VW-Motor
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Chronik der Manipulationsaffäre Was über den Abgasskandal bei VW bekannt ist

Stand: 09.12.2015 17:08 Uhr

Der Abstieg von der Weltmarke zur Skandalfirma dauerte nicht einmal drei Monate. Was für Volkswagen mit "Dieselgate" im September begann, ist für den Auto-Konzern inzwischen zu seiner größten Krise geworden.

Von Florian Pretz, tagesschau.de

Noch immer ist der VW-Skandal um die Manipulation von Abgas-Werten nicht aufgeklärt. Auch nach Aktieneinbruch, Winterkorn-Rücktritt, Gewinnwarnung, CO2-Manipulationen und Hunderten Klagen sind weiter viele Fragen offen. tagesschau.de gibt einen Überblick über den Skandal.

Es ist Freitag, der 18. September 2015. Mit einer Mitteilung tritt die US-Umweltbehörde EPA den Skandal los: 482.000 Volkswagen-Fahrzeuge auf amerikanischen Straßen sollen gegen den "Clear Air Act" verstoßen. Dabei handelt es sich um Modelle von VW und Audi. Die Software in den Autos sei manipuliert worden, schreibt die EPA. "Illegal und gesundheitsgefährdend" nennt die US-Behörde das Vorgehen.

Zwei Tage später gibt Volkswagen die Manipulation zu. Der damalige Konzerchef Martin Winterkorn entschuldigt sich und räumt ein: Ein in Dieselfahrzeuge eingebautes Programm habe erkennen können, ob es im Testbetrieb oder auf der Straße unterwegs sei. So konnten die Emissionsvorschriften für Stickoxide eingehalten werden. Scheinbar. Die Affäre wird als "Dieselgate" bezeichnet.

Auspuff eines VW Tiguan TDI

Die Emissionen der VW-Diesel bringen den Skandal ins Rollen.

Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG Martin Winterkorn

Lange hält der damalige VW-Chef Winterkorn dem Druck nicht stand.

Winterkorn erklärt, VW arbeite mit den zuständigen Behörden "offen und umfassend zusammen, um den Sachverhalt schnell und transparent vollumfänglich zu klären". Es ist der Versuch, den schlimmsten Schaden zu verhindern, denn die kolportierte Strafzahlung ist selbst für einen Weltkonzern wie VW eine Bedrohung: 18 Milliarden US-Dollar soll der Konzern zahlen müssen. Trotz eines Gewinns von elf Milliarden Euro im Jahr 2014.

Mit der Öffnung der Märkte am Montag zeigt sich: Der Schaden ist nicht mehr zu verhindern. Die Aktie bricht ein - teilweise um 20 Prozent. Bei der Vorstellung des neuen Passat in New York räumt nach Winterkorn auch US-Chef Michael Horn seine Schuld ein:

Wir haben totalen Mist gebaut" - VW-USA-Chef Michael Horn bei der Präsentation des neuen VW Passat in New York (21.09.2015)

Am 22. September muss der Konzern zugeben: Nicht nur der US-Markt ist betroffen. Weltweit sind rund elf Millionen Fahrzeuge manipuliert worden - in Deutschland 2,4 Millionen. VW gibt eine Gewinnwarnung heraus.

Einen Tag später muss VW-Chef Winterkorn aufgeben, seiner Bitte um Vertrauen zum Trotz. Der Druck ist einfach zu groß.

Müller statt Winterkorn

Ein Schuldeingeständnis ist vom langjährigen Chef jedoch nicht zu hören. Er sei "fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite möglich" gewesen seien.

Dem "Alleinherrscher" Winterkorn folgt ein Mann aus dem Konzern: Porsche-Chef Matthias Müller. Er übernimmt die Führung am 25. September - gut eine Woche nach der Affäre. Die Abgas-Krise nennt Müller "die größte Bewährungsprobe" für VW.

Elf Millionen Autos weltweit, 2,4 Millionen in Deutschland - die Zahlen sind gewaltig und zwingen VW zu einer Reaktion: Der Konzern richtet eine Webseite ein, auf der Kunden prüfen können, ob das eigene Fahrzeug betroffen ist.

Am 3. November kommt heraus: Manipuliert wurde nicht nur die Stickoxid-Emmission, sondern auch der CO2-Ausstoß. Und: Erstmals sind nicht mehr nur Dieselfahrzeuge betroffen. VW spricht von weltweit insgesamt 800.000 betroffenen Autos, davon etwa 100.000 Wagen mit Benzinmotor.

Alles doch nicht so schlimm, meldet der Konzern am 9. Dezember. Der Skandal um geschönte CO2-Angaben habe ein viel geringeres Ausmaß als ursprünglich bekannt, das hätten interne Prüfungen ergeben. Das Verkehrsministerium reagiert zurückhaltend.

VW verliert an Vertrauen - bei Kunden und Aktionären. Die VW-Aktie fällt deutlich. In den USA sinkt der Umsatz um 25 Prozent. 500 Sammelklagen sind bisher anhängig. Sie werfen dem Volkswagen-Konzern Betrug und Täuschung vor und fordern Schadensersatz in Milliardenhöhe.

Erstmals nach mindestens 15 Jahren muss VW einen Quartalsverlust hinnehmen. Vor Zinsen und Steuern fällt laut VW für den Zeitraum Juli bis September ein Minus von rund 3,5 Milliarden Euro an, der Nettoverlust beträgt 1,67 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Vor einem Jahr konnte der Konzern einen Quartalsgewinn von 3,3 Milliarden Euro notieren.

VW verkauft weniger Autos

Durch die sinkenden Zahlen neu zugelassener Autos hat der Abgasskandal aber auch Folgen für die Belegschaft: Laut Kraftfahrt-Bundesamt sind die deutschen VW-Neuzulassungen im November mit einem Minus von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr abermals rückläufig - im Oktober waren es schon minus 0,7 Prozent gewesen. Der Gesamtmarkt wuchs dagegen um 8,9 Prozent.

Mitarbeiter bekommen keinen Bonus

Bei einer Betriebsversammlung im Dezember 2015 drücken die 120.000 Festangestellten ihre Sorge aus. Sie müssen auf ihren Zehn-Prozent-Bonus verzichten. "Zehn Prozent von null ist null" sagt VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh dazu. In vielen Werken werden die Produktionsferien zum Jahreswechsel verlängert. Zum Teil sollen die Bänder fast einen Monat lang stillstehen. Vor allem die VW-Leiharbeiter bangen um ihre Jobs. Bei der Kernmarke VW sind derzeit rund 7000 Leiharbeiter beschäftigt.

Was die Investitionen für die Zukunft angeht, will VW-Chef Müller von Jahr zu Jahr "auf Sicht" planen. Ein Novum in Wolfsburg.

Erstens ist noch immer unklar, wer genau bei VW für die Manipulationen verantwortlich ist. Bisher mussten mehrere Manager aus der Entwicklungs- und Motorenabteilung gehen, doch die Aufklärungsarbeit kam dadurch nicht entscheidend voran. Die VW-Revision untersuchte Protokolle, sicherte Festplatten und ging Hinweisen von Mitarbeitern nach. Auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt und sicherte bei einer Razzia im Stammwerk und mehreren Privatwohnungen Material.

Inzwischen gehen nicht nur die Ermittler davon aus, dass mehrere Mitarbeiter in die Manipulation verstrickt gewesen sein müssen. Recherchen bestärken diese These, auch wenn VW-Chef Müller von einer "kleinen Gruppe" innerhalb des Konzerns spricht. "Wir halten es für wahrscheinlich, dass nur eine überschaubare Zahl an Mitarbeitern aktiv zu den Manipulationen beigetragen hat", sagte Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bei einer Pressekonferenz am 10. Dezember. Müller sagte am selben Tag in einem tagesthemen-Interview: "Das Ganze hat sich im mittleren Management und darunter abgespielt".

Zweitens: Die elf Millionen manipulierten Fahrzeuge müssen umgerüstet werden. Laut VW ist der Aufwand bei 8,2 Millionen Autos eher gering. Nach Konzernangaben dauert der Umbau bei den größeren Motoren etwa 30 Minuten, bei den kleineren eine knappe Stunde. Der Rückruf der Autos soll Anfang 2016 beginnen. Im Januar 2016 will VW nach eigenen Angaben den Rückruf für die am häufigsten betroffenen 2,0-Liter-Motoren starten. Das sind europaweit etwa 5,2 Millionen Fahrzeuge. Im zweiten Quartal 2016 folgt der Start des Rückrufs für etwa 300.000 Fahrzeuge mit 1,2-Liter-Motor. Zwischen Juli und September 2016 ist dann der Rückruf für die betroffenen Wagen mit 1,6-Liter-Motor geplant - dies betrifft europaweit bis zu drei Millionen Autos.

Doch die Umrüstungspläne gelten bisher nur für in der EU verkaufte Wagen. Für die US-Modelle hat VW bisher keine von der EPA genehmigten Reparatur-Vorschläge.

Drittens: Die Marke Volkswagen ist beschädigt. Darauf will der Konzern auf mehreren Ebenen reagieren. VW-Chef Müller versprach bereits einen "Kulturwandel". Unter anderem sollen die einzelnen Marken des Konzerns mehr Verantwortung bekommen. Aber reicht das?