Schlafwagen der ֖sterreichischen Bundesbahnen mit dem Schriftzug "nightjet" | picture alliance / GEORG HOCHMUT

Paris-München-Wien Die Renaissance der Nachtzüge

Stand: 29.09.2021 14:49 Uhr

Nachtzüge sind wieder "in", gelten sie doch als klimafreundliche Alternative zum Fliegen. In dieser Nische sind besonders die Österreicher erfolgreich. Von ihnen könnte auch die Deutsche Bahn lernen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

In 14 Stunden nachts von Paris über München nach Wien - möglich ist das vom 13. Dezember an. Die Verbindung wird von der französischen, österreichischen und deutschen Bahn gemeinsam betrieben, Plätze können ab sofort gebucht werden. Damit feiert die Nachtzugverbindung zwischen Paris und Wien 14 Jahre nach dem Einstellen des Orient Express ein Comeback.

Mit dem Nightjet durch die Nacht

Von dem einstigen Luxus des legendären Zugs ist die neue Nachtzugverbindung zwar weit entfernt. Aber auch mit den tristen Nacht-ICE der Deutschen Bahn hat der Nachtzug Paris-München-Wien nicht viel gemein. Eingesetzt werden sollen nämlich Nightjet-Wagen der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

Diese bieten deutlich mehr Komfort als die deutschen Nacht-ICE: Alle Waggons verfügen über Duschen, und auch fürs kulinarische Wohl ist gesorgt: In den Liege- und Schlafwagen wird Frühstück serviert, im Schlafwagen gibt es auch warme Speisen à la carte.

Österreicher sind nächtliche Vorreiter

Ohnehin sind die Österreicher in Sachen Nachtzüge schon deutlich weiter als die Deutsche Bahn, die das Thema nach wie vor eher stiefmütterlich behandelt und sich im Fahrplan bestenfalls mit Kooperationen mit anderen Nachtzug-Betreibern wie eben der ÖBB schmückt.

Wie sehr sich die Österreicher in der Nische Nachtzüge breitgemacht haben, zeigt schon ein Blick auf den nächtlichen Fahrplan der ÖBB. So verkehrt der ÖBB Nightjet nicht nur in einige deutsche Städte wie Hamburg, Berlin und Köln. Auch europäische Metropolen wie Zürich, Basel, Brüssel und Amsterdam sowie zahlreiche italienische Städte wie Florenz, Rom, Verona, Mailand und Venedig werden von den Österreichern nachts angefahren.

Nachts von Berlin nach Malmö und Stockholm

Eine deutsche Besonderheit ist freilich der Berlin Night Express, eine privat betriebene saisonale Nachtzugverbindung, die in den Sommermonaten die Bundeshauptstadt mit Schweden verbindet.

Nach einer Corona-Pause im vergangenen Jahr verkehrte der Zug im Sommer 2021 neu von Stockholm über Malmö und die Brücken über den Großen Belt und den Öresund nach Hamburg und weiter nach Berlin.

Übrigens: Ab Dezember dieses Jahres können deutsche Nachtzug-Fans auch auf Verbindungen zwischen Zürich, Köln und Amsterdam zurückgreifen. Zudem ist ab 2023 nach Angaben der französischen Bahngesellschaft SNCF auch wieder ein Nachtzug zwischen Paris und Berlin geplant.

Die Große-Belt-Brücke in Dänemark | TIM K JENSEN/EPA-EFE/REX

Die Brücke über den Großen Belt verbindet den östlichen Teil Dänemarks mit dem westlichen. Bild: TIM K JENSEN/EPA-EFE/REX

Verkehrswende per Nachtzug?

Die Renaissance der Nachtzüge kommt nicht von ungefähr, gelten sie doch als CO2-freundlichere Alternative zum Fliegen. Laut Umweltverbänden wie der Berliner Initiative Agora Verkehrswende könnten sie bei der Beschleunigung der Verkehrswende eine wichtige Rolle spielen. Derzeit seien Nachtzüge aber noch ein Nischenprodukt, unterstreicht Philipp Kosok, Bahn-Experte Agora Verkehrswende, gegenüber tagesschau.de.

"Die ÖBB haben mit ihren Nachtzügen etwa zwei Millionen Fahrgäste pro Jahr, die Deutsche Bahn mit ihren Fernzügen 150 Millionen." Allerdings sei das Nachtzug-Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft. Aktuell gebe es schlicht zu wenige Nachtzugverbindungen in Europa, so Kosok. Zudem fehle ein ernsthafter Plan für ein europäisches Nacht- und Tagzugnetz.

Nachtzüge rechnen sich nicht

So angesagt Nachtzüge derzeit sind, so unrentabel sind sie aus betriebswirtschaftlicher Perspektive: Ein Nachtzug befördert deutlich weniger Personen, braucht aber zugleich mehr Personal als eine normale Zugverbindung. Aus diesem Grund haben etwa die Deutsche Bahn aber auch die Schweizerische Bundesbahnen AG (SBB) den Nachtbetrieb aufgegeben.

Nun will die SBB die Kooperation mit den ÖBB intensivieren: mit mehr Kapazitäten und neuen Strecken. Allerdings nur, wenn es aus dem Klimafonds Subventionen gibt.

Ohne den Staat fährt nachts nichts

"Nachtzugverbindungen für Bahnunternehmen wirtschaftlich zu fahren - das wird in größerem Stil nur funktionieren, wenn es mehr Unterstützung durch den Staat gibt", ist auch Bahn-Experte Kosok überzeugt.

"Überall dort, wo in Europa derzeit neue Nachtzugverbindungen entstehen, geschieht dies, weil sich die Regierungen einhaken. Auch die ÖBB sind mit ihren Nachtzügen nur deshalb so erfolgreich, weil sie durch den Staat so stark unterstützt werden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 03. Juli 2021 um 14:10 Uhr.

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KOMMENTARE

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Anderes1961 29.09.2021 • 23:56 Uhr

@AbseitsDesMain

[...] Und die Bahn fährt mit Luft und Liebe? Ein ICE benötigt bei 50 % iger Besetzung etwa die Energie von 2-3 Liter Benzin als Äquivalent. Dazu eine eigene Trasse mit Versiegelung großer Flächen und Trennwirkung. Auf den Straßen sehe ich neben Pkws in letzter Zeit neben Bussen und Fußgängern auch viele Fahrräder. Die Bahn ist da nicht so offen für Vielfalt ... Aja. Eine Straße hat keine Trennwirkung oder versiegelt keine Flächen? Im Vergleich zu einer Straße versiegelt eine Bahntrasse nur einen Promilleanteil an Fläche, die eine Straße benötigt. Wasser kann an einer Bahntrasse versickern. Bei uns im Ort gibt es eine stark befahrene Durchgangsstraße. Neulich traf ich einen Bekannten auf der gegenüberliegenden Seite. Ich fragte: "Wie bist du rüber gekommen?" Er antwortete: "Gar nicht. Ich wohne hier." Ist nur ein Witz, beschreibt aber die Situation bei uns im Ort sehr gut. Soviel zur Trennwirkung einer Straße.