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Konjunkturerholung im Sommer Wirtschaft wächst schneller als gedacht

Stand: 24.11.2020 10:26 Uhr

In den Sommermonaten ist der deutschen Wirtschaft nach dem Ende des ersten Lockdowns im Frühjahr eine rasante Aufholjagd gelungen. Ökonomen erwarten nun allerdings den nächsten Rückschlag.

Die deutsche Wirtschaft hat sich im Sommerquartal stärker vom  Corona-Absturz erholt als bislang angenommen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wuchs von Juli bis September im Rekordtempo von 8,5 Prozent zum Vorquartal, teilte das Statistische Bundesamt mit. Die bisherige Schätzung wurde also von 8,2 Prozent nach oben revidiert.

Im Frühjahr war Europas größte Volkswirtschaft noch mit 9,8 Prozent so stark eingebrochen wie nie zuvor, da viele Geschäfte wegen der Pandemie geschlossen blieben, Lieferketten gestört wurden und die Industrie teilweise lahmgelegt war.  

"Ein verblassender schöner Traum"

Experten warnen aber davor, den Zahlen angesichts der aktuellen Lage eine zu große Bedeutung beizumessen: "In Anbetracht der massiven zweiten Corona-Welle und den daraus sich ergebenden negativen wirtschaftlichen Konsequenzen mutet das Zahlenwerk zum dritten Quartal wie ein verblassender schöner Traum an", sagte der Chefökonom der VP Bank, Thomas Gitzel. Im laufenden Schlussquartal drohe nun ein Rückschlag.

Claus Michelsen, Konjunkturchef des DIW-Instituts, schätzt die Situation ähnlich ein: "So positiv die Zahlen aus dem Sommer sind, so sehr dürfte die zweite Infektionswelle in Deutschland und in vielen anderen Ländern einen neuerlichen Rückschlag für die wirtschaftliche Erholung bedeuten." In Deutschland gelte eine Verlängerung des 'Lock-down light' als beschlossene Sache. Für das Schlussquartal sei daher laut Michelsen wieder mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung zu rechnen.

Einen Vorgeschmack auf die Schwierigkeiten der kommenden Wochen gibt der aktuelle Ifo-Index: Trotz der Aussicht auf Impfungen gegen das Corona-Virus trübt sich die Stimmung der deutschen Firmen weiter ein. Der Ifo-Geschäftsklimaindex fiel im November auf 90,7 Punkte und damit das zweite Mal in Folge. "Die Geschäftsunsicherheit ist gestiegen. Die zweite Corona-Welle hat die Erholung der deutschen Wirtschaft unterbrochen", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Ein Impfstoff würde helfen

Das ist kaum überraschend, denn der derzeit verhängte Teil-Lockdown trifft beispielsweise Gastgewerbe und Tourismusbranche hart. Der DIW-Experte Michelsen betont aber, die Hilfspakete der Regierung würden die negativen Folgen abmildern: "Auch die Erfolge bei der Entwicklung eines wirksamen Impfstoffs machen Hoffnung, dass die Einschränkungen nicht zu einem Dauerzustand werden und sich die Erholung im Frühjahr fortsetzt."

Martin Moryson, Chefvolkswirt Europa bei der DWS, meint, die Zahlen zeigten, dass eine rasche und vor allem breite Erholung möglich ist, sobald die Restriktionen gelockert würden. "Zwar könnte der Winter angesichts der weiterhin hohen Infektionszahlen noch hart werden, aber für das zweite, spätestens dritte Quartal kommenden Jahres sind die Aussichten positiv. Die dann zur Verfügung stehenden Impfstoffe sollten die Nachfrage im Inland stabilisieren", meint der Experte.

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Stärkeres Wachstum in der EU

Im Einzelnen ergeben die Daten, dass die Verbraucher ihre Ausgaben um 10,8 Prozent zum Vorquartal erhöhten, der Staat erhöhte seinen Konsum um 0,8 Prozent. Unternehmen investierten 16 Prozent mehr in Maschinen und Anlagen. Schwung kam auch vom Außenhandel. Die Exporte kletterten um 18,1 Prozent und damit stärker als die Importe mit 9,1 Prozent.

Trotz der stark anziehenden Konjunktur lag die gesamte Wirtschaftskraft im dritten Quartal aber noch vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Der Sachverständigenrat erwartet 2020 insgesamt einen Einbruch der Wirtschaft von 5,1 Prozent. Dem soll sich im kommenden Jahr ein Wachstum von 3,7 Prozent anschließen.

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Menschen mit Atemmasken in einer Fußgängerzone

Das Statistische Bundesamt stellt fest, dass viele Mitgliedstaaten der Europäischen Union im dritten Quartal ein stärkeres Wachstum gegenüber dem Vorquartal als Deutschland hatten. Allerdings sei dort auch der Einbruch im zweiten Quartal stärker ausgefallen. Am stärksten sei das preis-, saison- und kalenderbereinigte BIP in Frankreich mit 18,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gestiegen.

Für die gesamte EU meldete Eurostat demnach nach vorläufigen Berechnungen ein Wachstum von 11,6 Prozent im Vergleich zum Vorquartal.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. November 2020 um 10:00 Uhr.