Ein Paar geht durch eine Einkaufsstraße in Andorra la Vella. | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Corona-Folgen für Andorra Steuerparadies sucht Einnahmequellen

Stand: 28.11.2021 16:06 Uhr

Mit der Pandemie ist Andorras Haupteinnahmequelle - der Tourismus - dramatisch eingebrochen. Nun will sich das Fürstentum andere Möglichkeiten erschließen, die Wirtschaft am Laufen zu halten

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Andorra, das ist eine Mischung aus spektakulärer Natur - 65 Berge übersteigen die 2000-Meter-Marke - und Shopping-Wahn. Am Rande der Hauptstadt Andorra La Vella sind in den vergangenen Jahren etliche Outlet-Center entstanden; im Zentrum reiht sich eine Boutique an die nächste, dazwischen Juweliergeschäfte und Parfümerien. Die niedrige Mehrwertsteuer von 4,5 Prozent lockt Gäste aus ganz Europa an.

Oliver Neuroth ARD-Studio Madrid

"Wir sind zum Entspannen hier und um die typischen Andorra-Einkäufe zu erledigen, vor allem Mode. Aber ein paar Ausflüge in die Berge machen wir auch", sagt ein spanischer Tourist. Ein deutscher Urlauber aus Hessen hat auf dem Weg nach Spanien einen Zwischenstopp in Andorra eingelegt. "Ist halt alles Shopping und so weiter. Parkplätze eng, klein, man muss suchen", sagt er. "Aber sonst schön hier in den Bergen."

"Wir können problemlos Schulden aufnehmen"

Das Fürstentum lebt vom Tourismus. Vor der Pandemie kamen acht Millionen Besucher pro Jahr, hundert Mal so viele Menschen wie das Fürstentum Einwohner hat. Doch wie alle touristischen Ziele hat auch Andorra unter der Corona-Krise zu leiden. Die Zahl der Gäste ist im vergangenen Jahr kräftig eingebrochen - und damit gingen auch die Einnahmen des Staates zurück.

Andorras Finanzminister Eric Jover sieht die Lage nicht allzu finster. "Klar, wir sind kein Mitglied der Europäischen Union und bekommen daher auch keine Corona-Hilfen aus Brüssel", sagt Jover im Interview mit dem ARD-Studio Madrid. "Wir haben das Glück, dass unsere Haushaltslage dennoch einigermaßen entspannt ist. Unsere Staatsverschuldung beträgt nur 34 Prozent der Wirtschaftsleistung. In unseren Nachbarländern liegt diese Quote weit über der 100-Prozent-Marke. Das heißt, wir können problemlos Schulden aufnehmen, um die staatlichen Leistungen für unsere Bürger sicherzustellen.“

Verhandlungen über besseren Zugang zum EU-Markt

Aktuell laufen Verhandlungen zwischen Andorra und der Europäischen Union. Es geht nicht um einen Beitritt, vielmehr um einen besseren Zugang zum EU-Markt; zum Beispiel für die andorranischen Banken, denn der Bankensektor ist gemessen an der Größe des Landes riesig. Das Bankgeheimnis hat das Fürstentum vor vier Jahren schon abgeschafft, um sich den europäischen Standards anzupassen. Seit 2020 erst gehört Andorra zum Internationalen Währungsfonds und ist damit sein jüngstes Mitglied.

Das Land will sich in Zukunft nicht mehr so sehr auf den Tourismus als Einnahmequelle verlassen. Wie schnell das Geschäft mit Urlaubern stillstehen könne, habe man in der Pandemie eindrücklich gesehen, als plötzlich die Grenzen geschlossen waren, sagt Finanzminister Jover. "Wir sind ein Staat in den Bergen, Land ist knapp und teuer. Wir werden nie die Schwerindustrie nach Andorra locken können", so der Politiker. "Aber das wollen wir auch nicht, allein schon wegen der Umwelt. Außerdem wären die Kosten für die Logistik riesengroß. Andorra ist zum Beispiel ein Land, das sich bestens für Telearbeit eignet, also für Homeoffice aus der Ferne."

Beliebter Wohnsitz für Besserverdiener

Denn die Internetversorgung sei bestens, versichert der Minister. Außerdem schwärmt er für das gute Gesundheitssystem und natürlich das attraktive Steuermodell. Das Wort "Steuerparadies" nehmen Regierungsvertreter nicht so gerne in den Mund. Aber de facto sind die Steuern so niedrig, dass sich vor allem Besserverdiener gerne einen Wohnsitz in Andorra zulegen - zum Beispiel spanische Influencer und YouTuber. Dass sie vermehrt Andorra ansteuern und dem spanischen Staat dadurch haufenweise Steuern verloren gehen, sorgt seit Monaten für Schlagzeilen.

"Dass die YouTuber zu uns kommen, hat Werbung für uns gemacht. Wir suchen aber keinesfalls Streit mit unserem Nachbarn Spanien", sagt Jover. "Wir möchten, dass Europäer - seien es zum Beispiel Spanier oder Deutsche - aus freien Stücken nach Andorra ziehen, mit ihren Familien, mit ihren Firmen. Das sorgt für Reichtum für unser Land, und das ist unser Ziel."

Womit Andorra auch attraktiver werden möchte, für Touristen und potenziell neue Einwohner: Von Mitte Dezember an ist der Zwergstaat mit dem Flugzeug erreichbar. Andorra kooperiert mit dem Flugplatz La Seu D’Urgell in Katalonien, zehn Kilometer von der Grenze entfernt, und will so Besucher aus aller Welt anlocken.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. November 2021 um 18:30 Uhr.