist für Valeria seit jeher verbunden mit finanziellen Engpässen wegen der langanhaltenden Wirtschaftskrise und Inflation am Rio de la Plata. Die Geldsorgen wurden während der Pandemie nochmal größer, weil Valeria ihren Beruf als Friseurin nur noch begrenzt ausüben durfte.

Als ihre älteste Tochter ein eigenes Kinderzimmer brauchte, stand Valeria vor einem Problem. "Ich brauchte dringend einen zusätzlichen Raum in meinem Haus, konnte mir aber einen professionellen Maurer einfach nicht leisten." Also griff sie selbst zur Maurerkelle und zog neue Wände hoch, zimmerte Holzlatten aufs Dach und nagelte Dachpappe fest. Einfach war es keineswegs, aber Stück für Stück lernte Valeria, worauf es ankam: die richtige Mischung für den Mörtel, das passende Werkzeug und die ideale Größe der Backsteine, damit im argentinischen Winter nicht zu viele Wärme entweicht.

Längst ist für Valeria ist das Mauern zum Hobby geworden; eine Tätigkeit, die in Argentinien traditionell Männern vorbehalten war. "Ja, heute ist das zwar Männersache, aber ganz früher haben auch Frauen das Heim gebaut, während die Männer draußen bei der Arbeit waren oder auf dem Feld", erklärt Valeria.

Valeria Salguero | Verena von Schönfeldt

Valeria Salguero hat aus der Not eine Tugend gemacht und sich das Mauern selbst beigebracht. Bei Facebook ist sie mit Gleichgesinnten in ganz Argentinien vernetzt. Bild: Verena von Schönfeldt

Argentinien entwickelt sich progressiv

Diese Eroberung einer Männerdomäne ist kein Einzelfall in Argentinien. In dem südamerikanischen Land sind Frauenbewegungen in den vergangenen Jahren immer stärker geworden und fordern mehr Rechte ein. So demonstrierten 2018 und 2019 Hunderttausende Argentinierinnen für das Recht auf Abtreibung - mit Erfolg. Im Dezember 2020 beschloss der Senat das Ende des strengen Abtreibungsverbots.

Auch darüber hinaus ist Argentinien bei der sozialen Gesetzgebung Avantgarde: sei es beim Kampf gegen Gewalt gegen Frauen oder bei Rechten für die LGBT-Bevölkerung. Mittlerweile gibt es die Möglichkeit, mit einem "X" im Personalausweis ein nicht-binäres Geschlecht eintragen zu lassen. Darüber hinaus hatte im Juni die argentinische Abgeordnetenkammer eine gesetzliche Transquote im öffentlichen Dienst mit großer Mehrheit auf den Weg gebracht.

"Mauern ist Frauensache"

Nach der Entdeckung ihrer handwerklichen Fähigkeiten hat Valeria Salguero im ganzen Land für Furore gesorgt. Denn sie gründete die Facebook-Gruppe "Mauern ist Frauensache" - und vernetzte sich mit Gleichgesinnten im ganzen Land. Darin tauschen sie Tipps für den Hausbau aus und helfen sich gegenseitig. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die Gruppe auf 13.000 Mitglieder an - 92 Prozent davon Frauen. "Die meisten in der Gruppe sind alleinerziehend wie ich und haben harte Schicksale hinter sich. Wir reden viel darüber. Ich bin überrascht, wie viele Frauen mittlerweile selbst beim Ausbau anpacken."

Eine der Mitstreiterinnen ist Andrea Figueras. Sie bestreitet heutzutage sogar ihr gesamtes Einkommen mit der Arbeit auf Baustellen. Denn die Regierung in Buenos Aires beteiligt Frauen ganz gezielt am Bau staatlicher Sozialwohnungen - bei gleichem Gehalt wie ihre männlichen Kollegen. "Wenn wir heimkommen, dann warten da die Kinder, das Abendessen, das Bügeln, Waschen und so weiter", erklärt Andrea. "Deshalb brauchen wir auch zu Hause die gleichen Rechte wie Männer. Wir müssen abends auch sagen können: 'Mann, ich komme gerade vom Bau, ich bin todmüde!'"

Der Erfolg ihrer Bauarbeiterinnen-Bewegung macht Valeria stolz. Das nächste Ziel hat sie bereits vor Augen: "Ich wünsche mir, dass wir eines Tages eine solidarische Frauengruppe gründen, bei der wir denjenigen älteren Frauen beim Haus-Ausbau helfen, die es selbst nicht mehr schaffen." Ganz nach dem Motto von Valeria Salguero: "Frauen können das auch".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 08. August 2021 um 08:45 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

Avatar
schiebaer45 08.08.2021 • 19:18 Uhr

Meine Tochter hat sich

eine älterer Eigentum Wohnung gekauft.Da gibt es viel zu renovieren.Von Mauern umzusetzen bis Bad fliesen hat sie alles alleine hingekriegt,nur bei der Verlegung der Stromleitungen hat sie einen Elektriker gebraucht.