Beschäftigte von Airbus in Hamburg bei einer Warnstreik-Aktion | dpa

Warnstreiks der IG Metall Die Fronten sind verhärtet

Stand: 02.03.2021 10:44 Uhr

Bundesweit sind in der Metall- und Elektroindustrie Warnstreiks angelaufen. Die Positionen von Arbeitgebern und Gewerkschaftern liegen weit auseinander - was nicht nur an der Pandemie liegt.

Annette Deutskens, NDR

Für die IG Metall ist es in diesem Jahr gleich eine doppelte Herausforderung: Sie muss die Arbeitgeber dazu bringen, trotz der Corona-Pandemie die Löhne zu erhöhen. Und sie muss das ohne die bewährten Konzepte machen: Keine Trauben von Metallern mit Fahnen und Trillerpfeifen, keine Massenveranstaltungen - dafür Abstand, Masken, Desinfektionsmittel. Ganz still soll es aber trotzdem nicht bleiben. Autokorsos und Sternmärsche sind geplant, Werkstore sollen beschallt werden.

Bereits eine Minute nach Mitternacht haben heute mit dem Ende der Friedenspflicht die ersten Proteste begonnen. Zum Beispiel beim Autobatteriehersteller Clarios in Hannover. Thorsten Gröger, Verhandlungsführer der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, sprach vor dem Werkstor zu Beschäftigten der Nachtschicht, er kämpft für mehr Geld oder mehr freie Zeit: "Was spricht denn dagegen, die Arbeit auf vier Tage in der Woche zu verteilen?" Etwa 80 Beschäftigte hören zu, Fackeln in der Hand, Kreidepunkte alle anderthalb Meter auf dem Boden zeigen an, wo jemand stehen darf. Warnstreik in Corona-Zeiten, das ist hier Warnstreik in Reih und Glied.

Vier Prozent mehr Gehalt gefordert

Die Arbeitgeber kritisieren dagegen, die Forderungen der IG Metall seien weniger an die Pandemie angepasst. So fordern Gröger und die anderen IG-Metall-Verhandlungsführer in Deutschland im Kern vier Prozent mehr Gehalt für die 3,8 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie. Entweder als tatsächliches Plus auf dem Konto, oder - je nach Lage des Unternehmens - in Form einer verkürzten Wochenarbeitszeit. Die Arbeitgeber halten das für überzogen. Nicht nur aufgrund der Corona-Pandemie, sondern auch, weil die Branche zeitgleich den Strukturwandel schaffen muss: weg vom Verbrenner, hin zu alternativen Antrieben.

Diesen Konflikt tragen sie auch bei Volkswagen aus, wo ein neuer Haustarif verhandelt wird. Hier geht es neben vier Prozent mehr Geld um zusätzliche freie Tage und um eine Zusage für 1400 Ausbildungsplätze jährlich. Und auch bei Volkswagen gibt es seit heute Warnstreiks. Vor allem in Form von "Frühschluss" - 120.000 Beschäftigte in sechs Werken sind aufgerufen, ihre Schicht eine Stunde früher zu beenden. Wer nicht in der Produktion arbeitet, soll seine E-Mails eine Stunde lang mit der Abwesenheitsnotiz "Ich bin im Warnstreik" beantworten.

Ungewohnter Konflikt für VW-Beschäftigte

Bisher sind die Fronten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verhärtet, was die Beschäftigten vor allem bei Volkswagen so nicht gewohnt sind. Volkswagen habe in allen drei Verhandlungsrunden kein Angebot gemacht, "ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da war Volkswagen gerne mal tarifpolitischer Vorreiter und nicht so abwartend", sagt Dirk Schulze, erster Bevollmächtigter der IG Metall Hannover. Die Gewerkschaft hält die Forderungen auch deshalb für berechtigt, weil Volkswagen selbst im Krisenjahr 2020 einen Milliardengewinn verbucht hat.

Der Konzern hatte nach der dritten erfolglosen Verhandlungsrunde betont, dass VW weiterhin "an einem tragfähigen, fairen und zukunftsfesten Abschluss" interessiert sei. Aber das Unternehmen befinde sich in der größten Transformation seiner Geschichte - und dafür seien enorme Investitionen nötig.

Ähnlich äußerte sich im "Autoland" Niedersachsen auch der Arbeitgeberverband Niedersachsenmetall. Es gelte, in der für die Industrie schwierigsten Phase seit dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam einen Weg zu finden. "Wir bleiben optimistisch, dass beide Seiten in den nächsten Wochen einen Konsens finden", so Hauptgeschäftsführer Volker Schmidt.

Dazu, so sagt IG-Metall-Chef Jörg Hofmann, brauche es allerdings mehr als die "Wundertüten ohne Inhalt", die die Arbeitgeber bisher vorgelegt hätten.