Puzzleteile liegen auf einem Tisch | picture alliance/dpa

Puzzle-Boom Kleine Teile groß im Trend

Stand: 29.01.2021 10:37 Uhr

Der Spielwarenindustrie beschert die Lockdown-Langeweile ein Umsatzplus: Viele haben den Spaß an Puzzles entdeckt. Während Marktführer schon ihre Produktion ausweiten, profitiert der Einzelhandel kaum.

Von Cecilia Knodt, SWR

Stück für Stück, mit jedem Teilchen, das an ein anderes passt, rückt der Arbeitsalltag mit den Corona-Sorgen weiter weg. Für Nathalie und Christina gehören Puzzles zur Pandemie wie Mundschutz und Seife. Die Regeln am WG-Tisch in Stuttgart sind einfach: "Wir fangen das Puzzle gemeinsam an und beenden es auch zusammen. Zwischendurch darf aber auch alleine gepuzzelt werden, zum Beispiel in der Mittagspause", erzählt Christina.

Cecilia Knodt

Mittlerweile haben sie schon zwölf 1000-Teile-Puzzles zusammengelegt, sich sogar an die Variante ganz in schwarz herangewagt. Die gilt unter Kennern als besonders knifflig. "Ohne Corona hätten wir das Puzzeln nicht für uns entdeckt", sagt Nathalie. Und so geht es vielen.

Ravensburger im Umsatzplus

Der regelrechte Hype ums Puzzeln macht sich in einem kräftigen Umsatz-Plus für die Hersteller bemerkbar: Die Nachfrage steigt zwar schon seit Jahren, durch Corona erhält sie aber zusätzlichen Auftrieb. Laut Marktforschungsinstitut NPD ist das Geschäft mit den kleinen Teilchen im Jahr 2020 um 60 Prozent gewachsen.  

Davon profitiert vor allem Marktführer Ravensburger. Vorstandsvorsitzender Clemens Maier spricht in der digitalen Pressekonferenz von einem Wachstumsschub. Als Gewinner wolle man sich in Krisenzeiten aber nicht bezeichnen: "Mit aller Demut sehen wir, dass unsere Branche weniger von der Krise gebeutelt ist", sagt Maier. Die Firma sei froh, Menschen in dieser Zeit mit ihren Produkten "Hilfe und Unterstützung zu geben".

So bescheiden der Spielehersteller aus Oberschwaben sich gibt, so sehr darf er sich über das Geschäftsjahr 2020 freuen: Unter anderem der Puzzle-Boom hat ihm ein Plus von 20 Prozent beschert. Die Umsätze in allen Bereichen sind auf 632 Millionen Euro gestiegen; darunter auch die Einnahmen von 28 Millionen Puzzles, die Puzzle-Fans nicht nur in Deutschland, sondern weltweit gekauft haben.

Eine Frau setzt ein Puzzle zusammen | Eser Aktay

In der Stuttgarter WG gibt es eine wichtige Regel: begonnen und beendet wird das Puzzle gemeinsam. Bild: Eser Aktay

Stationärer Einzelhandel verliert

Solche genauen Zahlen kann Horst Bansemer nicht liefern. Zahlen sind ohnehin nicht so sein Ding, Spiele dafür umso mehr. Seit 37 Jahren betreibt er den Spielwarenladen "1000schön" um die Ecke vom Stuttgarter Rathaus. Was der aktuelle neuerliche Lockdown für sein Geschäft bedeutet, kann er nur schätzen. Zurzeit mache er mit "click & collect", also Spielsachen zum Abholen, höchstens fünf Prozent seines regulären Umsatzes, erzählt er.

Klar habe er auch mit dem Gedanken gespielt, sein Sortiment online zu verkaufen, sich aber dagegen entschieden: Zu aufwändig, zu viel Konkurrenz im Netz. Bansemer hofft stattdessen, dass die Geschäfte nach der Öffnung wieder gut laufen, so wie nach dem ersten Lockdown im Frühjahr. Für den Fall, dass dann die große Kauflust auf Puzzles über ihn hereinbricht, ist er gewappnet, sagt er - und kann dann doch noch eine genaue Zahl nennen: sechs Meter! Auf diese Länge hat er das Puzzle-Regal in seinem Spielwarenladen schon vor einiger Zeit erweitert.

Die Erfahrungen von Spielwarenhändler Bansemer lassen sich auf die gesamte Spielwarenbranche übertragen. Der Wandel hin zu immer mehr Online-Handel bereitet den stationären Händlern Sorgen. So prognostiziert der Handelsverband Spielwaren BVS für das Jahr 2020, dass 52 Prozent der Spielwaren in Deutschland im Internet gekauft werden; im Vorjahr waren es 42 Prozent. Insgesamt weiß die Branche aber auch zu schätzen, dass die Geschäfte in der Krise nicht eingebrochen sind. Im Gegenteil: Das Geschäft mit Spielwaren und Spielen ist im Corona-Jahr 2020 insgesamt um neun Prozent angestiegen.

Ein fertiggestelltes Puzzle liegt auf einem Tisch | Eser Aktay

Nicht jeder hat sofort die Ausdauer für ein 1000-Teile-Puzzle. Deshalb will Ravensburger Puzzles für Erwachsene mit wenigen Hundert Teilen herausbringen. Bild: Eser Aktay

Puzzeln - und kein Ende in Sicht

Damit es nicht noch einmal zu Lieferengpässen wie im vergangenen Jahr kommt, baut Ravensburger seine Produktion an seinem Standort am Bodensee weiter aus. Neue Stanz- und Druckmaschinen sind schon bestellt, um Flamingos oder skandinavische Hafenstädte auf die heimischen Küchentische zu bringen. Neben weiteren 1000-Teile- oder 3D-Puzzles plant Ravensburger für dieses Jahr vor allem Puzzles für Erwachsene mit nur 200 bis 300 Teilen - als Einstiegsdroge sozusagen.

Die erfahrene Puzzle-WG in Stuttgart lässt das unbeeindruckt. Die beiden Frauen puzzeln weiter kontemplativ an der Winterlandschaft aus 1000 Teilen. Sie sind sich einig: "Wenn man einmal damit angefangen hat, dann kann man einfach nicht mehr aufhören."

Über dieses Thema berichtete MDR Kultur am 10. Dezember 2021 um 18:05 Uhr.