Interview

Porsche und Volkswagen

Interview zur Porsche-Übernahme durch VW "Streit hat Spuren hinterlassen"

Stand: 23.07.2009 18:07 Uhr

Monatelang ging es hin und her - jetzt ist es Gewissheit: VW übernimmt Porsche. Ein Deal, der eigentlich allen Vorteile bringt, sagt Automobilexperte Bratzel im Gespräch mit tagesschau.de. Bedingungen dafür: Der Zoff der vergangenen Wochen muss abgehakt werden. Und Porsche muss seine Unabhängigkeit innerhalb des VW-Konzerns wahren.

tagesschau.de: Porsche-Gesamtbetriebsratschef Uwe Hück hat heute gesagt "Porsche bleibt Porsche". Was bleibt wirklich von Porsche übrig?

Stefan Bratzel: Ich glaube, von Porsche kann sehr viel übrig bleiben. Die Eigenständigkeit kann auch in einem integrierten VW-Konzern größtenteils erhalten bleiben. Ich sehe das eher positiv: Man rückt näher an VW heran, kann noch mehr von der Produktentwicklung, Forschung und Entwicklung des großen Konzerns profitieren. Porsche wird langfristig wohl keinen Imageschaden erleiden.

alt Stefan Bratzel

Zur Person

Stefan Bratzel (Jahrgang 1967) ist Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach und Leiter des dortigen Center of Automotive.

tagesschau.de: Wie konkret könnte Porsche profitieren?

Bratzel: Die Branche steht vor großen Veränderungen - das Auto der Zukunft wird gerade erfunden. Das bedeutet erhebliche Investitionen - beispielsweise für Hybrid- oder Elektroantriebe. Solche Milliardeninvestitionen kann ein kleiner Nischenhersteller wie Porsche alleine nie stemmen. Volkswagen allerdings schon.

Das Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen (Archivbild)
galerie

Bei Porsche-Werk in Stuttgart-Zuffenhausen wird sich bald einiges verändern - vieles zum Vorteil, meint Experte Bratzel.

Hinzu kommt, dass Porsche den VW-Baukasten wird nutzen können. Das tut zum Beispiel Audi, wenn sie einen neuen A2 planen - so verkauft man nicht nur 200.000 Audis, sondern auch noch 400.000 VWs, die dann auf einer ähnlichen Plattform basieren.

tagesschau.de: Profitiert VW auch von der Übernahme - die der Konzern ursprünglich ja gar nicht wollte?

Bratzel: VW braucht Porsche eigentlich nicht. Trotzdem kann auch VW profitieren: Porsche ist wohl die weltweit teuerste Automarke mit einem sehr guten Image. VW verstärkt sich also im Luxusbereich, im oberen Premiumbereich - wo man Audi schon positioniert hat. Das ist auch ein bisschen eine Kampfansage an BMW und Daimler.

Riskanter Weg zur weltweiten Nummer eins?

tagesschau.de: Der Weg zur Übernahme ist noch unklar, die Details würden bis Mitte August geklärt, hat VW-Chef Winterkorn gesagt. Eines deutet sich aber an: Katar steigt wohl in zwei Stufen ein und wird am Schluss 19 Prozent der VW-Aktien halten.

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piech
galerie

VW-Aufsichtsratschef Piëch setzte sich im Wesentlichen durch.

Bratzel: Daran sehe ich nichts Negatives - das ist eher begrüßenswert. Jetzt kommt zwar erstmals ein Teil von VW in ausländische Hand. Aber mit den arabischen Investoren gab es bislang positive Erfahrungen, die sind an langfristigen Investitionen interessiert. Auch wenn sie sich etwas stärker in strategische Fragen einmischen wollen. Aber sie bleiben unter der Sperrminorität.

Ein anderes Risiko bleibt aber: VW hat zehn Milliarden Euro Cash. Aber das Geld braucht VW in der aktuellen Krise auch, die wohl noch anderthalb Jahre dauert. Wichtig ist, dass diese Cash-Reserven richtig eingesetzt werden. VW darf nicht in Geldnot geraten - das würde sehr viele Arbeitsplätze gefährden.

tagesschau.de: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff hat heute gesagt, mit Porsche sei der VW-Konzern auf dem Weg zur weltweiten Nummer eins - ist das übertrieben? 

Bratzel: Das finde ich nicht. Eine unserer Studien zeigt VW zum ersten Mal als leistungsstärksten Konzern, vor Toyota. VW hat seit 2005 eine fulminante Entwicklung durchgemacht, bei der Produktbreite und der Prozessoptimierung. Außerdem sind sie auf wichtigen Wachstumsmärkten unterwegs. Aber das kann sich bei Fehlern schnell umkehren – gerade in der aktuellen Automobilkrise. Und die Tiraden der vergangenen Monate waren auch für VW nicht vorteilhaft.

Neue Machtbalance nach der Schlammschlacht

tagesschau.de: Apropos Fehler und Tiraden – die Verstimmungen zwischen Stuttgart und Wolfsburg sind groß, die Schlammschlacht war wohl einzigartig. Lässt sich dieses Misstrauen trotz des Wiedeking-Rücktritts überhaupt überwinden?

Porsche-Chef Wendelin Wiedeking
galerie

Zuletzt stolperte Wiedeking über seine gescheiterten Pläne zur Übernahme von VW.

Bratzel: Das hat in der Tat Spuren hinterlassen. Die Verantwortlichen müssen jetzt sehr, sehr gesichtswahrend vorgehen. Es war sicher ungeschickt, das Gefühl zu erwecken, dass Porsche eine feindliche Übernahme plant - in der polterigen Art Wiedekings.

Jetzt müssen die Hauptakteure am selben Strang ziehen und darauf achten, dass die Porsche-Unabhängigkeit innerhalb des VW-Konzerns gewahrt bleibt. Dass das mit Wiedeking nicht mehr ging, war völlig klar - vor allem in einem integrierten Konzern. Dafür hat er zu viel Porzellan zerschlagen.

tagesschau.de: Nicht nur um Wiedeking, auch um die Eigentümer-Familien gab es öffentlich viel Streit. Wie geht es da weiter?

Bratzel: Das hat dem Porsche-Image geschadet. Für die Familien geht es aber um sehr, sehr viel Geld. Nicht nur für die Hauptfiguren Ferdinand Piech und Wolfgang Porsche – auch für die Dutzenden Familienmitglieder dahinter. Dass da kontrovers diskutiert wird, ist nicht überraschend. Man hätte sich allerdings vorher in Ruhe einigen müssen. Jetzt müss sie eine neue Machtbalance finden – vorher hat sich die Familie Porsche um Porsche gekümmert, Ferdinand Piech um VW. Das wird nicht einfach werden.

Der neue Porsche-Chef Michael Macht
galerie

Der neue Porsche-Chef Michael Macht

tagesschau.de: Ist Wiedekings Nachfolger Macht jetzt der richtige Mann für einen Neustart? Immerhin hat er jahrelang die VW-Porsche-Kooperation geprägt.

Bratzel: Auf der operativen Seite gab es in der Tat selten große Probleme. Macht hat maßgeblich daran mitgearbeitet, dass die Potenziale von VW und Porsche sehr gut genutzt werden. Er ist bis jetzt öffentlich noch nicht so aufgetreten, scheint aber sehr viel konsensorientierter zu sein als Wiedeking.

Für den Stil und das Klima, die man in dieser Situation braucht, könnte er also der Richtige sein. Verlierer-Gewinner-Kategorien sind jetzt nicht hilfreich - es geht darum, jetzt möglichst viele zu Gewinnern zu machen.

Keine Gefahren für Arbeitnehmer?

tagesschau.de: Werden die Arbeitnehmer auch dazu gehören? Wulff sagte heute, die Porsche-Standorte seien jetzt "sicherer als jemals zuvor".

Bratzel: Bei Porsche sehe ich da wenig Probleme. Porsche hat eine hohe Strahlkraft, die man ausbauen kann - das sichert auch Arbeitsplätze. Aber VW, der wichtigste Automobilkonzern Deutschlands, darf wie gesagt nicht in Schieflage geraten.

tagesschau.de: Wolfgang Porsche hat heute auf der Porsche-Betriebsversammlung mit Tränen in den Augen gesagt, der Mythos Porsche lebe und werde nicht untergehen. Hatte er recht?

Bratzel: Ich glaube schon. Porsche wird weiterhin eine große Zukunft haben. Wenn keine Fehler gemacht werden, hat in wenigen Jahren jeder Porsche-Käufer vergessen, dass Porsche zum VW-Konzern gehört.

Das Interview führte Fabian Grabowsky.

Darstellung: