Klingelknopf mit der Aufschrift "Schuldnerberatung" | dpa

Pandemie-Folgen Finanzielle Notlagen nehmen zu

Stand: 27.10.2021 11:25 Uhr

Immer mehr Menschen geraten als Folge der Corona-Pandemie in finanzielle Not und suchen Unterstützung bei Schuldnerberatungsstellen der Caritas und Diakonie. Die Nachfrage nach Beratungen ist deutlich gestiegen.

"Die steigende Nachfrage nach sozialer Schuldnerberatung ist alarmierend", sagt Maria Loheide, Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland. Denn Beratungsstellen der Diakonie und der Caritas verzeichneten im ersten Halbjahr 2021 eine deutlichen Zunahme der Nachfrage nach Schuldnerberatungen. Das geht aus einer Umfrage der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der beiden Verbände hervor.

Wie die Umfrage zeigt, erhöhte sich bei mehr als zwei Dritteln der befragten Beratungsstellen die Anzahl der Anfragen im Vergleich zum Zeitraum vor der Pandemie. Teilweise stieg die Nachfrage um mehr als 30 Prozent. Vor allem die Dauer der Pandemielage werde zum Problem für viele Menschen, so Loheide: "Zu Beginn der Pandemie konnten sich viele Menschen noch durch Rücklagen oder privat geliehenes Geld finanziell über Wasser halten. Inzwischen können viele ihre Überschuldungssituation jedoch nicht mehr kompensieren."

Anfragen wegen steigender Energiekosten nehmen zu

Ein Privathaushalt gilt in Deutschland als überschuldet, wenn sein Einkommen nicht ausreicht, um die Rechnungen zu begleichen und den Alltag zu finanzieren. Vor allem die in den vergangenen Monaten gestiegenen Energiepreise und die steigenden Kosten für eine wirksame Klimapolitik sieht der Caritas-Verband als Triebkräfte der Entwicklung. Die erhöhte Nachfrage nach Beratung war bei über einem Viertel der Beratungsstellen auf fällige Kredite, Miet- und Energieschulden zurückzuführen.

Viel mehr Menschen als früher hätten sich demnach nach einem Pfändungsschutzkonto erkundigt und brauchten Hilfe beim Ausfüllen der notwendigen Bescheinigung. Bei einem Pfändungsschutzkonto ist das Guthaben bis zu einer Summe von etwa 1180 Euro vor Pfändungen geschützt. Dadurch können betroffene Personen auch während einer Pfändung beispielsweise Miete und Strom zahlen.

Schuldnerberatung für alle

Die künftige Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes, Eva Welskop-Deffaa, forderte darum Ausgleichsmaßnahmen wie eine Klimaprämie: "Wir fordern von der Ampelkoalition nicht nur eine auskömmliche Finanzierung der Schuldnerberatung und eine Fortführung der kostenlosen Energieberatung für einkommensschwache Haushalte."

Auch die Nachfrage von Solo-Selbstständigen und Personen in Kurzarbeit stieg teilweise deutlich um über 40 Prozent an. Diakonie und Caritas fordern darum, den Zugang zur gemeinnützigen Schuldnerberatung auszuweiten, etwa für Erwerbstätige und Solo-Selbständige: "Ohne professionelle Unterstützung werden viele dieser Menschen den Weg aus der Überschuldung nicht bewältigen. Wir brauchen dringend mehr Kapazitäten in den sozialen Schuldnerberatungsstellen. Die Mitarbeitenden in den Beratungsstellen arbeiten über ihrem Limit, und das nicht erst durch die Pandemie", erklärt der Vorstand Sozialpolitik der Diakonie Deutschland.

2020 sank Überschuldungsquote

2020 war die Überschuldungsquote in Deutschland noch gesunken: Die Zahl überschuldeter Verbraucher lag nach Angaben des Schuldner-Atlas von 2020 bei rund 6,85 Millionen, die Überschuldungsquote sank unter zehn Prozent. Der Schuldner-Atlas wird jährlich vom Verband der Vereine Creditreform e.V. herausgegeben und untersucht die Überschuldung von deutschen Verbrauchern. Dennoch warnten auch die Verfasser des Schuldner-Atlas schon im vergangenen Jahr vor einer steigenden Verschuldung vor allem einkommensschwacher Haushalte: "Die unteren sozialen Schichten haben keine oder nur sehr geringe finanzielle Reserven und eine negative Sparquote - sie ver- und überschulden sich", so Boniversum-Geschäftsführer Stephan Vila.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Oktober 2021 um 07:00 Uhr.