Waldansicht am Kamerunberg (Archivfoto vom 22.10.2005). | picture-alliance/ dpa/dpaweb
Reportage

Kautschuk-Anbau in Kamerun Greenwashing bei der Deutschen Bank?

Stand: 03.05.2021 13:03 Uhr

Für Kautschuk-Plantagen wird hektarweise Regenwald gerodet - auch in Kamerun. Dort ist ein Konzern aktiv, der Geld von der Deutschen Bank bekommt. Die rühmt sich gerne für Nachhaltigkeit. Wie passt das zusammen?

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Rabat, und Constantin Röse, ARD-Börsenstudio

Nicorine Nuah stapft durch den dicht bewachsenen Regenwald im Dja-Reservat in Kamerun in Westafrika. Sie hat knöchelhohe Stiefel an, unter der Schutzmaske schwitzt sie. Es ist schwül, der Wald ein Meer aus dichtem Gestrüpp. Hier zwitschern seltene Vögel, es summen und krabbeln Millionen von Insekten. Seit den 1980er-Jahren ist das Gebiet UNESCO-Weltkulturerbe.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Die Regenwälder Kameruns gehören zum sogenannten Kongobecken - nach dem Amazonas-Gebiet der größte tropische Regenwald der Erde. Es ist die Heimat von Büffeln, Waldelefanten, Schimpansen, Gorillas - über 100 Säugetierarten, von denen viele vom Aussterben bedroht sind, erklärt die Mitarbeiterin des Dja-Reservats, der ARD vor Ort.

Wenn wir über Bewahren, Bewachen und Beschützen reden - über Naturschutz -, dann meinen wir das letzte Bisschen erhalten, was uns noch geblieben ist. Falls wir das hier nicht mit Nachdruck tun, dann werden die nächsten Generationen nichts mehr vorfinden - zum Beispiel keine Elefanten mehr. Sie werden hier so stark für Elfenbein gejagt. Der Druck auf das Reservat ist enorm. Die Projekte rund um das Reservat bedrohen unser Gebiet.

Regenwälder machen Plantagen Platz

Wovon die Reservatsbeauftragte für Forst und Wasser spricht, ist aber nicht nur die Wilderei: Vor den Toren des Reservates schrumpfen die Wälder. Dem kann man zusehen und buchstäblich zuhören. Neben dem Rauschen und Wuseln im Wald ertönt ein Geräusch, das den Bewohnern des Reservats und Aktivisten Bauchschmerzen bereitet: Sägen - Bäume werden abgeholzt.

Das Dja-Reservat in Kamerun liegt in unmittelbarer Nähe zu einem umstrittenen Bauprojekt der Firma Halcyon Agri, die dort über die Tochter-Firma Sudcam Kautschuk-Plantagen betreibt. Das Kautschuk-Unternehmen ist dabei, sich zu vergrößern. Kautschuk-Plantagen stehen weltweit seit Jahren in der Kritik, weil massiv Regenwälder gerodet werden, um ihnen Platz zu machen. Und auch, weil durch die Monokulturen nichts anderes mehr wächst. 

Das passiere auch in Kamerun, sagen Umweltschützer. Und das sei auch für indigene Gruppen, die dort leben, wie die sogenannten Pygmäen, ein Problem, sagt James Olinga. Er ist der Präsident eines Vereins Ascoder von jungen Bewohnern des Reservats, die nach eigenen Angaben die Biosphäre im Reservat erhalten wollen.

Weil Tiere durch die starke Rodung des Regenwaldes weniger Lebensraum hätten, kämen Mensch und Tier sich stärker in die Quere. "Die großen Konzerne ignorieren uns", sagt Olinga. "Sie vergessen, dass ihre Aktivitäten einen großen Einfluss auf unsere Landwirtschaft haben." Gummibäume erstreckten sich über mehr als hundert Hektar. "Wenn dort vorher vielleicht 40 bis 50 Elefanten gelebt haben, kommen sie durch die Abholzung in unsere Wälder. So können wir nichts mehr normal anbauen. Der Schaden für uns ist enorm."

Greenpeace: "Sehr negativer Einfluss auf Reservat"

Greenpeace bezeichnet die Arbeit des Kautschuk-Riesen Halcyon Agri und seines Tochterunternehmens in Kamerun als "schmutzig". Ranéce Jovial Ndjadjou von Greenpeace Africa sagt, das Schutzgebiet stehe zunehmend unter Druck.

Dieses spezielle Kautschuk-Projekt hat einen sehr negativen Einfluss auf das Biosphärenreservat von Dja. Es wird zwangsläufig dazu führen, dass es weniger Fauna gibt und die biologischen Vielfalt zerstört wird. Das Projekt hat Auswirkungen auf rund 30 lokale und indigene Gemeinden. Diese Populationen werden ohne ihre Zustimmung aus ihren historischen Gebieten vertrieben.

Die Liste der Vorwürfe gegen Sudcam ist lang: Menschenrechtsverletzungen, Vertreibung indigener Bevölkerung, radikale Abholzung von klimawichtigen Regenwäldern, Verschmutzung von Gewässern durch Bau- und Fabrikarbeiten. Auf eine ARD-Anfrage zu den Vorwürfen hat Sudcam bislang nicht reagiert.

Aber nicht nur das Kautschuk-Unternehmen steht am Pranger. Auch ein großer deutscher Finanzkonzern steht massiv in der Kritik - entgegen seiner eigenen Nachhaltigkeitsversprechen: die Deutsche Bank

Deutsche Bank weist Vorwurf zurück

Ortswechsel: Wir sind in Frankfurt am Main, vor dem Hochhaus der Deutschen Bank. Das Kautschuk-Unternehmen Halcyon Agri mit seinen Plantagen in Kamerun kennt man hier sehr gut. Denn die Bank ist ein wichtiger Kreditgeber: 25 Millionen US-Dollar leiht die Deutsche Bank aktuell dem Unternehmen. Das aber unter Vorgaben: So soll das Geld etwa die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kleinbauern verbessern und für eine verantwortungsvolle Landnutzung sorgen.

Den Vorwurf des Greenwashings weist die Deutsche Bank zurück. Ein Interview lehnt ein Sprecher der Deutschen Bank ab, in einem schriftlichen Statement heißt es aber:

Wir halten an unseren Nachhaltigkeitszielen und an unseren Positionen fest. Die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele wird uns auch von Dritten bestätigt. Wir werden weiterhin Unternehmen bei ihrer eigenen Transformation zu mehr Nachhaltigkeit begleiten.
Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt am Main. | ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Im Hochhaus der Deutschen Bank weist man den Vorwurf des Greenwashings zurück. Bild: ARMANDO BABANI/EPA-EFE/REX

Expertin nimmt Kritik ernst

Ein hoher Anspruch. Beim Kautschuk-Anbau stößt das Thema Nachhaltigkeit aber an Grenzen - besonders in Kamerun, wenn dafür wertvoller Regenwald weichen muss, sagt Irene Knoke vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene: "Wenn großflächig Waldrodungen stattfinden, dann kann man nicht von nachhaltigem Kautschuk-Anbau sprechen."

Knoke ist ausgewiesene Expertin für den weltweiten Kautschuk-Anbau und verfolgt schon länger die Entwicklung des von Greenpeace kritisierten Unternehmens Halcyon Agri. Sie nimmt die Kritik ernst, sieht aber auch die Bemühungen des Unternehmens, nachhaltiger zu werden: 

Dass sie jetzt versuchen, diese Probleme anzugehen ist eigentlich erst mal positiv zu bewerten. Ich halte die Bemühungen eigentlich auch für glaubhaft. Ob sie aber auch wirklich wirksam sind, ob tatsächlich alle relevanten Stakeholder eingezogen werden, lässt sich im Grund nur vor Ort wirklich beurteilen."  

Also in Gesprächen mit den Betroffenen. Das ist natürlich aufwendig und auch teuer. Unternehmen wie die Deutsche Bank verlassen sich da auf externe Berater und auch auf darauf spezialisierte Nachhaltigkeitsrankings. Im Fall von Halcyon Agri hat die Zoologische Gesellschaft London in einem Branchenranking dem Kautschuk-Anbauer sogar eine Bestnote gegeben.

Analysen nicht immer vertrauenswürdig

Wie vertrauenswürdig diese Analysen sind, lässt sich oft aber schlecht einschätzen, erklärt Nachhaltigkeitsexperte Jörg Weber von Ecoreporter: "Viele Rankings, die erstellt werden, beruhen einfach darauf, dass jemand am Computer sitzt und Kriterienlisten und Häkchen macht oder keine Häkchen macht."

Ein harter Vorwurf, aber Weber hat schon oft erlebt, dass eine vermeintlich gute Bewertung nichts mit der Realität zu tun hat, sieht also auch die Gefahr von Greenwashing. Aus seiner Sicht führt deshalb kein Weg an einer eigenen, intensiven Kontrolle vor Ort vorbei:

 Da muss auch mal jemand, zum Beispiel von einer Bank, wirklich hinfliegen und sich das anschauen, was da passiert. Der muss da auch mal zwei Wochen verbringen - und erst dann kann man das wirklich bewerten.

Das gilt natürlich nicht nur für die Deutsche Bank, sondern für alle nachhaltigen Finanzgeschäfte. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser - so sieht das mittlerweile auch die Europäische Kommission. Sie möchte mehr Transparenz und weniger Greenwashing. Neben der sogenannten Taxonomie-Verordnung für grüne Investments der Finanzbranche möchte Brüssel auch Unternehmen stärker auf ihre Rechenschaftspflichten hinweisen. Sie sollen bessere Informationen liefern, inwieweit ihre Tätigkeiten nachhaltig sind und dem Klimaschutz tatsächlich dienen. 

Aber Anspruch und Wirklichkeit gehen häufig auseinander. Was auf dem Papier im fernen Frankfurt gut aussieht, muss sich nicht mit der Lebenswirklichkeit vor Ort decken - wie zum Beispiel in diesem Fall. Das spüren die Menschen in Kamerun, die von den Auswirkungen der Kautschuk-Plantagen direkt betroffen sind, sogar ihren Lebensraum verloren haben. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio in der Sendung "Informationen am Morgen" am 03. Mai 2021 um 05:51 Uhr.