Ein Flohmarkt am Rande von Mainz. | SWR
Reportage

Hohe Lebenshaltungskosten Auf der Suche nach Einsparpotenzial

Stand: 24.09.2022 14:18 Uhr

Die hohe Inflation spürt inzwischen jeder. Menschen mit geringem Einkommen mussten schon immer hart rechnen, nun gilt das zunehmend auch für Familien aus der Mittelschicht. Doch Möglichkeiten, Geld einzusparen, sind häufig gering.

Von Christian Buttkereit, SWR Mainz

Ein Second-Hand-Basar für Teenie-Kleidung in einem Mainzer Gymnasium. Die Atmosphäre an diesem Samstagvormittag ist gut bürgerlich - ganz anders als auf dem Flohmarkt am Rande der Stadt, wo die meisten Besucher schon immer auf jeden Cent gucken müssen. Hier im gepflegten Foyer liegen die Kleidungsstücke sorgfältig gefaltet auf Tischen, oder hängen an Garderobenständern.

Christian Buttkereit

Kuchen gegen Flohmarktstand

Wer hier verkaufen will, muss fünf Euro Standgebühr zahlen und einen Kuchen fürs Buffet spenden, so wie der 13 Jahre alte Freddy und sein Vater Christoph. Die beiden haben ihren Kuchen abgeliefert und sitzen hinter einem Tisch mit Kleidungsstücken, die dem hochgewachsenen Achtklässler zu klein geworden sind. Außerdem bieten sie Bücher, Puzzles und Videospiele an.

"Der Andrang ist nicht so groß wie erwartet, aber wir haben schon gut verkauft", sagt Vater Christoph. Immerhin könnten die Leute hier ja viel Geld sparen. Er zeigt auf ein Sweatshirt, das einmal 40 Euro gekostet habe und jetzt für fünf Euro den Besitzer wechselt.

Auch Melanie Spengler wirft einen Blick auf das Angebot. Sie sucht Sportkleidung für ihre beiden Söhne, zehn und 13 Jahre alt. Sie kaufe häufig auf Second-Hand-Basaren ein, weil es günstiger sei, sagt die 42-Jährige. "Und weil ich finde, dass man nicht alles wegwerfen muss, sondern gut erhaltene Kleidung auch einfach nochmal verwenden kann." Die alleinerziehende Physiotherapeutin sei es gewohnt, aufs Geld zu achten.

Secondhand-Basar im Foyer des Gynasiums Theresianum in Mainz. | SWR

Auf dem Second-Hand-Basar im Foyer des Gynasiums Theresianum in Mainz kann man echte Schnäppchen machen. Bild: SWR

Alleinerziehende besonders hart getroffen

Alleinerziehende wie Spengler und Familien mit Kindern würden besonders hart von den Kostensteigerungen getroffen, sagt Albrecht Bähr vom Vorstand der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz. Bähr hat beobachtet, dass viele Familien das erste Corona-Jahr recht gut überstanden hätten. "Das zweite ist schwieriger gewesen, unter anderem weil Zweitjobs, wie etwa in der Gastronomie, weggefallen sind."

Die Folge: Ersparnisse seien aufgebraucht - gerade jetzt, wo sie angesichts von Energiekrise und Inflation besonders nötig wären. Bähr rechnet mit einem deutlichen Anstieg von Privatinsolvenzen. Der Sozialverband VDK fordert deshalb ein Wärmekontingent von 10.000 Kilowattstunden je Haushalt zu einem fairen Preis, den jeder bezahlen kann.

Mit etwas Spaß sparen

Das würde auch der Familie helfen, die mit beiden acht und zehn Jahre alten Kindern über den Second-Hand-Basar streift. In den Händen frisch erstandene warme Hausschuhe aus Filz für den Jüngsten. Die hat Annemarie Prinz, 70, aus Mainz selbst hergestellt. Sie sitzt hinter einem Tisch bunter Filzschuhe und Socken und strahlt aus: Der Winter kann kommen.

Vater und Sohn suchen nun noch nach Fußballschuhen für den achtjährigen Lennard. "Natürlich macht ein Flohmarktbesuch auch Spaß", sagt der Grafiker. "Auch der Nachhaltigkeitsgedanke spielt eine Rolle. Wichtigster Grund, hierherzukommen, ist es aber, zu sparen."

Annemarie Prinz bietet Selbstgestricktes und -gefilztes an.  | SWR

Pensionärin Annemarie Prinz an ihrem Stand. Dort verkauft sie Selbstgestricktes und -gefilztes. Bild: SWR

Großer Zulauf in Beratungsstellen

Damit ist er nicht allein. Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz und andere Beratungsstellen berichten von mehr Menschen aus der Mittelschicht, die sich beraten lassen, weil aufgrund der rasant steigenden Preise plötzlich auch sie den Euro mehrmals umdrehen müssten. "Insgesamt ist der Beratungsbedarf etwa dreimal so groß wie in den Vorjahren", sagt Michael Benken von der Verbraucherzentrale.

In den Beratungsstellen oder auch im Web-Seminaren - wie etwa "Wenn das Geld knapp wird - Spartipps in Krisenzeiten" - wird erklärt, wie Verbraucher sich Schritt für Schritt einen Überblick über die eigenen Finanzen verschaffen, Kostenfresser entlarven und Sparpotenziale nutzen können.

Dabei werden Ausgaben für die Ernährung genauso unter die Lupe genommen wie Kosten für Energie oder Versicherungen. Damit mehr Menschen beraten werden können, hat das Land Rheinland-Pfalz die Mittel für die Verbraucherberatung deutlich aufgestockt. Theoretisch könnte die Verbraucherzentrale jetzt mehr Berater einstellen. Doch das Problem daran, sagt Michael Benken: "Der Markt an Beratern ist leergefegt".

Nur abends wird geheizt

Melanie Spengler braucht keine Beratung; sie weiß, was zu tun ist. Inzwischen konnte sie auf dem Schulbasar mehrere Schnäppchen machen. Das eingesparte Geld legt sie für die nächste Nebenkostenabrechnung zurück. "Wenn es sein muss, kann ich aber auch noch mehr sparen, etwa beim Urlaub." Gekocht werde ohnehin selbst, mit regionalen und saisonalen Produkten.

Beim Heizen seien ihre Spar-Möglichkeiten allerdings überwiegend ausgeschöpft. "Schon immer versuche ich, frühestens im Oktober anzuheizen und spätestens im April die Heizung auszumachen." Da den ganzen Tag niemand daheim sei, werde in der Woche nur abends geheizt. "Außerdem passe ich die Kleidung der Witterung an und nicht die Innentemperatur der Kleidung."

Christoph, dessen Angebot an getragener Jugendkleidung langsam schrumpft, spürt im Moment noch keinen Spar-Druck. "Aber das kann natürlich kommen", sagt der 54-Jährige. Einen Plan dafür habe seine Familie noch nicht. "Das liegt auch daran, dass wir schon seit Jahren auf Energieeffizienz achten und zum Beispiel das Haus gedämmt haben." Deshalb sei der Energieverbrauch bereits niedrig - das Einsparpotential aber eben auch.

"Ich lasse mich nicht verrückt machen"

Und doch gebe es etwas, wo die Familie noch Geld sparen könnte, wenn es nötig wäre, fällt Christoph ein: "Nicht nur die abgetragenen Sachen von Sohn Freddy auf dem Second-Basar anbieten, sondern dort auch selbst Kleidung kaufen." Regelmäßige Flohmarktgänger würden sie sicherlich nicht, sagt Christoph. Aber in einem Umfeld wie hier sei das denkbar. Einen wirtschaftlichen Druck, das zu tun, spüre er aber noch nicht.

Das ist bei dem Grafiker, der nach wie vor erfolglos nach Fußballschuhen für seinen Sohn sucht, anders. Schließlich ist er hier, um weniger Geld auszugeben als für Neuware im Laden. Trotzdem: Die steigenden Preise brechen ihnen nicht das Genick, da ist er sicher: "Wir haben Glück". Auch Melanie Spengler, die schon sehr bewusst haushaltet, sieht dem Winter ohne Angst entgegen: "Ich lasse mich nicht verrückt machen."

Vielleicht ist das aber auch nur eine Frage der Zeit. "Denn alles hat Grenzen", sagt Albrecht Bähr von der Liga der Freien Wohlfahrtspflege: "Es ist eine Illusion zu glauben, dass sich die Mehrausgaben für Energie durch Einsparungen kompensieren ließen."