Blockade der Volkswerft Stralsund 1996 (Screenshot NDR Nordmagazin)

30 Jahre Wende "Wir wollen unsere Millionen zurück"

Stand: 21.10.2019 08:49 Uhr

Nach der Wende verkauft die Treuhand einen Großteil der ostdeutschen Werften an den Bremer Vulkan-Konzern. Als der 1996 pleite geht, sind auch hunderte Millionen Ost-Hilfen weg. In Stralsund gehen die Arbeiter auf die Straße.

Von Jette Studier, NDR

Am 27. März 1996 ist die Insel Rügen für zwei Stunden dicht. Mehrere tonnenschwere Stahlträger blockieren die einzige Zufahrt auf die größte Insel im wiedervereinigten Deutschland. Die Belegschaft der Volkswerft Stralsund hat sie mit einem Kran auf der B96 abgeladen und verschweißt.

Ärger mit den Stralsundern haben sie in diesen Tagen trotz der Blockade nicht, erzählen Arbeiter, die damals dabei waren. Sie seien am Werfttor mit Kuchen versorgt worden. Fast jede Stralsunder Familie habe eine Verbindung zur Werft gehabt, einen Bruder, Onkel oder eine Schwägerin die hier einmal Schiffe bauten. 8000 Menschen lebten vor der Wende davon.

Stahlträger mit Botschaft an Bremen

Als die Werft-Belegschaft 1996 Rügen blockiert, ist sie schon auf fast ein Viertel dessen geschrumpft. Und trotzdem: "Jede Würstchenbude hat davon profitiert", sagt Jürgen Kräplin. Er ist damals im Betriebsrat. Ihre Botschaft haben die Stralsunder auf einen der Stahlträger geschrieben: "Wir wollen unsere Millionen zurück."

Die Millionen sind Subventionen, mehr als 800 Millionen Mark, die für die ostdeutschen Werften an ihren neuen Eigner geflossen waren - den Bremer Vulkan-Konzern. Der allerdings steht kurz vor der Pleite. Nicht einmal vier Jahre nach der Privatisierung fürchten die Schiffbauer um ihren Standort.

Stahlträger auf dem Rügendamm (Screenshot NDR Nordmagazin)
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Mit Stahlträgern blockierten die Werftarbeiter den Rügendamm.

Wie war es dazu gekommen? Diese Frage beschäftigt mittlerweile auch die Wissenschaft. Die Historikerin Eva Lütkemeyer befasst sich für ein Treuhand-Forschungsprojekt mit dem Weg der ostdeutschen Werften in die Marktwirtschaft: "Anfangs war der Optimismus relativ groß", sagt sie. "Im Gegensatz zu anderen Branchen hatte man den Eindruck, dass der Schiffbau ganz gut dasteht und für den freien Wettbewerb gewappnet ist." Dann aber kommt die Währungsunion. Der Hauptauftraggeber, die Sowjetunion, kann nicht mehr zahlen.

Hennemann verspricht Arbeitsplätze

Friedrich Hennemann 1997 vor dem Untersuchungsausschuss des Landtages Mecklenburg-Vorpommern  (Screenshot NDR Nordmagazin)
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Der SPD-Politiker Hennemann plante, aus dem Werftenverbund einen globalen Konzern zu machen.

Für die Politik ist es nach der Wende keine Option, die Werften im ohnehin strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern fallen zu lassen. "Durch die Versprechungen, die gemacht wurden, war auch allen Investoren klar, dass das eine politische Entscheidung war, den Schiffbau zu erhalten, und da hatte man aus marktwirtschaftlicher Sicht als Investor ganz gute Karten", meint Historikerin Lütkemeyer.

Besonders gut sah das Blatt für den Bremer Vulkan-Konzern aus. Der Vorstandsvorsitzende des Werftenverbundes ist damals Friedrich Hennemann, ehemaliger SPD-Senatsdirektor in Bremen, den die Presse später als "Visionär von der Weser" betitelt. Er will einen globalen maritimen Technologiekonzern aufbauen und verspricht öffentlichkeitswirksam, mehr als 2000 Arbeitsplätze in Stralsund zu erhalten.

Regierungskrise durch Werftverkauf

Eva Lütkemeyer (Foto: Privat)
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Die Historikerin Lütkemeyer beschäftigt sich mit der Geschichte des Werftverkaufs.

Die Frage, ob und wie viele der ostdeutschen Werften an den Bremer Vulkan-Konzern gehen sollen, ob sie einzeln privatisiert werden müssten oder im großen Verbund, führt in Mecklenburg-Vorpommern 1992 zur Regierungskrise. An deren Ende tritt der erste Ministerpräsident des neuen Bundeslandes Alfred Gomolka (CDU) zurück. Andere deutsche Großwerften zeigen kein Interesse an Stralsund.

Ein Angebot von Ulltveit-Moe aus Norwegen lehnen die Gewerkschaften ab: "Man befürchtete, dass die nur einsteigen möchten, um dann im Zweifelsfall diesen Konkurrenten wieder auszuschalten", meint Historikerin Lütkemeyer. Das bestätigt der frühere Betriebsrat. Er sei strikt gegen den Zuschlag gewesen, besonders weil die Norweger wie die Volkswerft Fischereischiffe für die Sowjetunion bauten.

Erst Euphorie, dann Ernüchterung

Jürgen Kräplin, langjähriger Betriebsratsvorsitzender der Volkswerft Stralsund im Jahr 2012 (Screenshot NDR Nordmagazin)
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Der langjährige Betriebsratsvorsitzende Kräplin begrüßte zunächst den Einstieg der Vulkan-Werft

Für die Stralsunder zieht sich die Entscheidung hin: Erst im Januar 1993 wird ihr Betrieb als letzte der großen DDR-Werften privatisiert. Der Vulkan-Konzern, der vorher schon die Mathias-Thesen-Werft Wismar und das Dieselmotorenwerk Rostock bekommen hatte, übernimmt nun auch hier Anteile. "Das war für uns ein Glücksfall", sagt Jürgen Kräplin heute. Die Bremer bringen Aufträge mit, fangen an, die Werft zu modernisieren. Die Stimmung sei euphorisch gewesen.

Im Sommer 1995, erzählt er, kamen dann erste Gerüchte auf, der Vulkan-Konzern sei in Schwierigkeiten. Monate später, als die Kielblockträger den Rügendamm blockieren, steht fest: Die Bremer hatten ein "Cash-Management" eingeführt, ein für Großkonzerne übliches zentrales Finanzsystem, in das Geld aus allen Betriebsteilen floss - auch die Subventionen für Wismar und Stralsund. Die Ost-Hilfen waren durch den Konkurs im Konzern versickert.

Ex-Vorstand will gewarnt haben

Gegen den früheren Vulkan-Chef Hennemann und andere Vorstände wird deshalb wegen des Verdachts der Untreue ermittelt. Im Jahr 2001 verurteilt das Landgericht Bremen ihn zu zwei Jahren Haft auf Bewährung. Drei Jahre später hebt der Bundesgerichtshof das Urteil auf: Die Beweisführung reiche nicht aus. Der Prozess hätte vor einer anderen Strafkammer neu aufgerollt werden müssen. 2010 wird das Verfahren eingestellt. Friedrich Hennemann ist damit juristisch rehabilitiert.

Die Frage, wie viel die politisch Verantwortlichen und die Treuhand vom "Cash-Management" und den gefährdeten Ost-Hilfen wussten, versuchen drei Untersuchungsausschüsse in Schwerin, Bremen und Bonn zu klären. Ein ehemaliger Vulkan-Vorstand sagt aus, er habe schon 1993 bei "Abschiedsbesuchen" nach seinem Ausscheiden aus dem Konzern Sorgen darüber geäußert - gegenüber mehreren Bundes- und Landespolitikern sowie der Treuhand-Chefin Birgit Breuel. Die wiederum rechtfertigen, dies seien nur vage Andeutungen gewesen.

Je nach politischer Fraktion fallen die Bewertungen in den Abschlussberichten dann unterschiedlich aus: Es ließe sich "ohne Zweifel" schlussfolgern, dass Bund und Treuhand ihren Aufsichtspflichten hier nicht nachgekommen seien, heißt es von der einen Seite, von der anderen, man habe die "notwendige Sorgfalt" walten lassen.

Stralsund baut wieder

Für die Historikerin Lütkemeyer steht fest, dass bei der Privatisierung 1992 neben wirtschaftlichen, vor allem politische Interessen eine wesentliche Rolle spielten. "Die Treuhand ist insgesamt eine ambivalente Institution, die aber in diesem Kräftefeld agieren musste. Deshalb ist die Aussage, die Treuhand habe verscherbelt, in der Regel zu kurz", sagt sie.

Kreuzfahrtschiff der Genting-Gruppe | Bildquelle: dpa
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In Stralsund werden nun Kreuzfahrtschiffe gebaut.

Der ehemalige Betriebsrat Kräplin glaubt, dass es damals keine ernsthafte Alternative zum Verkauf an den Vulkan-Konzern gab. Er hat seitdem noch fünf Eignerwechsel erlebt. Der Schiffbau in Stralsund stand mehrfach vor dem Aus. Nach der Insolvenz der P+S-Werften 2012 mussten wieder Hunderte Arbeiter gehen. "Die Werft ist nie richtig zur Ruhe gekommen", sagt er. Seit 2016 gibt es einen Lichtblick. Ein malaiischer Konzern baut wieder Schiffe am Strelasund - derzeit ein Luxus-Kreuzfahrtschiff.

Über dieses Thema berichtete NDR 1 Radio MV am 26. August 2016 um 16:00 Uhr.

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