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Wenn sich Schulden lohnen Negative Realzinsen für Kredite

Stand: 18.08.2021 11:32 Uhr

Die rasant gestiegene Inflation lässt den Realzins für Ratenkredite ins Negative purzeln. Wie Verbraucher davon profitieren können - und was das Ganze für Sparer bedeutet.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Geld bekommen fürs Geldleihen - das funktioniert derzeit bei Ratenkrediten. Denn die zuletzt sprunghaft angestiegene Inflation führt laut dem Vergleichsportal Verivox zu einer "historischen Ausnahmeerscheinung": Demnach lag im Juli der mittlere Zinssatz aller über das Portal abgeschlossenen Ratenkredite klar unterhalb der Inflationsrate.

Vorhang auf für den Realzins

Das rückt eine ökonomische Kennziffer ins Scheinwerferlicht, die sonst eher ein Schattendasein fristet: den Realzins. Der Realzins ist eine wichtige, von vielen Konsumenten wie Sparern jedoch oftmals unterschätzte Größe bei der Zinsberechnung. Er ergibt sich in der vereinfachten Form wie folgt:

Einfache Formel für den Realzins

Realzins = Nominalzins - Inflationsrate

Dabei ist der Nominalzins der mit der Bank vereinbarte Zinssatz für einen Kredit beziehungsweise der Zinssatz, der von Banken für Anlagen wie Tages- oder Festgeld ausgewiesen wird.

Der Verivox-Auswertung zufolge betrug der mittlere Zinssatz für Ratenkredite im Juli 2,99 Prozent. Das ergibt bei einer Inflationsrate von 3,8 Prozent im vergangenen Monat einen Realzins von minus 0,8 Prozent. Mit anderen Worten: Wenn man den Kaufkraftverlust der Schulden durch die Inflation berücksichtigt, müssen Kreditnehmer weniger zurückzahlen als sie erhalten haben. Sie verdienen also mit dem Schuldenmachen Geld.

Steigende Zinsen - nicht in Sicht

Doch handelt es sich beim negativen Realzins für Ratenkredite um einen nachhaltigen Trend oder nur um eine Momentaufnahme? Ein Punkt der Rechnung ist unter Ökonomen jedenfalls relativ unstrittig: Dem Marktkonsens zufolge dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins noch für sehr lange Zeit auf dem Rekordtief von null Prozent belassen. Zu groß ist die Angst der Notenbanker, zu früh zu reagieren und damit die sich erholende Konjunktur schlagartig abzuwürgen.

Oliver Maier, Geschäftsführer von Verivox Finanzvergleich, rechnet damit, dass der Juli nicht der letzte Monat mit negativen Realzinsen gewesen sein wird. "Denn die Zinsen für Ratenkredite werden weiterhin sehr niedrig bleiben und im Laufe der nächsten Monate könnte sich der Trend steigender Inflationsraten sogar noch verstärken."

Inflationsrate wird zur Gretchenfrage

Genau an diesem zweiten Punkt der Realzinsberechnung, der Höhe der künftigen Inflationsrate, scheiden sich jedoch die Meinungen von Experten. Nicht wenige Ökonomen gehen davon aus, dass es sich bei den sprunghaft gestiegenen Inflationsraten um ein zeitlich eng begrenztes Phänomen handelt.

Dieser Lesart hängen etwa die Notenbanker um EZB-Chefin Christine Lagarde an. Nach der jüngsten EZB-Sitzung im Juli hielt Lagarde fest: Die Inflationsrate sei "vorübergehend moderat über dem Zielwert" von zwei Prozent.

Mehrwertsteuersenkung als Sonderfaktor

Getrieben werden die aktuell hohen Inflationsraten nämlich auch von den Folgen den befristeten Mehrwersteuersenkung: Um den Konsum in der Corona-Krise anzukurbeln, hatte der Bund die Mehrwertsteuer vom 1. Juli bis zum 31. Dezember 2020 gesenkt. Seither gelten wieder die alten Steuersätze.

Vergleicht man die heutigen Verbraucherpreise mit den damaligen, so sind diese allein aufgrund der Mehrwertsteuersenkung im Vorjahr deutlich höher. Dieser Effekt läuft jedoch Ende 2021 aus.

Größeres Risiko bei längeren Laufzeiten

Zudem sorgen derzeit auch pandemiebedingte Produktionsengpässe, etwa wegen gestörter Lieferketten, für steigende Preise. Auch diese dürften eher vorübergehender Natur sein. Die große Frage bleibt, welche Rolle die gestiegene Nachfrage bei den anziehenden Inflationsraten spielt. Denn sie könnte womöglich weit weniger vergänglich sein.

Unterm Strich bleibt für Verbraucher: Die Nachhaltigkeit steigender Inflationsraten ist zumindest mit ein paar großen Fragezeichen zu versehen. Verbraucher sollten dies bei der Wahl ihrer Kredite und vor allem der Laufzeit berücksichtigen. Denn sinkt die Inflationsrate über die Laufzeit des Kredits, so dürfte der Realzins rasch wieder in den positiven Bereich springen. Gerade bei Krediten mit längeren Laufzeiten wächst damit das Risiko.

Vorteil für Häuslebauer

Das gilt übrigens auch für Hauskredite, die allerdings deutlich niedriger verzinst sind: Der FMH-Finanzberatung zufolge lag der Zins-Mittelwert von 40 ausgewählten Instituten für eine Hypothek über zehn Jahre zuletzt bei 0,77 Prozent.

Die Inflationsrate müsste demnach schon unter diesen Wert fallen, damit sich das Schuldenmachen für den Hausbau- oder -kauf nicht mehr lohnt. Für das nächste Jahr sagt die EZB eine Inflation von 1,5 Prozent voraus.

Neues Rekordtief bei Spareinlagen

Nicht zuletzt sollten Verbraucher beachten, dass es negative Realzinsen derzeit nicht nur bei Ratenkrediten und Baukrediten gibt, sondern auch bei vielen Geldanlagen, die sich gerade in Deutschland großer Beliebtheit erfreuten: Tages- und Festgeldkonten.

Sparen kostet immer mehr, anstatt Rendite zu erzielen - das zeigt auch eine Analyse der aktuellen Daten der EZB durch den Anbieter Weltsparen. Demnach ist der durchschnittliche Zinssatz für Privatkunden für bis zu einjährige Spareinlagen in Deutschland auf ein neues Rekordtief von minus 0,04 Prozent gefallen. Der durchschnittliche Zinssatz der Top-3-Banken beläuft sich auf null Prozent. Der durchschnittliche Zinssatz der besten drei Angebote liegt bei 0,5 Prozent.

Aktien und Immobilien als Ausweg

Um den Realzins zu erhalten, muss von diesen nominalen Zinssätzen nun noch die Inflationsrate von zuletzt 3,8 Prozent abgezogen werden. In Deutschland müssen demnach Verbraucher für Spareinlagen von bis zu einem Jahr im besten Falle 3,3 Prozent reale Negativzinsen zahlen.

Die düsteren Folgen für das Vermögen des einzelnen Sparers verdeutlicht diese Beispielrechnung: Von 100.000 Euro bleiben nach einem Anlagezeitraum von einem Jahr real nur noch 96.700 Euro.

Als Ausweg aus der Negativzinsfalle bleibt Sparern, die ihr Vermögen vermehren wollen, letztlich vor allem der Weg in den Aktien- oder Immobilienmarkt. Dort sind gerade bei langen Anlagezeiträumen höhere Renditen möglich, welche die aktuell steigenden Inflationsraten mehr als wettmachen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. August 2021 um 16:00 Uhr.