Herbert Diess | dpa

Verliert Diess an Macht? Tag der Entscheidung bei VW

Stand: 09.12.2021 08:26 Uhr

Chaostage in Wolfsburg: Seit Wochen wird über die Ablösung von VW-Chef Herbert Diess spekuliert. Heute wird der Aufsichtsrat über dessen Zukunft entscheiden. Außerdem wird es noch weitere wichtige Entscheidungen geben.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Bleibt er oder muss er gehen? Wieder einmal muss der mächtigste Autoboss in Deutschland, VW-Chef Herbert Diess, um seinen Job bangen. Schon einmal stand er mit dem Rücken zur Wand, als er 2020 den Aufsichtsrat mit Berichten aus internen Beratungen der Straftat bezichtigte. Das verärgerte die Porsche-Erben, die Familien Piech und Porsche. Sie halten mehr als 53 Prozent der Stimmrechte an VW und haben einen wichtigen Einfluss im Aufsichtsrat.

Nun könnte ausgerechnet der Porsche-Clan Diess retten. Laut NDR-Informationen stehen die Porsche- und Piech-Familie hinter dem VW-Chef. Dagegen hat Diess beim Betriebsrat und auch beim Großaktionär, dem Land Niedersachsen, schwer an Vertrauen verloren.

Betriebsratschefin schießt gegen Diess

Grund für den Vertrauensbruch sind die Planspiele von Diess, in den kommenden Jahren bis zu 35.000 Jobs im VW-Stammwerk in Wolfsburg abzubauen. Diese Zahl hatte der VW-Chef auf der Aufsichtsratssitzung Ende September genannt - und damit das gesamte Kontrollgremium brüskiert.

Seither wettert die neue Betriebsratschefin Daniela Cavallo gegen Diess. Seine Gedankenspiele zum Personalabbau seien "inhaltlicher Unfug". Diess solle sich lieber auf die Entwicklung einer soliden Strategie gegen den aktuellen Halbleitermangel und auf konkrete Zusagen für das Werk Wolfsburg konzentrieren. Dabei schien es anfangs noch so, dass der VW-Konzernlenker besser mit Cavallo auskäme als mit deren Vorgänger Bernd Osterloh.

Und selbst der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Stephan Weil (SPD), geht inzwischen auf Distanz zu Diess. Er sehne sich nach dem früheren VW-Chef Martin Winterkorn zurück. Der sei wenigstens vernünftig gewesen. Winterkorn? Vernünftig? War das nicht der frühere VW-Chef, in dessen Ära der Abgasskandal stattfand?

Wochenlanges Ringen um Kompromiss

Wochenlang bemühte sich ein Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats um eine Lösung. Nun wurde nach NDR-Informationen ein Kompromiss gefunden: VW-Chef Diess darf bleiben, verliert aber an Macht. Er muss das wichtige China-Geschäft an VW-Markenchef Ralph Brandstätter abgeben. Zudem soll Brandstätter im Vorstand künftig für die Volumenmarken wie Skoda und Seat verantwortlich sein.

Diess dürfte also einen Teil des operativen Geschäfts aufgeben müssen und soll sich künftig verstärkt um die strategische Ausrichtung des Konzerns kümmern. Damit kennt er sich aus. Er hat konsequent bei VW den Umstieg auf Elektroautos vorangetrieben und fokussiert jetzt den Konzern zunehmend zum Software-Anbieter. Auf der IAA in München demonstrierte er seine Visionen.

Diess setzt auf Mobilitätsdienste, autonomes Fahren und das Software-Geschäft. Schon 2025 könnte der Umsatz mit Dienstleistungen und Software so hoch sein wie das gesamte Geschäft mit Verbrennerautos, prophezeite er. Und: 2030 könnte 15 Prozent des Gesamtumsatzes mit Mobilitätsdiensten gemacht werden, glaubt Diess. VW kooperiert mit Start-ups wie Argo AI und baut eine eigene Software-Tochter Cariad, die das Auto-Betriebssystem der Zukunft entwickeln soll.

All zu schmerzhaft dürfte es für Diess nicht sein, wenn er die Macht über das China-Geschäft abgeben muss. Schließlich hat er diese Aufgabe erst kürzlich bekommen, nachdem von 2012 bis 2019 Jochem Heizmann das China-Geschäft gesteuert hatte.

Probleme in China

Tatsächlich ist VW in China aus der Spur geraten. In den ersten zehn Monaten sackte der Absatz um acht Prozent ab. Das Reich der Mitte ist inzwischen der wichtigste Markt für VW. Dort erzielen die Wolfsburger 40 Prozent ihres Absatzes.

Ein Kompromiss in der VW-Cheffrage würde auch an der Börse für Erleichterung sorgen. Das zeigte sich bereits am Dienstag, als die VW-Aktie angesichts der Spekulationen über eine Lösung im Führungsstreit um sechs Prozent nach oben schoss. "Diess hat immer noch den Rückhalt des Kapitalmarkts", sagt Patrick Hummel, Autoanalyst der UBS. "Der Markt wäre sehr beunruhigt, wenn es jetzt zu einem Wechsel an der Spitze kommen sollte", warnt er. Autoexperten wie Ferdinand Dudenhöffer schütteln den Kopf über die Führungsquerelen in Wolfsburg. Während Tesla immer weiter enteile, streite sich VW über Personalien.

Entscheidungen über neue Modelle und Batteriefabriken

Eigentlich stand die Personalie Diess lange gar nicht auf der Tagesordnung der heutigen Aufsichtsratssitzung. Es sollte mehr um künftige Investitionsschwerpunkte gehen. So wird das Kontrollgremium über die Standorte für die Batteriefabriken entscheiden. Und über die Frage, ob im Wolfsburger Stammwerk neben dem ab 2026 geplanten Modell Trinity Teile der Produktion der ID-Reihe aus Zwickau gefertigt werden. Beim neuen 5-Jahres-Plan der VW-Aufseher geht es also um die Verteilung von Modellen, Bauteilen und Entwicklungsbudgets, also letztlich auch um Jobs.

Neben der Zukunft von VW-Chef Diess wird sich der Aufsichtsrat auch mit einer Neubesetzung des Konzernvorstands beschäftigen. So soll der bisherige Chefjustiziar, Manfred Döss, Hiltrud Werner als Rechtsvorstand ersetzen. Dafür soll eine andere Frau in den Vorstand aufrücken: Hauke Stars, zuletzt im Vorstand der Deutschen Börse, soll zur neuen IT-Chefin gekürt werden.

Wird Porsche wieder eigenständig?

Unklar ist, ob der Aufsichtsrat auch über eine Abspaltung und einen Börsengang der Porsche AG diskutieren wird. Im "Handelsblatt" tauchten Spekulationen auf, wonach die Porsche-Familien einen Teil ihrer VW-Anteile abgeben wollen und in den Kauf des Aktienpakets an der Porsche AG stecken wollen.

Lange Zeit war der Sportwagenbauer Porsche eigenständig. 2009 dann kam der damalige Chef Wendelin Wiedeking auf die Idee, dass Porsche mit einem Milliarden-Deal den größeren VW-Konzern übernehmen könne. Der Deal scheiterte kläglich. Porsche verzockte sich mit den Aktienkäufen und musste von VW gerettet werden. Seither ist Porsche ein Teil des VW-Imperiums. Wie lange noch?

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachsen im Hörfunk am 09. Dezember 2021 um 08:00 Uhr.