Ein Kunde betrachtet ein Regal im Supermarkt | dpa

"Mogelpackungen" bei Lebensmitteln Wie Hersteller höhere Preise vertuschen

Stand: 04.06.2022 09:35 Uhr

Verbraucherschützer warnen davor seit langem: Der Preis eines Produkts bleibt gleich - doch in der Packung ist plötzlich weniger drin. In Zeiten hoher Inflation ist das für die Industrie besonders verlockend.

Von Oliver Feldforth, hr

Im Supermarkt greifen viele oft zu den gewohnten Produkten. Die Verpackung des Schokoladenriegels sieht aus wie immer, der Preis ist auch derselbe. Erst zu Hause bemerkt man dann: Es sind viel weniger Riegel in der Schachtel als beim letzten Einkauf. Man ist auf eine versteckte Preiserhöhung reingefallen.

Oliver Feldforth

Weniger Inhalt statt höherer Preise

Weniger für dasselbe Geld bedeutet: Das Produkt ist teurer geworden. Zwar steht jetzt auf den Preisschildern beim Einkauf der Preis pro 100 Gramm, aber kaum jemand nimmt sich die Zeit, da so genau hinzuschauen. Die Industrie spekuliert offenbar auf den eiligen Kunden.

Der Handel habe ein großes Interesse daran, dass der Preis gleich bleibt, erläutert Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Die Käuferinnen und Käufer reagieren auf Vertrautes, bekannte Preise gehören auch dazu. Für die Hersteller ist das ein Problem, das sie gerne mit Mengenreduktion lösen. Auch verschiedene Füllmengen sorgen für Verwirrung, die für die Kundinnen und Kunden weniger Übersicht bedeuten. Den Herstellern könnte das ganz gelegen kommen.

Jährlich 3000 Beschwerden

Allein bei der Verbraucherzentrale Hamburg liefen im vergangenen Jahr 3000 Beschwerden auf. Die Käuferinnen und Käufer fühlen sich getäuscht, erwarten mehr Inhalt oder stolpern auch immer wieder über Preiserhöhungen. Alle Beschwerden werden geprüft. Die Hersteller werden dann um eine Stellungnahme gebeten. Oft folge der Hinweis, dass für den Preis ja der Handel und nicht der Produzent verantwortlich sei. Das sei zwar nicht grundsätzlich falsch, aber natürlich kooperierten in der Realität beide sehr eng, so die Verbraucherzentrale.

Die Hamburger Verbraucherschützer küren regelmäßig die "Mogelpackung des Monats" und auch des Jahres. Ein Spitzenreiter bei der Preiserhöhung ist aktuell der Konzern Mars mit seinem Katzenfutter "Sheba Filets Natürliches Huhn". Eine leicht veränderte Verpackung, eine Mengenreduktion um ein Viertel und zusätzlich ein erhöhter Preis führe zu einer tatsächlichen Preiserhöhung von 69 Prozent.

Neues Phänomen: die "doppelte Preiserhöhung"

Allein Füllmengenreduktion reicht den Herstellern offenbar nicht mehr aus. Verbraucherschützer beobachten immer mehr eine Kombination aus versteckter Mengenreduktion und direkter Preiserhöhung der jetzt schon kleiner gewordenen Füllmenge - de facto ist das also eine doppelte Preiserhöhung. Bei einem Kartoffelchipshersteller sei das gerade aufgefallen.

Die Preiserhöhungen sind nach Einschätzung von Verbraucherschützer Valet erst der Anfang einer Spirale nach oben. Denn die Industrie benötigt ungefähr ein halbes Jahr, um Verpackungen, Preisschilder und vieles mehr neu auszulegen. "Wir glauben, dass jetzt geplante Füllmengenreduktionen zum Jahresende im Supermarkt zu finden sind", so Valet.

Großpackungen ökologisch zweifelhaft

Neben der Täuschung der Verbraucher bedeutet eine für die Füllmenge zu große Verpackung darüber hinaus eine Verschwendung von Ressourcen. Es gibt eine ökologisch optimale Größe für die Verpackung eines Produktes, die je nach verpacktem Gut sehr unterschiedlich ausfallen kann, so Manfred Santen von Greenpeace. In jedem Fall sei eine zu große Verpackung ökologisch der falsche Weg. Wie viel Verpackungsmaterial auf diese Weise genau vergeudet wird, lässt sich schwer beziffern.

Privat im Supermarkt merkt Verbraucherschützer Valet nach eigener Aussage öfter, dass er sofort Preise und Mengen vergleicht - und deshalb lange für den Einkauf braucht. Das nerve die Familie dann auch manchmal, räumt er lachend ein.

Über dieses Thema berichtet der NDR in der Sendung "Die Ratgeber" am 25. Juni 2022 um 08:00 Uhr.