Einfamilienhäuser im Grünen | picture alliance / dpa-tmn

Umzugspläne der Deutschen Stadtflucht nach der Pandemie?

Stand: 19.07.2021 15:47 Uhr

Die Corona-Erfahrungen könnten zur verstärkten Abwanderung aus Stadtzentren führen. Einer Studie des ifo-Instituts zufolge haben sich zahlreiche Großstadt-Bewohner vorgenommen, aus den Metropolen wegzuziehen.

Der erlebte Alltag während der Corona-Pandemie könnte viele Deutsche aus den Großstädten treiben. Mehr als jeder achte Bewohner (12,9 Prozent) in Städten mit über einer halben Million Einwohner will diese laut einer Befragung des Münchner ifo-Instituts und des Immobilienportals Immowelt binnen maximal eines Jahres verlassen.

Fast die Hälfte der 18.000 Befragten nennt als wichtigen Grund für die Entscheidung, aufs Land oder in eine kleinere Stadt ziehen zu wollen, die Situation in der Corona-Krise. Angesichts geschlossener Restaurants, Clubs, Bars und Geschäfte sowie fehlender Kulturveranstaltungen gingen viele Vorteile verloren. Auch erleichterte das Homeoffice das Leben außerhalb der Städte.

"Weniger Kompromisse bei eigenen Wohnverhältnissen"

Natürlich wisse man nicht, wie viele Menschen ihre Absichten wirklich in die Tat umsetzten, doch Pläne, binnen sechs oder zwölf Monaten die Stadt zu verlassen, könne man durchaus als relativ konkret sehen, sagte Studienautor Mathias Dolls. Alle der knapp 13 Prozent Umzugswilligen würden aber sicherlich nicht die Großstädte verlassen.

"Viele Befragte geben an, in Zukunft weniger Kompromisse bei den eigenen Wohnverhältnissen machen zu wollen, da sie aufgrund der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringen", erklärte Jan-Carl Mehles, Leiter der Marktforschung bei Immowelt und Co-Autor der Studie. Insbesondere Familien mit Kindern und jüngere Altersgruppen in der Familiengründungsphase zieht es der Arbeit zufolge weg aus den Stadtzentren.

Konkret sagten 5,3 Prozent der befragten Bewohner der großen Großstädte, innerhalb von sechs Monaten die Stadt verlassen zu wollen. Weitere 7,6 Prozent hätten das Ziel, das binnen zwölf Monaten tun. Umzüge in andere große Großstädte zählten dabei nicht mit.

Großstädte kein Sehnsuchtsort?

Darüber hinaus sei auffällig, dass bei den Menschen außerhalb der großen Städte kein besonders hoher Wunsch vorhanden sei, dorthin zu ziehen, so Dolls. Sie seien kein Sehnsuchtsort. Ob es am Ende in den Metropolen unter dem Strich mehr Zuzug oder mehr Wegzug geben werde, könne im Moment noch niemand sagen.

Auch eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft aus dem März war zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: Demnach ziehen bereits seit 2014 mehr Menschen aus den Innenstädten ins Umland als andersherum. Die größte Gruppe seien dabei 35- bis 50-Jährige.

Kleinere Städte und Speckgürtel bevorzugt

Meistgenannte Umzugsziele waren in der aktuellen Befragung kleinere Großstädte mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern und "suburbane Räume" im Speckgürtel der Großstädte. Der ländliche Raum spiele dagegen nur eine untergeordnete Rolle, so die Autoren.

Den Trend zeigt auch eine Marktanalyse des Immobilienmaklers Engel & Völkers für rund 700 Gemeinden in allen Landkreisen, die an die Top-7-Städte der Bundesrepublik angrenzen. Die Menschen ziehen demnach vor allem in den Speckgürtel großer Metropolen.

"In Zeiten von Corona möchten die Menschen vermehrt ins Grüne ziehen, aber gleichzeitig nicht die Vorzüge des urbanen Lebens und die Sicherheit einer erstklassigen medizinischen Versorgung missen", so Kai Enders, Vorstandsmitglied beim Immobilienmakler.

Bessere Infrastruktur nötig

Der Trend könnte vorerst anhalten: Der ifo-Umfrage zufolge hegen jenseits schneller Umzugspläne noch viel mehr Bewohner der großen Städte Wegzugsgedanken. Das bringt neue Herausforderungen mit sich. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass eine bessere Anbindung des suburbanen an den urbanen Raum und ein Ausbau der Bildungsinfrastruktur in den betroffenen Kommunen an Bedeutung gewinnen werden", so ifo-Experte Dolls.

Denn 18,5 Prozent der Befragten wollen in den kommenden zwei oder fünf Jahren weg. Für weitere 24,4 Prozent käme ein solcher Umzug grundsätzlich infrage. Nicht einmal die Hälfte - 44,2 Prozent - lehnt es ab, die großen Städte zu verlassen. Zum Vergleich: Im ländlichen Raum lehnten mehr als zwei Drittel einen Wegzug ab.

Wie viele Menschen die großen Städte verlassen wollen, variiert von Ort zu Ort stark. Besonders häufig ist dies in Hannover der Fall, wo 16,5 Prozent der Befragten angaben, binnen eines Jahres wegziehen zu wollen. Dahinter folgen Frankfurt mit 16,2, Dortmund mit 14,2 sowie Berlin und Stuttgart mit je 14,1 Prozent.

Relativ nah am Durchschnitt liegen Düsseldorf (13,7 Prozent), Köln (13,5 Prozent), München (12,5 Prozent) und Nürnberg (12 Prozent). Im Hamburg mit 11,4 und Bremen mit 11,1 Prozent ist der Wegzugswunsch eher unterdurchschnittlich ausgeprägt. Am seltensten wollen die Bewohner von Leipzig (10,5 Prozent), Dresden (9,5 Prozent) und Essen mit (7,6 Prozent) ihre Stadt verlassen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 15. Februar 2021 um 19:10 Uhr.

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Moderation 19.07.2021 • 21:45 Uhr

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