Protest gegen die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Rotterdam (Niederlande) | EPA

Niederlande Schutzzonen gegen Miethaie

Stand: 17.11.2021 19:00 Uhr

Der Wohnungsmarkt in vielen niederländischen Städten ist angespannt - zum Unmut der Bevölkerung. Rotterdam weist nun Schutzzonen aus, die Spekulanten fernhalten sollen. Andere Städte wollen folgen.

Von Ludger Kazmierczak, WDR-Studio Den Haag

In der Klaverstraat im Rotterdamer Wohnviertel Carnisse hingen nach der Immobilienkrise 2014 an vielen Fassaden der schmucklosen Reihenhäuser die Angebotsschilder der Makler: "Te koop - zu kaufen". Jetzt aber seien alle Immobilen vom Markt, sagt Bas Kurvers, der Beigeordnete der Stadt für Bauen und Wohnen - 90 Prozent der Wohnungen in dem Viertel seien an Investoren verkauft worden. Ein interpretationsfähiger Begriff, findet Kurvers: "Sie nennen sich Investoren, aber das sind nicht immer die guten. Viele nehmen zu hohe Mieten und lassen die Wohnungen herunterkommen."

Ludger Kazmierczak ARD-Studio Den Haag

Junge Familien und Existenzgründer hätten kaum eine Chance, sich gegen finanzkräftige Anleger durchzusetzen, sagt der Immobilienmakler Daan Kardol. Und das nicht nur, weil die großen Investoren mehr Geld bieten könnten. Denn wenn ein Anleger ohne Finanzierung kaufen könne, ein privater Bieter dagegen nur unter Vorbehalt der Banken-Finanzierung, dann entscheide sich der Verkäufer in den meisten Fällen "für Sicherheit".

16 Viertel unter besonderem Schutz

Doch Häuser seien zum Wohnen da und nicht, um Geld damit zu verdienen, sagt der Beigeordnete Kurvers. Die Stadt deklariert deshalb 16 Rotterdamer Wohnviertel ab dem 1. Januar zu Schutzzonen. Sie sind zu erkennen an rot umrandeten Verbotsschildern, in deren Mitte ein lachendes Haus abgebildet ist. "Opkoopbescherming!" steht darunter - "Aufkaufschutz".

Die Rotterdamer, sagt Kurvers, zeigten damit, dass sie "an einem ehrlichen Wohnungsmarkt arbeiten". Und es sei auch ein "Warnsignal" an all jene, die an Häusern nur verdienen wollten: "Die möchten wir hier nicht haben."

Protest gegen die Lage auf dem Wohnungsmarkt in Rotterdam (Niederlande) | EPA

Der Streit um die Wohnungsmarktpolitik treibt inzwischen viele Niederländer auf die Straße - wie hier im Oktober in Rotterdam. Bild: EPA

Die Käufer sollen einziehen

Vom kommenden Jahr an müssen Wohnungen in den Schutzzonen bis zu einem Marktwert von 355.000 Euro in den ersten vier Jahren nach dem Erwerb vom Eigentümer selbst oder von Familienangehörigen bewohnt werden. Spekulanten und Miethaie sollen dadurch beim Kauf außen vor bleiben.

In Amsterdam, wo ähnliches geplant ist, liegt die Bewertungsgrenze sogar bei über 500.000 Euro. Dort haben sich die Kaufpreise innerhalb der letzten sieben Jahre verdoppelt.

Leiden am Ende die Ärmeren?

Makler Kardol hat Verständnis für den Vorstoß der Städte, gibt aber zu bedenken, dass das Angebot für Mieter dadurch kleiner werde. Wenn man dem Markt Angebote entziehe, habe das Folgen für Studenten und ärmere Gruppen, die überhaupt nicht die Möglichkeit hätten, sich selbst eine Wohnung zu kaufen. Dafür, verlangt Kardol, "muss es eine vernünftige Alternative geben".

Rotterdam gehe es auch nicht darum, sämtliche Investoren zu vergraulen, argumentiert Kurvers. Vielmehr sollten die unseriösen Anleger ausgebremst werden, um die Mietpreise nicht weiter in die Höhe zu treiben. Soziale Gerechtigkeit gehe alle an. "Und wenn Menschen ausgebeutet werden und zu hohe Mieten zahlen müssen, dann kann man das nicht zulassen."

Ähnliche Pläne in vielen Städten

Rotterdam ist die erste niederländische Kommune, die Schutzzonen gegen Investoren einrichtet. Der Amsterdamer Stadtrat wird wohl im Februar grünes Licht dafür geben.

Und Utrecht, Den Haag, Tilburg und Groningen haben angekündigt, nachzuziehen. Die niederländischen Städte wollen wieder mehr Zugriff auf den Wohnungsmarkt bekommen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. November 2021 um 13:30 Uhr.