Antragsformular für die Riester-Rente | picture alliance / imageBROKER
Hintergrund

Altersvorsorge Ist die Riester-Rente noch zu retten?

Stand: 03.06.2021 13:09 Uhr

Hohe Kosten, magere Rendite - die geförderte private Altersvorsorge in Deutschland ist heftig umstritten. 20 Jahre nach ihrer Einführung könnte die Riester-Rente reformiert werden, aber auch ganz kippen.

Von Andreas Braun, tagesschau.de

Verbraucherschützer, Versicherungswirtschaft und die Politik diskutieren zwei Jahrzehnte nach ihrer Einführung über die weitere Zukunft der Riester-Rente. Zwar gilt als unwahrscheinlich, dass die staatlich bezuschusste Vorsorge noch vor der Bundestagswahl überarbeitet wird. Doch eine neue Bundesregierung dürfte gezwungen sein, rasch zu handeln.

Ein Fünftel der Verträge liegt auf Eis

Ein Blick in die aktuelle Statistik zeigt den mangelnden Erfolg der Vorsorgeform schon bei der Anzahl der Riester-Verträge. Laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales stagniert diese Zahl bereits seit 2013 bei rund 16 Millionen. Seit 2017 geht sie sogar leicht zurück. Betrachtet man die Zahl der tatsächlich besparten Verträge, sieht die Bilanz noch trüber aus: Ein Fünftel der Verträge ist bereits "ruhend" gestellt, es fließen also keine Beiträge mehr hinein - entsprechend wird auch die staatliche Förderung nicht gezahlt.

Die Zurückhaltung vieler Vorsorgesparer hat Gründe. Nach einer Auswertung der "Bürgerbewegung Finanzwende" fließt durchschnittlich jeder vierte Euro, der in einen Riester-Vertrag eingezahlt wird, in die Finanzierung der Kosten. Die Anbieter, Versicherer, Banken und Fondsgesellschaften verdienen also kräftig mit.

Garantiezins sinkt weiter

Verbraucherschützer und Teile der Politik kritisieren aber auch die schwachen Renditen der Riester-Verträge, unabhängig von den Kosten. Die Beitragsgarantie, ein wesentlicher Grundsatz bei Riester, sorgt dafür, dass die Produktanbieter am Ende der Ansparphase mindestens die eingezahlten Beträge an die Kunden auszahlen müssen. Um dies gewährleisten zu können, wird dann überwiegend in renditeschwache Anlageformen wie Anleihen investiert.

Bundeskanzler Gerhard Schröder (r.) und Bundesarbeitsminister Walter Riester beantworten am 11.5.2001 bei einer Pressekonferenz im Berliner Kanzleramt Fragen zur Rentenreform. | picture-alliance / dpa

Führte die Riester-Rente 2001 ein: Der damalige Arbeitsminister Walter Riester (l.), hier mit Kanzler Gerhard Schröder. Bild: picture-alliance / dpa

Die Rendite von Riester-Verträgen könnte in den kommenden Jahren sogar noch magerer ausfallen. Denn die Versicherungswirtschaft hat den Garantiezins weiter abgesenkt. Dieser auch "Höchstrechnungszins" genannte Zins beträgt bei neu abgeschlossenen Verträgen ab 2022 nur noch 0,25 Prozent, bislang liegt er bei 0,9 Prozent. Das allgemein niedrige Zinsniveau zwingt die Versicherer dazu. Für Kunden werden damit die Erträge wohl noch deutlich niedriger ausfallen - ob bei Lebensversicherungen oder Riester-Verträgen in Form einer Versicherung. Unternehmen wie der Versicherer Ergo halten die Beitragsgarantie bei Riester dann für kaum mehr haltbar. Einige Anbieter dürften sich also aus dem Neugeschäft zurückziehen. Zwei Drittel der Riester-Verträge haben einen Versicherungsmantel, Fonds- und Banksparpläne machen zusammen nur knapp vier Millionen Verträge aus.

Riester bleibt lohnend für bestimmte Gruppen

Wer seit Beginn der Riester-Rente im Jahr 2001 in seinen Vertrag eingezahlt hat und nun daraus Rentenzahlungen bezieht, dürfte sich vielfach über seine oft sehr bescheidene Zusatzrente wundern. Nach Angaben der Fondsgesellschaft der Volksbanken, Union Investment, beträgt die durchschnittliche Auszahlung von derzeit 47.000 Kunden in der Rentenphase 55 Euro. Dazu muss dieser Betrag noch mit dem persönlichen Einkommenssteuersatz versteuert werden.

Trotz der hohen Kosten und der schwachen Ertragsentwicklung kann sich Riester für einige Personengruppen aber weiterhin lohnen. So können etwa Verträge kinderreicher Familien durch die Kinderzulagen (185 bis 300 Euro) zusätzlich zur Grundzulage (175 Euro) eine hohe Förderquote haben, finanziell also lohnend sein. Das gilt auch für Geringverdiener. Ihre Riester-Rente wird seit 2018 bis zu einem Rentenbetrag von 200 Euro monatlich nicht mehr auf eine mögliche Grundsicherung angerechnet. Alleinstehende gutverdienende Personen können die Steuervorteile der Riester-Rente nutzen, denn die Beitragszahlungen können bis zu 2100 Euro jährlich von der Steuer abgesetzt werden.

Reform oder Ende für Riester?

Ob in den kommenden Monaten eine grundlegende Reform der Riester-Rente ansteht oder gar ihr Ende beschlossen wird, ist derzeit noch völlig offen. Drei Verbraucherschutzorganisationen hatten Mitte Mai demonstrativ vor dem Kanzleramt einen "Stopp" der Riester-Rente gefordert. Versicherer würden sich derzeit eher eine Reduzierung oder einen Wegfall der gesetzlichen Beitragsgarantie wünschen. Damit würden den Kosten der Unternehmen zumindest potenziell höhere Renditen gegenüberstehen.

Die politischen Lager sind derzeit gespalten. Die SPD will nach Aussage ihrer Finanzexperten die Riester-Rente auslaufen lassen und statt dessen eine "Erwerbstätigenversicherung" einführen, in die auch Selbständige einbezogen sind. Politiker von CDU und FDP halten Riester für reformfähig und plädieren für eine Vereinfachung des Zulagensystems und eine Aufhebung der Beitragsgarantie. Entschieden wird das Thema Riester, da sind sich die Vertreter der Parteien einig, erst nach der Bundestagswahl.

Über dieses Thema berichtete der HR in der Sendung MEX am 02. Juni 2021 um 20:15 Uhr.