Ein leeres Regal in einem Supermarkt | picture alliance/dpa

Drohende Ernteausfälle Warum Sonnenblumenöl derzeit knapp ist

Stand: 18.03.2022 12:44 Uhr

Wegen des Ukraine-Kriegs fehlen derzeit Lebensmittel wie Sonnenblumenöl und Weizenmehl teilweise in den Supermarkt-Regalen. Es kommt zu Hamsterkäufen. Doch gibt es echte Versorgungs-Engpässe?

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Ob bei Aldi, Edeka oder Rewe - wo in den Supermärkten sonst das Speiseöl stehen soll, herrscht derzeit oftmals Leere. Besonders das günstige Sonnenblumenöl ist vielerorts ausverkauft. "Sonnenblumenöl ist das neue Klopapier", sagt ein Frankfurter Filialleiter von Aldi-Süd. Zu Beginn der Corona-Krise hatten Hamsterkäufe zu Engpässen beim Toilettenpapier geführt.

Vorräte reichen nur noch für ein paar Wochen

Der Verband Ölsaatenverarbeitender Industrie bestätigt gegenüber tagesschau.de den akuten Öl-Mangel. "Sonnenblumenöl ist derzeit knapp", so ein Sprecher. Momentan würden Restbestände aus den Lagern verkauft. Die Vorräte werden bald aufgebraucht sein. "Das Sonnenblumenöl wird nur noch für ein paar Wochen reichen", erklärt der Verbandssprecher.

Weil viele Kunden ausweichen, sind auch teilweise andere Ölsorten ausverkauft. Die Handelskette Real berichtet von einer Verknappung bei Speiseölen. Auch Aldi-Süd stellt eine erhöhte Nachfrage nach Sonnenblumen-, Raps- und Olivenöl fest. In Sozialen Medien kursieren Bilder von leeren Öl-Regalen.

Russland und Ukraine als wichtigste Lieferanten

Die "Sonnenblumenöl-Krise" hat viel mit dem Ukraine-Krieg zu tun. Gut drei Viertel der weltweiten Exporte an Sonnenblumenöl kommen aus der Ukraine und Russland. Alleine die Ukraine macht die Hälfte aller Exporte aus.

Deutschland deckt seinen Sonnenblumenöl-Bedarf zu 94 Prozent über Importe. Das heißt: Nur sechs Prozent kommt aus der heimischen Produktion.

Bangen um die Ernte

Laut dem Geschäftsführer der Ölmühle C. Thywissen, Detlef Volz, wurden bis zur nächsten Ernte im September 2,5 Millionen Tonnen Sonnenblumen-Rohöl aus der Ukraine erwartet. Momentan komme aber kein Schiff mehr aus der Ukraine. Ob es bald wieder Lieferungen geben werde, hänge davon ab, wie lange der Krieg noch andauert. Die Aussaat bei den Sonnenblumen ist im April. Ob die Felder bis dahin wieder bestellt werden können, ist ungewiss. Sollte die Saat nicht stattfinden können, wird auch die Ernte ausfallen.

Derzeit seien die Lieferketten noch stabil und gut bestückt, sagte der Handelsverband Berlin-Brandenburg dem rbb. Erst in den kommenden Wochen sei mit Engpässen zu rechnen. Diese könnten dann vorerst nicht durch andere Import-Länder kompensiert werden, betonen Experten. Mittelfristig müssten die internationalen Warenströme neu ausgerichtet und bewertet werden, heißt es vom Branchenverband Ovid.

Märkte gehen gegen Hamsterkäufe vor

Die leeren Regale mit Sonnenblumenöl sind also aktuell vor allem auf Hamsterkäufe zurückzuführen. Deshalb haben einige Supermärkte und Discounter angefangenen, bestimmte Produkte zu rationieren. In einzelnen Penny-Filialen wie zum Beispiel in Frankfurt dürfen Kunden nur noch eine Flasche Öl pro Einkauf mitnehmen. Auch Rewe begrenzt den Einkauf von Sonnenblumen-, Raps- und Frittieröl. Bei Aldi-Süd liegt die Grenze bei vier Flaschen der Hausmarke.  

Die Branche warnt vor Panikmache. Momentan gebe es genügend Alternativen zu Sonnenblumenöl. Rapsöl und andere Ölsorten seien ausreichend vorhanden, heißt es vom Verband Ölsaatenverarbeitender Industrie. "Beim Rapsöl ist aktuell kein Versorgungsengpass zu sehen", so ein Sprecher.

Keine Engpässe bei Chips

Ebenfalls keine Engpässe drohen bei Knabberartikeln wie Chips. Denn das Sonnenblumenöl für die Snacks stammten von einer anderen Sorte, die vorwiegend in Südeuropa wächst, sagt Thywissen-Geschäftsführer Volz.

Von der Nutzung des Speiseöls als billige Betankung des eigenen Autos raten Experten dringend ab. "Pflanzenöle führen zu Startschwierigkeiten und wirken sich negativ auf Leistung und Lebensdauer des Motors aus", warnt der ADAC. Im Extremfall könnten sogar Motorschäden entstehen. Das käme die Autobesitzer dann teuer zu stehen.

Auch Mehl wird gehamstert

Nicht nur Sonnenblumenöl, sondern auch Mehl und teilweise Nudeln hamstern die Verbraucher derzeit. Das hat der Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft beobachtet. Für solche Panikkäufe sieht Geschäftsführer Peter Habeck keinen Grund. Die Versorgung mit Mehl in Deutschland sei sichergestellt. Es sei genügend Getreide gelagert, um Bäckereien und Supermärkte mit Mehl zu versorgen.

Der Exportstopp von russischem Getreide trifft Deutschland nicht. Deutschland importiere kein Brotgetreide aus Russland und der Ukraine, erklärt Branchenverbands-Geschäftsführer Habeck. Der Selbstversorgungsgrad für Weizen in Deutschland liegt bei über 100 Prozent.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels appelliert an die Bevölkerung, nicht auf Vorrat einzukaufen. Die Verbraucher sollten solidarisch sein und nur handelsübliche Mengen kaufen. "Wir gehen nicht von einer Unterversorgung mit Lebensmitteln der Grundversorgung oder Gütern des täglichen Bedarfs aus", erklärt ein Sprecher gegenüber tagesschau.de. Auch Bundesernährungsminister Cem Özdemir sieht keinen Anlass für Hamsterkäufe. Die Lebensmittelversorgung in Deutschland sei sicher.