Eine Frau sitzt mit Laptop am Küchentisch. | dpa

Arbeiten von zu Hause Homeoffice könnte Erwerbswelt spalten

Stand: 17.11.2021 18:50 Uhr

Homeoffice könnte in Kürze wieder Pflicht für alle werden, bei denen es möglich ist. Doch nur ein Teil kann die Vorteile des Arbeitens von zu Hause nutzen. Kritiker warnen vor einer Spaltung der Arbeitswelt.

Von Tom Fleckenstein und Veronika Wagner, BR

Etwa 20 Prozent der Beschäftigten arbeiten derzeit von zu Hause aus - und nach dem Willen des amtierenden Bundesarbeitsministers Hubertus Heil werden es bald durch Wiedereinführung der Homeoffice-Pflicht wieder deutlich mehr sein. Tatsächlich ist das Potenzial für Homeoffice in Deutschland laut Oliver Falck vom ifo-Institut mehr als doppelt so hoch. Die Vorteile liegen für ihn auf der Hand: Homeoffice mache die Wirtschaft widerstandsfähiger, wie gerade in der Pandemie gesehen. Denn trotz sozialer Distanzierung konnte die wirtschaftliche Aktivität in vielen Bereichen hochgehalten werden. Daher solle Homeoffice gefördert werden, etwa durch steuerliche Anreize, die Subvention von Endgeräten und vor allem den Breitbandausbau.

Geplante Homeoffice-Pflicht

Mit der Einführung zusätzlicher Corona-Schutzmaßnahmen planen SPD, Grüne und FDP die Rückkehr zur Ende Juni 2021 ausgelaufenen Homeoffice-Pflicht. Den Entwürfen zufolge müssen Arbeitgeber Beschäftigten mit "Büroarbeiten oder vergleichbaren Tätigkeiten" Homeoffice anbieten und ermöglichen. Das gilt allerdings nur, "wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen". Solche Gründe können etwa die notwendige Bearbeitung eingegangener Post, Kundenkontakte oder die erforderliche Ausgabe von Waren und Material im Rahmen der jeweiligen Tätigkeit sein. Die Beschäftigten müssen das Homeoffice-Angebot demnach annehmen, "soweit ihrerseits keine Gründe entgegenstehen". Das Arbeiten zu Hause kann zum Beispiel unmöglich sein, weil es dort zu eng oder zu laut ist oder weil die nötige technische Ausstattung fehlt.

Mehr Zeit für sich und die Familie

Auch Johanna Reihl arbeitet seit der Pandemie von zu Hause aus. Sie plant seit fast zwei Jahren Windkraftanlagen für Siemens Energy an ihrem heimischen Schreibtisch. Mit ihrer Familie wohnt sie in der kleinen mittelfränkischen Gemeinde Kalchreuth, rund 20 Kilometer entfernt von ihrem Büro auf dem Siemens Campus in Erlangen.

Reihl genießt die Vorteile des Homeoffice, auch weil die tägliche Pendelei entfällt. "Man hat mehr Zeit für sich, für die Familie, für den Haushalt. Zwischendurch kann ich mal die Waschmaschine anstellen oder die Geschirrspülmaschine ausräumen. Das bleibt ja alles liegen, wenn ich im Büro bin", sagt sie. Seit der Pandemie setzt ihr Arbeitgeber Siemens weltweit auf mobiles Arbeiten. In dem Großunternehmen, in dem die Präsenzkultur lange stark ausgeprägt war, haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die Option, zwei bis drei Tage die Woche von zu Hause aus zu arbeiten.

Problem: Mangelhafte digitale Infrastruktur

Auch die Diwa-Gruppe setzt zu Beginn der Pandemie auf Homeoffice. Die Firma hat ihren Sitz in Raubling im Landkreis Rosenheim. Das mittelständische Unternehmen mit 78 Mitarbeitern kümmert sich um die Umsetzung der Trinkwasserverordnung. Geschäftsführer Maximilian Mertens stieß jedoch an die Grenzen des Konzepts Homeoffice. Denn viele seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wohnen in sehr ländlichen Gebieten.  

"Da hat die Internetverbindung einfach nicht ausgereicht, um die Arbeit zu bringen", sagt Mertens. "Videokonferenzen haben nicht funktioniert, Mitarbeiter haben berichtet, dass sie für das Öffnen von cloud-basierten Programmen manchmal zehn Minuten gebraucht haben. Und das ist natürlich kein Umstand, in dem ich Mitarbeiter arbeiten lassen kann."

Deshalb sind alle 78 Beschäftigten zunächst zurück im Büro. Mertens, der seit Oktober auch Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren in Bayern ist, dem größten Verband junger Unternehmer und Führungskräfte im Freistaat, fordert die Bundes- und die Staatsregierung unter anderem auf, den Breitbandausbau zu beschleunigen. Sonst könnten Unternehmen im ländlichen Raum ins Abseits geraten. Die mangelhafte Infrastruktur sei ein klarer Standortnachteil. Die bayerische Staatsregierung gibt zwar zu, dass der Breitbandausbau vor allem im ländlichen Raum anspruchsvoll sei. Von 2014 bis 2020 habe man jedoch 1,5 Milliarden Euro in unterversorgte Gebiete investiert.  

Geringere Bereitschaft für Homeoffice im ländlichen Raum

Der Anteil an Betrieben, die überhaupt Homeoffice ermöglichen, ist auf dem Land erheblich geringer als in der Stadt. Das zeigt eine aktuelle Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Demnach will zwar jedes fünfte Unternehmen mobiles Arbeiten längerfristig ausbauen. Doch zwei Drittel der Betriebe wollen es wieder auf den Stand vor der Pandemie zurückfahren, darunter vor allem kleinere Betriebe mit weniger als 50 Angestellten.

Das Konzept Homeoffice klingt simpel, ist bei näherer Betrachtung jedoch äußerst komplex. Den Datenschutz, aber auch die Arbeitszeiten sieht die Vereinigung Mittelstand in Bayern als die heikelsten Punkte, wenn es um das Thema Homeoffice geht. "Die Firma ist für die Einhaltung der Arbeitsschutzrichtlinie, für den Datenschutz, für die Arbeitszeitgesetzgebung verantwortlich und kann das im Grunde überhaupt nicht kontrollieren", so Ingolf Brauner, Präsident der Vereinigung Mittelstand in Bayern. Die neue Bundesregierung müsse flexiblere Arbeitszeiten ermöglichen, die den Unternehmen, aber auch den Arbeitnehmern mehr Freiräume lassen, die sie dann selbst verantworten, findet Brauner.  

Innovationskraft durch Homeoffice gefährdet

Mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung fordert auch der Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft, Michael Hüther. Er warnt gleichzeitig davor, Homeoffice zu euphorisch zu betrachten. Wer innovativ bleiben wolle, der brauche die lebendige Diskussion in der Firma. Unternehmen seien Orte der Begegnung. "Wenn wir Öffentlichkeit nicht mehr pflegen, wenn wir das, was in der Pandemie richtig war, perpetuieren, dann werden wir einen Krisenzustand zum Dauerzustand machen, das kann nicht gut gehen", sagt Hüther.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Historiker sieht beim Thema Homeoffice außerdem die Gefahr einer Spaltung der Belegschaft, nicht nur zwischen Produktion und Verwaltung, sondern auch zwischen Führungskräften und Mitarbeitern - mit negativen Folgen für die Unternehmensziele.

Spaltung der Belegschaft verhindern

Eine ähnliche Sorge teilen die Gewerkschaften. "Wenn es zwei Gruppen von Beschäftigten gibt - die einen, die sehr stark von der Möglichkeit profitieren, Homeoffice machen zu können, und eine zweite Gruppe, die diese Möglichkeit nicht hat -, müssen wir verhindern, dass dort eine Spaltung entsteht", sagt Karl Musiol, der für die IG Metall bei Siemens in Erlangen aktiv ist.

Siemens-Mitarbeiterin Johanna Reihl hatte eigentlich geplant, ab Anfang Dezember wieder zwei bis drei Tage im Büro zu arbeiten, ansonsten zu Hause, nach Absprache mit ihrem Chef. Inwieweit eine neue Homeoffice-Pflicht ihre Pläne durchkreuzt, wird sich zeigen. Doch für die Reihls hat sich das Konzept Homeoffice bewährt. Die Familie hat durch das flexible Arbeiten an Freiheit und damit Lebensqualität gewonnen. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. September 2021 um 16:36 Uhr und am 14. November 2021 um 18:11 Uhr.