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Verdacht auf Währungskurs-Manipulationen Die wichtigste Minute am Markt

Stand: 04.12.2013 19:16 Uhr

Haben Großbanken ihr Insiderwissen ausgenutzt, um Währungskurse zu manipulieren? Was passiert auf dem Devisenmarkt - und warum spielt dabei ein in London um 16 Uhr festgesetzter Wert eine entscheidende Rolle? Fragen und Antworten von tagesschau.de.

Zusammengestellt von Jörn Unsöld, tagesschau.de.

Was passiert auf dem Devisenmarkt?

Der Devisenhandel spielt für die Weltwirtschaft eine zentrale Rolle. Unternehmen oder Privatleute, die Geschäfte jenseits der Grenzen ihres Währungsraums machen, müssen ihr einheimisches Zahlungsmittel in ein ausländisches tauschen. Erhält etwa ein deutscher Exporteur von seinem Handelspartner außerhalb der Eurozone eine fremde Währung, muss er diese wieder in Euro wechseln. Derartige Tauschgeschäfte basieren auf dem jeweils gültigen Wechselkurs. Bis Ende 1998 wurde dieser an der Frankfurter Devisenbörse von einem amtlichen Makler festgelegt. Er ermittelte in einer Art Versteigerung aus Angebot und Nachfrage der Devisen, wie hoch der Kurs einer Währung ist. Die so errechneten amtlichen Devisenkurse stellten die Grundlage für Abrechnungen von Währungsgeschäften mit allen deutschen Banken dar.

Seit 1999 ermittelt und veröffentlicht die Europäische Zentralbank (EZB) Euro-Referenzkurse für insgesamt 30 Währungen. Diese sind aber anders als früher nur Orientierungswerte, auf deren Basis keine Geschäfte abgewickelt werden können.

Viel entscheidender - und hier setzen auch die Berichte über Manipulationsvorwürfe an - ist ein anderer Wert, und zwar der sogenannte Referenzsatz WM/Reuters ("London Fix"). Dieser wird täglich um 16 Uhr Londoner Zeit von den Unternehmen World Markets und ThomsonReuters zusammengetragen. Per Computer ermitteln sie, welche Transaktionen mit Devisen im Zeitraum zwischen 15.59.30 Uhr und 16.00.30 Uhr abgewickelt werden. In dieser "Fixing"-Minute wird ein Mittelwert errechnet, der als Referenzwert angegeben wird. Für viele international agierende Konzerne ist dieser Wert entscheidend, etwa wenn es um den Abschluss von Abrechnungsverträgen geht. Zahlreiche Händler schließen genau zum Zeitpunkt des "Fixings" ihren Devisenhandel ab. Die Währungsgeschäfte lassen sich dadurch leichter vergleichen.    

Wie lauten die Vorwürfe gegen die Devisenhändler?

Die deutsche BaFin, die britische Finanzaufsicht FCA, die schweizerische Finma (Finanzmarktaufsicht) sowie Behörden aus den USA und Asien prüfen, ob internationale Banken den Referenzwert "London Fix" bewusst manipuliert haben. Dominiert wird der internationale Devisenmarkt nach einer Studie der britischen Fachzeitschrift "Euromoney Institutional Investor" von den Branchengrößen Deutsche Bank (15 Prozent Marktanteil), Citygroup (14,9 Prozent), Barclays (zehn Prozent) und UBS (zehn Prozent). Möglicherweise haben die Institute den Devisenmarkt durch bewusste Manipulationen und Absprachen beim "London Fixing" massiv beeinflusst.

Denkbar wäre beispielsweise ein Szenario, in dem sogenannte Ausfallversicherungen gegen Währungsschwankungen eine Rolle spielen: Damit sichern sich etwa Ölkonzerne bei Banken ab, um Verluste auszugleichen, die zum Beispiel durch einen fallenden Dollarkurs entstehen. Bankenexperte Falko Fecht von der Frankfurt School of Finance & Management erklärt das Phänomen im Gespräch mit tagesschau.de. "Wenn der Vorwurf stimmt, könnten Banken im Handel darauf wetten, dass der Kurs einer Währung steigt - und wegen der entsprechenden Manipulation des Kurses dafür sorgen, dass dieser Fall auch tatsächlich eintritt." Die Institute würden somit durch ihr Insiderwissen verhindern, dass der Versicherungsfall - in diesem Beispiel der sinkende Dollarkurs - eintritt.

Ein Sprecher der BaFin erklärte auf Nachfrage von tagesschau.de, dass es derzeit keinen Anhaltspunkt gebe, dass deutsche Bankhäuser die Kurse manipuliert hätten. Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen.

 

Wer ist von den möglichen Manipulationen betroffen?

Privatkunden müssen nach Fechts Worten keine Bedenken haben, dass sie die Auswirkungen der möglichen Währungsmanipulationen spüren. Anders sei dies bei Unternehmen, die vom Export und Import abhängen. Möglicherweise hätten viele Unternehmen oder Investoren auf diese Weise Geld gegenüber ihren Banken verloren.

Welche Parallelen gibt es zum Libor-Skandal?

In beiden Fällen geht es um sogenannte Referenzwerte, die für die Finanzwelt eine wichtige Rolle spielen. Am Libor orientieren sich alle Geschäfte der Banken, die an einen Zinssatz gebunden sind. Weltweit hängen von diesem Wert Transaktionen in Höhe von geschätzt 500 Billionen Dollar ab. Während der Libor auf Basis von Bankenschätzungen ermittelt wird, basiert die Berechnung des "London Fix" auf realen Geschäften. "Im Prinzip ist das Potenzial der jetzt bekannt gewordenen Vorwürfe mindestens so groß wie beim Libor-Skandal", sagt Bankenexperte Fecht. Seine Begründung: Das Volumen des jetzt in Verruf geratenen Devisenhandels sei weitaus größer als beim Interbanken-Geschäft: Beim Devisengeschäft gehe es um den weltweit größten Finanzmarkt, auf dem täglich mehr als fünf Billionen Dollar im Umlauf seien. Zudem verweist er darauf, dass die Realwirtschaft vom Devisenhandel direkt betroffen ist. Denn für global agierende Unternehmen, deren Geschäfte vom Währungskurs stark abhängen - Stichwort Ölhandel - ist der "London Fix" der zentrale Bezugswert.       

Welche Konsequenzen müssen jetzt gezogen werden?

"Man muss sich Gedanken machen, ob es noch weiter Sinn macht, das Fixing der Währung der Privatwirtschaft zu überlassen", sagt Bankenexperte Fecht. Dass wie jetzt beim "London Fixing" innerhalb einer Minute der entscheidende Wert ermittelt werde, sei besonders anfällig für mögliche Insider-Deals. Stattdessen schlägt er vor, einen Durchschnittswert zu ermitteln, der alle Transaktionen am Devisenmarkt über einen Tag hinweg berücksichtigt. "Dann gäbe es auch weniger Manipulationsmöglichkeiten", ergänzt er.