Interview

Nach der Insolvenz von Neckermann "Der klassische Versandhandel ist tot"

Stand: 12.02.2013 12:12 Uhr

Neckermann, Quelle, Otto: Drei Versandhäuser, die für das deutsche Wirtschaftswunder standen. Mit der Insolvenz von Neckermann ist nur noch eins übrig. Der klassische Versandhandel ist tot, meint Handelsexperte Roeb im Gespräch mit tagesschau.de. Und er erklärt, warum Amazon so erfolgreich ist.

tagesschau.de: Ist der klassische Versandhandel tot?

Thomas Roeb: Ja, der klassische Versandhandel ist eigentlich seit geraumer Zeit mehr oder weniger tot. Das Aufkommen des Internets und der Spezialversände hat dazu geführt, dass der klassische Versandhandel sehr, sehr stark unter Druck geraten ist. Der Untergang von Quelle und jetzt letztendlich auch von Neckermann hat das eigentlich nur besiegelt.

alt Handelsexperte Thomas Roeb

Zur Person

Thomas Roeb ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Sein Fachgebiet ist die Handelsbetriebslehre. Als Handelsexperte berät er auch Unternehmen, darunter große Drogeriemarktketten.

tagesschau.de: Warum ist Amazon so erfolgreich? Wo liegt der Unterschied zu den klassischen Versandhäusern, die ja auch ins Internet gegangen sind?

Roeb: Amazon ist eben kein klassischer Versandhändler. Amazon ist nur für den kleineren Teil seines Sortiments Versandhändler. Für den größeren Teil, den man bei Amazon kaufen kann, wenn man die Webseite anklickt, ist Amazon aber praktisch nur eine Verkaufsplattform. Amazon hat diese Produkte nicht auf Lager, muss sie nicht kaufen, ist dafür nicht verantwortlich und muss noch nicht einmal die Logistik dafür betreiben. Amazon bekommt eine Provision. Da entstehen keine Kosten und entsprechend auch keine Risiken.

tagesschau.de: Vom klassischen Versandhandel ist momentan nur noch Otto übrig geblieben. Was glauben Sie, kann Otto es schaffen?

Roeb: Otto hat natürlich auch Probleme, große Probleme. Aber Otto hat zwei Vorteile. Zum Einen sind sie Teil eines großen Konzerns, in dem entsprechende finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen, um so eine schwierige Phase zu überwinden. Zum anderen gibt es im Verbund des Otto-Versands eben auch eine Reihe solcher Spezialhändler, die den Profit bringen, den das klassische Kerngeschäft nicht mehr bringen kann. Ob es den typischen Otto-Versand-Katalog der 60er-, 70er- und 80er-Jahre bald noch gibt, habe ich große Zweifel. Otto als Unternehmen wird es weitergeben, auch im Versandhandel, da bin ich ziemlich sicher.

tagesschau.de: Welche Rolle spielt das Verbraucherverhalten, was hat sich da verändert?

Roeb: Die Verbraucher reagieren natürlich auf das gewachsene Angebot. Früher bekam man zwei Mal im Jahr den Otto-, Quelle- oder Neckermann-Katalog und war zufrieden. Heutzutage hat man die Möglichkeit, über das Internet jederzeit die allerneueste Mode, auch ganz spezielle Dinge, kaufen zu können. Da gibt man sich mit dem Standard-Angebot nicht mehr zufrieden. Das Kaufverhalten hat sich geändert. Die Menschen freuen sich und nutzen die Möglichkeiten, die ihnen die gewachsene Angebotsvielfalt bietet.

Das Gespräch führte Ina Böttcher, tagesschau24

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