Der ehemalige Chef von VW, Martin Winterkorn | Bildquelle: dpa

Dieselskandal bei VW Winterkorns Helfer

Stand: 02.08.2018 20:41 Uhr

Ein hoher Ex-VW-Manager hat laut NDR, WDR und "SZ" Ex-Konzernchef Winterkorn mit Interna versorgt, die nahelegen, dass Winterkorn bereits früh vom Betrug wusste.

Von Christine Adelhardt und Stephan Wels, NDR

Freitag, 13. Januar 2017: In seiner Villa in München bereitet sich der der ehemalige VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn auf einen wichtigen Auftritt vor. Er wird in sechs Tagen vor dem Bundestagsausschuss zum Diesel-Skandal Rede und Antwort stehen. Zum ersten Mal seit seinem Rücktritt im September 2015 wird er seine Sicht darlegen. Und er macht sich im Vorfeld viele Gedanken, auf welche Fragen er wie antworten soll, denn von seinem Auftritt hängt viel ab.

Winterkorn ist Beschuldigter im Diesel-Betrugsverfahren. Er will sich also nicht selbst belasten. Und er ist Beschuldigter in einem Verfahren, bei dem Anleger gegen VW klagen. Dabei geht es um die Frage, ob VW die Aktionäre rechtzeitig über die drohenden Strafen in den USA informiert hat. Es drohen Schadensersatzzahlungen in Milliardenhöhe. Winterkorn könnte selbst haftbar gemacht werden. Es steht also viel auf dem Spiel.

Zwei Ex-Manager mit engen Verbindungen

Um 18:35 Uhr an jenem Freitag im Januar erhält Winterkorn eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon. "Mail mit Unterlagen ist raus", erfährt der einst mächtige VW-Konzernchef. "An Ihr Maedel", heißt es weiter. Unterlagen, die NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" einsehen konnten, zeigen: Der Absender der SMS ist der ehemalige Chef der Qualitätssicherung des VW-Konzerns, ein enger Vertrauter von Winterkorn. Im Zuge des Dieselskandals war er von VW zunächst freigestellt worden, dann hatte er sich 2016 mit dem Konzern über die Aufhebung seines Vertrages geeinigt.

Aber mit seinem früheren Vorgesetzten Winterkorn scheint der Manager immer noch in engem Kontakt zu stehen. Die beiden verbindet nicht nur die gemeinsame Vergangenheit bei VW: Fünf Jahre lang haben sie in Wolfsburg eng zusammengearbeitet. Beide sind Beschuldigte im Diesel-Betrugsverfahren der Staatsanwaltschaft Braunschweig. Auch für den früheren Leiter der Qualitätssicherung steht einiges auf dem Spiel.

Das "Maedel" ist die Sekretärin von Winterkorn. An sie hatte der ehemalige VW-Manager acht Minuten vorher eine Mail mit wichtigen Dokumenten versandt. "Hallo Chef", hatte er da geschrieben - obwohl Winterkorn seit weit über einem Jahr nicht mehr sein Chef war und er selbst seit vielen Monaten nicht mehr bei VW beschäftigt ist. "In der Anlage die Unterlagen wie heute besprochen", heißt es weiter.

Brisante Interna per Mail

Die Dokumente, die der Vertraute an Winterkorn weiterreicht sind brisant. Es handelt sich um seine eigene Aussage vor der Staatsanwaltschaft Braunschweig, um Dokumente der internen Revision von VW und um Präsentationen zum Abgasbetrug, die belegen könnten, dass Winterkorn spätestens im Juli 2015 vom Dieselbetrug wusste.

In der Mail befindet sich auch ein Dokument, das bezeichnet ist als "Aussage FBI.pdf". In der SMS erklärt der frühere Mitarbeiter von Winterkorn die Anlage näher. Anscheinend handelt es sich um die Aussagen von zwei Kronzeugen, die in den USA gegenüber dem FBI ausgesagt haben. Wichtige Informationen, die Winterkorn möglicherweise gut gebrauchen kann, bei der Vorbereitung für seinen Auftritt im Bundestag.

Manager beschuldigt Winterkorn vor Polizei

Ermittler waren bei Haussuchungen in den Privatwohnungen von Winterkorn und seinem Vertrauten auf die Korrespondenz gestoßen. Während der Hausdurchsuchung hatte sich der Ex-VW-Manager mit einem Kriminaloberkommissar  unterhalten und weitere wichtige Informationen preisgegeben. Winterkorn habe ihn wenige Tage vor dessen Aussage im Untersuchungsausschuss angerufen und gefragt, ob ihm - Winterkorn - im Juli 2015 Folien zum Abgasbetrug vorgelegt wurden. Dies habe er bestätigt.

Dann fragt der Kriminaloberkommissar, ob er glaube, dass Winterkorn damals im Juli 2015 verstanden habe, dass VW betrogen habe und welche Folgen das für VW haben könnte. Die Antwort des Winterkorn-Vertrauten: Er habe "keinen Zweifel", dass Winterkorn damals verstanden habe um was es ging. Allerdings, so schildert er seinen Ex-Chef weiter, erschien Winterkorn mit der Vergrößerung des VW-Konzerns und der damit verbundenen Zunahme der Aufgaben "immer öfter überfordert". Auf Anfrage wollte sich sein Anwalt zu den Recherchen nicht äußern, ebenso wenig wie der Anwalt Winterkorns.

Wusste Winterkorn bereits 2014 Bescheid?

Für die Staatsanwaltschaft Braunschweig jedenfalls besteht der Verdacht, dass der Ex-Manager sogar schon im Mai 2014 Kenntnis vom Dieselbetrug hatte und darüber auch Winterkorn informierte. Dass er seinen früheren Chef auch 2017 noch mit wichtigen Unterlagen versorgt, dürfte den Verdacht der Ermittler erhärtet haben.

Dessen ungeachtet tritt Winterkorn am 19. Januar 2017 vor den Bundestagsausschuss und versichert er habe erst im September vom Dieselbetrug erfahren. Ihm sei schleierhaft, warum er "nicht frühzeitig und eindeutig über die US-Probleme aufgeklärt" worden sei. Er frage sich, ob er "einzelne Signale überhört oder falsch gedeutet habe". Die brisanten Unterlagen, die er sechs Tage vorher von seinem Vertrauten erhalten hat, erwähnt er nicht.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Niedersachen Aktuell am 06. Mai 2018 um 10:00 Uhr.

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Christine Adelhardt, NDR

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