Lange Schlangen von Reisenden am Flughafen Düsseldorf | dpa

Annullierte Flüge Keine Vorkasse mehr bei Flugtickets?

Stand: 02.07.2022 19:02 Uhr

Reihenweise fallen in diesen Tagen zahlreiche Flüge aus. Das Verbraucherschutzministerium ruft die Airlines nun auf, zügig bereits gebuchte Tickets zu erstatten. Ansonsten stehe eine Prüfung der Vorkasse-Praxis an.

Von Oliver Neuroth, ARD-Hauptstadtstudio

Wenn eine Airline einen Flug ersatzlos streicht, ist die Rechtslage für die Passagiere eindeutig. Die Unternehmen sind laut Fluggastrechteverordnung verpflichtet, die Kosten "binnen sieben Tagen" zu erstatten. Doch oft lassen sich Fluggesellschaften mehr Zeit. Als zu Beginn der Corona-Pandemie Tausende Flüge annulliert wurden und der weltweite Flugverkehr praktisch zum Erliegen kam, mussten Kunden teils Monate auf ihr Geld warten.

Oliver Neuroth ARD-Hauptstadtstudio

Airlines sollen "Pflichten erfüllen"

"Wir haben die klare Erwartung, dass Airlines ihre gesetzlichen Pflichten erfüllen", teilte ein Sprecher des Verbraucherschutzministeriums dem ARD-Hauptstadtstudio mit. Die berechtigten Ansprüche der Fluggäste müssten schnell und unbürokratisch erfüllt werden. Die Sieben-Tage-Frist sei zentral. "Sonst wird man die Vorkasse-Praxis in ihrer jetzigen Form überprüfen müssen", heißt es vom Ministerium.

Es ist eine Drohung an die Fluggesellschaften. Das bisher gängige System, wonach Tickets vor dem Flug bezahlt werden, könnte in Frage gestellt werden. "Normalerweise müssen Verbraucher und Verbraucherinnen eine Leistung erst bezahlen, wenn sie auch erbracht wurde", so der Ministeriumssprecher. Und er fügt hinzu: "Bei der Vorkasse-Praxis haben Fluggäste ein hohes Risiko, wenn es zu Flugausfällen oder Insolvenzen von Fluggesellschaften kommt."

Auch stellt sich das Verbraucherschutzministerium gegen die Regel, dass Passagiere proaktiv eine Erstattung von Ticketkosten und Entschädigungen einfordern müssen. "Bisher müssen Fluggäste ihre Ansprüche in einem umständlichen schriftlichen Verfahren geltend machen." Die Bundesregierung prüfe zurzeit, ob eine automatisierte Auszahlung möglich sei.

Kundenvorteil Frühbucherrabatt?

Die Luftfahrtbranche reagiert zurückhaltend. "Selbstverständlich haben Passagiere ein Anrecht auf fristgerechte Rückerstattung ihres Ticketpreises, wenn sie ihren annullierten Flug nicht umbuchen wollen", sagt Matthias von Randow, der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft.

Und er bringt einen Kundenvorteil des Vorkassen-Modells ins Spiel: Wer frühzeitig ein Ticket buche und bezahle, komme oft in den Genuss von Frühbucherrabatten.

Flughäfen ächzen unter Personalmangel

Annullierte Flüge sind für Kunden gerade aktueller denn je: An den großen Flughäfen in Nordrhein-Westfalen fallen auch an diesem zweiten Ferienwochenende etliche Verbindungen aus. Betroffen sind unter anderem Flüge von Köln/Bonn und Düsseldorf nach Nizza, Lissabon, Barcelona oder Mailand. Zu dem ohnehin schon knappen Personal kämen noch kurzfristige Krankmeldungen von Crews wegen Corona, heißt es zum Beispiel von Eurowings.

Dazu kommen große Personalengpässe bei den Flughafenbetreibern: Passagiere mussten in den vergangenen Tagen deutlich länger an vielen Check-In-Schaltern und Sicherheitskontrollen warten. Etliche Beschäftigte haben sich in der Hochphase der Corona-Pandemie andere Jobs gesucht oder wurden von ihren Arbeitgebern gekündigt. Personal, das den Flughäfen jetzt zum Start der Sommerreisewelle fehlt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. Juli 2022 um 18:22 Uhr.