Gemüse | dpa

Supermarkt-Projekt in München Mitgemacht und eingekauft

Stand: 17.04.2021 11:19 Uhr

In München öffnet demnächst Deutschlands erster Vollsortiment-Mitmach-Supermarkt. Er gehört den Teilnehmern des Projekts; nur sie dürfen dort einkaufen - und müssen im Gegenzug Aufgaben übernehmen.

Von Hermann Scholz, BR

Quentin Orain war früher gut bezahlter Ingenieur in der Autoindustrie in München. Diesen Job hat er aufgegeben - für einen etwa 300 Quadratmeter großen leeren Raum. Hier soll Mitte Juli ein Mitmach-Supermarkt entstehen, der genossenschaftlich organisiert wird. Die Einrichtung haben sie teilweise von einem geschlossenen Karstadt gekauft, unter den Teilnehmern sind Handwerker, die bei der Einrichtung helfen oder Designer, die heute schon die Schaufenster gestaltet haben. Ganz vorne an die Tür kommt der Empfang. Dort werden die Kunden kontrolliert - denn jeder, der hier mal einkaufen darf, muss Mitglied der Kooperative sein.

Der neue Markt soll es einfacher machen, nachhaltig zu konsumieren. "Es hat mir ein Ort gefehlt, wo es alles gibt, von der Region, bio, und auch verpackungsarm, mit vollem Sortiment, alles, was man im Alltag braucht", sagt der Franzose Orain. Vorbild für den Münchner Markt waren ähnliche Märkte in New York und Paris. In New York funktioniert die "Park Slope Food Coop" schon seit fast 50 Jahren, sie hat 17.000 Mitglieder. Orain hat eine Zeitlang in der Pariser Kooperative "La Louve" mitgearbeitet, um zu verstehen, was es braucht, um erfolgreich zu sein. Das Wichtigste, so sein Fazit, sei die enge Bindung der Projektteilnehmer an den Markt.

Günstiger als herkömmliches Einkaufen?

Das Modell funktioniert so: Jeder Genossenschafter erwirbt Anteile in Höhe von mindestens 180 Euro - es gibt Rabatte für Geringverdiener. Dazu leistet er drei Stunden Mitarbeit im Monat. Außerdem gibt es fest angestellte Kräfte. Der Markt soll das ganze Sortiment eines herkömmlichen Supermarktes anbieten. Der Clou: Auf den Einkaufspreis kommt ein durchgängiger Aufschlag von 30 Prozent. So errechnet sich der Verkaufspreis. Mit Sonderangeboten vergleichbarer Bio-Märkte können sie so zwar nicht mithalten. Aber im Schnitt komme man beim Einkaufen damit etwa 15 bis 20 Prozent billiger weg, schätzt Orain - und beim Gemüse teils sogar noch günstiger.

Entstanden ist die Idee für den Mitmach-Supermarkt aus dem Volksbegehren "Rettet die Bienen". Die Initiatoren kamen zu der Überzeugung, man dürfe den Bauern nicht nur Vorschriften machen - man müsse ihnen auch eine Möglichkeit bieten, ihre Waren zu vermarkten. Deshalb baut die Kooperative heute schon ein Netz an Lieferanten rund um München auf. Die Standards für die Lebensmittel, die sie einkaufen, beschließen die Teilnehmer selbst. Es muss nicht immer bio sein - wichtig sind zum Beispiel auch gute Haltungsbedingungen für die Tiere, deren Fleisch sie anbieten.

Die Produkte kommen aus der Region

Jeden zweiten Freitag steuert Kristin Mansmann von der Genossenschaft so das Bio-Gut Wallenburg in Miesbach südlich von München an und packt kistenweise frisches Gemüse in ihr kleines Auto. Danach geht es noch zur Bio-Käserei Obermooser in Irschenberg. Die Käserei hat ihre Produkte bis jetzt nur in der direkten Nachbarschaft vertrieben; mit der Genossenschaft gelingt ihr der Sprung auf den großen Markt München.

Mansmann holt an den beiden Höfen Bestellungen ab - die Genossenschaft funktioniert heute schon als Einkaufsgemeinschaft, sozusagen als Testlauf für den Supermarkt. Die Bestellungen liefert sie in einer Garage neben der Münchner Großmarkthalle ab. Dort bauen Mitglieder schon jetzt eine Verteilstation auf. Jedes Mitglied kann zu einer festgelegten Zeit kommen und bekommt seine Bestellung. Alles wirkt ein bisschen improvisiert, aber man kennt sich untereinander, die Atmosphäre ist gelöst und freundlich.

Auch andere Städte planen Mitmach-Supermärkte

Die Genossenschafter haben zwei Motivationen: den Preis - und das Gefühl, Gutes zu tun. "Das Schöne ist einfach, dass wir wissen, wo kommen die Sachen her, man hat einen ganz anderen Bezug dazu", sagt Projektteilnehmerin Britta Bertsch. Manuel Schäffer ist nur vorbeigekommen, um sich die Sache mal anzuschauen - sieht aber schon die Vorteile: "Die Mitarbeit ist überschaubar, und zahlen muss ich im Supermarkt ja auch, und im Zweifel mehr als hier."

Die Idee des Mitmach-Supermarktes scheint in Deutschland langsam, aber sicher Fuß zu fassen. Einkaufsgenossenschaften für Obst und Gemüse gibt es schon mehrere, auch in München. Und bei den Vollsortiment-Supermärkten sind die Münchner zwar die ersten, doch auch in Berlin ("Supercoop") und Köln ("Köllektiv") wollen ähnliche Projekte demnächst starten. Die Münchner Genossenschaft braucht rund 800 Mitglieder, um zu funktionieren. Knapp die Hälfte hat sie schon.

Über dieses Thema berichtete die Abendschau im BR-Fernsehen am 15. April 2021 um 17:30 Uhr.

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KOMMENTARE

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Keveslegeti 17.04.2021 • 21:59 Uhr

@ Thrombo-Paul

... daß sie die Arbeit für die Bank erledigen, auch noch dreist seit 2020 mit immer höheren Kontofährungsgebühren abgezockt. Eine faire Marktwirtschaft schaut anders aus. Ja, das sieht man super im Artikel. Diese Form der Supermarkt-Genossenschaft ist eine sehr faire Form von Marktwirtschaft. Es gibt aber auch faire Genossenschaftsbanken.