Ein Mann schaut aus dem Fenster seines Tiny House, das in seinem Schrebergarten steht. | dpa

Tiny Houses Kleines Haus, große Hürden

Stand: 19.12.2021 14:53 Uhr

In Zeiten horrender Immobilienpreise wächst das Interesse an Kleinsthäusern. Doch die Suche nach einem Stellplatz ist in Deutschland oft schwierig. Welche Chancen hat die Wohnform?

Von Caroline Hofmann und Mira Barthelmann, BR

Wohnung, Villa, Bungalow, Reihenhaus oder Doppelhaushälfte: Die Vielfalt von Wohnraum ist in Deutschland groß. Doch mit neuen Gebäudeformen tun sich Behörden und Gemeinden vielerorts bislang schwer; unter anderem mit sogenannten Tiny Houses, englisch für "kleine Häuschen". Eine Definition sucht man sowohl im Duden als auch im deutschen Baurecht vergeblich, und auch die Größe ist nicht definiert. Meist spricht man bei bis zu 50 Quadratmetern von einem Tiny House. Wenn die Häuser auf einem Fahrgestell montiert sind, umfasst die Fläche aber oft nur etwa 25 Quadratmeter.

Verlässliche Zahlen, wieviele Tiny Houses es mittlerweile in Deutschland gibt, existieren bis heute nicht. Dennoch wächst das Interesse an den kleinen Häusern laut dem "Tiny House Verband" kontinuierlich. Laut Verband werden in Deutschland mehr als 500 Tiny Houses von mehr als 75 Herstellern jedes Jahr gebaut. Die Internet-Suchanfragen zum Thema bei Google hätten in den vergangenen fünf Jahren immer weiter zugenommen - mit einem Höhepunkt in der Pandemie, etwa zum Jahreswechsel 2020/2021.

Altersvorsorge auf vier Rädern

Wer in einem Tiny House dauerhaft leben möchte, muss sich darauf gefasst machen, dass die Stellplatzsuche nicht einfach wird oder im Extremfall sogar scheitern kann. So war es bei Thorsten Thane aus Wolfratshausen in Oberbayern. Monatelang tüftelte und bastelte er an seinem Haus auf Rädern. Das Tiny House war sein Lebenstraum und gleichzeitig seine Altersvorsorge: "Ich bin schon lange selbstständig und war lange im Ausland, aber wenn ich sehe, was auf meinem Rentenbescheid steht, war für mich ganz klar: Davon werde ich nicht leben können."

Thanes Idee: ein Tiny-House-Dorf in der Region Wolfratshausen. Diesen Plan präsentierte er vor einigen Jahren den Kommunalpolitikern und stieß auf große Vorbehalte. Er und seine Mitstreiter gründeten daraufhin den Verein "einfach-gemeinsam-leben" und begaben sich auf die Suche nach einem Pachtgrundstück, wo sie ihre Tiny Houses abstellen können. Die Anforderungen an ein solches Grundstück sind hoch, denn sobald ein Tiny House dauerhaft bewohnt wird, gilt es als Immobilie mit den gleichen Anforderungen wie bei einem Einfamilienhaus. Dann werden Anschlüsse an Straße, Wasser, Kanalisation und vieles mehr nötig.

Trotz intensiver Suche fand sich in den vergangenen Jahren in und um Wolfratshausen kein geeigneter Eigentümer, der bereit war, seinen Grund zur Verfügung zu stellen. Thane vermutet, dass die potentiellen Verpächter den Unmut in der Gemeinde zu sehr fürchteten. Die Stadt Wolfratshausen und ihr Bürgermeister Klaus Heilinglechner können das nicht nachvollziehen - sie stünden Tiny Houses grundsätzlich positiv gegenüber. Nach mehreren Jahren ohne Aussicht auf einen Stellplatz gab Thane nun auf und verkaufte sein Tiny House.

Stellplatz gesucht und gefunden

Anderswo hatten Besitzer mehr Erfolg: Vroni und Jonas Börnicke haben ihr 25-Quadratmeter-Haus in Hallstadt bei Bamberg abgestellt. Dort steht das 25-Quadratmeter-Haus auf einem unbebauten Baugrundstück mitten im Wohngebiet. Es ist an das öffentliche Netz angeschlossen und bezieht Wasser und Strom, wie ein normales Haus ohne Keller.

In der Wohngegend kommt das Tiny House gut an. "Die Nachbarn finden das Haus super. Die waren alle neugierig, hatten Fragen und wollten sich das Tiny House anschauen“, erzählt Vroni Börnicke. Sie und ihr Mann Jonas schätzen die verhältnismäßig niedrigen Pacht- und Anschaffungskosten im Vergleich zu einer konventionellen Immobilie sowie die Flexibilität, die ihnen ihr kleines Haus bietet. Denn im besten Fall können sie es einfach mitnehmen.

Ohne Unterstützung geht es nicht

Thomas Söder, der Bürgermeister von Hallstadt, hat die Börnickes bei ihren Plänen unterstützt. Aus seiner Sicht bietet diese Wohnform neue Chancen für die Kleinstadt: "Der Wohnraum ist sehr, sehr knapp, weil wir einen großen Zuzug haben. Die Baukosten sind gewaltig gestiegen. Die Grundstückspreise sind enorm gestiegen, und wir möchten schon, dass junge Menschen in unserem Ort auch eine Zukunft haben."

Den Börnickes ist klar, dass sie auf die Unterstützung der Stadt angewiesen waren: "Die Gemeinde muss definitiv offen sein, und wenn sie das nicht ist, kann man immer einen Grund finden, der einem das nicht erlaubt." Doch immer mehr bayerische Gemeinden sehen eine Chance in der kleinen Wohnform - und so entstehen derzeit Projekte im ganzen Bundesland.

Über dieses Thema berichtete die Sendung "Kontrovers - Die Story" im Bayerischen Fernsehen am 10. November 2021 um 21:15 Uhr.