VW-Emblem, große schwarze Wolken: Der Absatz beim Konzern bricht ein | Bildquelle: dpa

Dieselskandal bei VW Manager sahen Desaster voraus

Stand: 31.07.2018 18:47 Uhr

VW beharrt darauf: Die Tragweite des Dieselskandals hätte keiner ahnen können. Doch interne Dokumente hochrangiger Manager voller warnender Ausrufezeichen besagen etwas anderes.

Von Christine Adelhardt und Stephan Wels, NDR

Es ist der 13. September 2015. Noch fünf Tage, dann wird der Dieselbetrug beim Autobauer Volkswagen weltweit Schlagzeilen machen, dann werden die US-Umweltbehörden den VW-Konzern öffentlich des Betrugs beschuldigen und mit Milliardenstrafen drohen. Dann wird der VW-Aktienkurs einbrechen, dann wird die jahrelange Abgasmanipulation öffentlich bekannt.

Bis heute sagt der VW-Konzern: Der Schritt der Amerikaner sei völlig überraschend gewesen. So etwas sei nicht absehbar gewesen, zuvor habe es nie vergleichbare Strafen gegeben. Niemand habe wissen können, dass Milliardenzahlungen drohen. Deswegen habe man die Aktionäre auch nicht früher warnen können. Die Risiken seien nicht klar gewesen. Diese Darstellung dürfte aber nur sehr schwer aufrecht zu erhalten sein. Das zeigen neue Dokumente, die NDR, WDR und "Süddeutsche Zeitung" einsehen konnten.

Manager schlagen früh Alarm

Denn an jenem 13. September - einem Sonntag - schreibt der Chef der Qualitätssicherung des VW-Konzerns, ein enger Vertrauter von Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, um neun Uhr eine alarmierende Mail an einen Juristen des Unternehmens. Volkswagen haben "jede Glaubwürdigkeit bei den Behörden verloren". Es drohe ein "sofortiger Stopp der Produktion" und eine "Klageschrift der US-Justizbehörden". Damit die "Situation nicht weiter außer Kontrolle gerät", müsse sich VW von dem Vorgang distanzieren. Gemeint ist die Betrugs-Software in den Dieselfahrzeugen. Die interne Revision müsse den Vorgang untersuchen, und man müsse eine offensive Kommunikation auch gegenüber den Aktionären entwickeln.

Am Tag zuvor - am 12. September 2015 - hatte bereits ein hochrangiger Ingenieur eine Hiobs-Email verschickt. Bei den seit Monaten andauernden Verhandlungen mit den US-Behörden habe VW bislang "keine erkennbare Reue gezeigt". Das sei das Verhalten "eines uneinsichtigen Täters", warnt der Manager, denn manipulierte Fahrzeuge werden einfach weiter produziert und verkauft. Seiner Mitteilung verleiht der Manager mit Fettdruck und vielen Ausrufezeichen Nachdruck. Empfänger der Mail sind der damalige VW-Marken-Vorstand, der Chef der Motorenentwicklung, der Chef der Qualitätssicherung und ein Konzern-Jurist - die Top-Manager-Riege direkt unterhalb von Winterkorn. 

Schon am 3. September hatte VW den US-Behörden gestanden, dass in den US-Dieselfahrzeugen eine illegale Software zur Manipulation der Abgaswerte verbaut wurde. Vorausgegangen waren monatelange Verhandlungen mit den amerikanischen Umweltbeamten.

Bis zum Schluss nach Auswegen gesucht

Bis zum Schluss hatten VW-Verantwortliche versucht, den Betrug nicht zugeben zu müssen. Auch der damalige Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch äußerte am 28. August noch die Hoffnung, dass die Software zur Abgasmanipulation vielleicht doch nicht illegal sein könnte.  So schildert es nach Recherchen von NDR, WDR und "SZ" ein Zeuge gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig.

Die gesamte Konzernspitze wiegte sich - nach eigener Darstellung -  im Glauben, man könne mit den Amerikanern weiter verhandeln und am Ende werde es so schlimm auf keinen Fall kommen. Aber durfte sich der Vorstand wirklich in diesem Glauben wiegen? Die dramatischen Warn-Mails der eigenen Manager sprechen da offenbar eine andere Sprache.

Da sind erstaunlich viele, erstaunlich hohe Führungskräfte alarmiert, da wird in zahlreichen Mails die Strategie gegenüber den US-Behörden diskutiert und immer wieder gewarnt. Da wird der damalige VW-Markenvorstand von einem hochrangigen Ingenieur gewarnt, die Lage mit den Behörden in den USA habe sich "erneut verschärft".

Glaubt man dem Ex-Vorstandsvorsitzenden Winterkorn, dann ist ihm bis heute schleierhaft, warum er nicht früher informiert wurde. Dann frage er sich noch heute, ob er Signale vielleicht überhört habe. So hat es der ehemalige VW-Chef im Bundestag zu Protokoll gegeben.

Der ehemalige Chef von VW, Martin Winterkorn | Bildquelle: dpa
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Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn ist sich keiner Mitschuld bewusst.

Wann sah wer das Desaster kommen?

Auf Anfrage teilt VW mit, die internen Mails und Zeugenaussagen änderten nichts an der Grundeinschätzung des Konzerns. VW sei mit den US-Behörden bis zum 18. September in intensivem Kontakt gewesen. Kursrelevant seien diese Verhandlungen erst am 18. September 2015 geworden, "als die US-Behörden völlig überraschend von der bisherigen Praxis einer Lösung auf dem Verhandlungsweg abwichen und den Vorgang einseitig veröffentlichten".

Wann die VW-Spitze das Desaster in Amerika kommen sah oder hätte sehen müssen, das ist die entscheidende Frage in dem anstehenden Prozess wegen Marktmanipulation. Aktionäre der Volkswagen AG werfen dem Konzern vor, sie zu spät über die Schwierigkeiten in den USA unterrichtet zu haben. Die Aktionäre verlangen von VW deswegen Schadensersatz in Milliardenhöhe.

Über dieses Thema berichteten am 01. August 2018 NDR Info um 07:08 Uhr und die tagesschau um 12:00 Uhr.

Korrespondentin

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Christine Adelhardt, NDR

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