Eine Beschäftigte der Deutschen Post mit einer Fahne der Gewerkschaft Verdi. | picture alliance/dpa

Tarifpolitik Lohnabschlüsse mit Nebenwirkungen?

Stand: 17.01.2023 10:23 Uhr

Viele Beschäftigte in Deutschland können sich über kräftige Lohnzuwächse freuen. Unternehmer und Ökonomen sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Was, wenn die Inflation dadurch lange hoch bleibt?

Von Daniel Hoh, hr

Manchmal scheint sich Geschichte doch zu wiederholen: Im Februar 1974 gingen Zehntausende Post-Angestellte in Deutschland auf die Straße, um für eine Lohnerhöhung von 15 Prozent zu demonstrieren. Die Inflationsrate lag zu dem Zeitpunkt über sieben Prozent, Lebensmittel und Sprit waren teurer denn je.

Im Januar 2023 ein ähnliches Bild: Wegen der anhaltend hohen Inflation fordert die Gewerkschaft ver.di für die Post-Angestellten ein kräftiges Lohnplus von 15 Prozent. "Lebensmittel und Energie sind ins Unermessliche gestiegen. Geld anzulegen, sei es für Reisen oder für was Spezielles, ist jetzt verdammt schwer", erzählt zum Beispiel André Thummerer, der im Rhein-Main-Gebiet Pakete ausliefert. Die hohe Lohnforderung sei gerechtfertigt, auch weil der Post-Konzern im vergangenen Jahr mehr als acht Milliarden Euro Gewinn erzielt habe.

Die Tarifverhandlungen bei der Deutschen Post laufen derzeit, die zweite Runde ist für den 18. und 19. Januar angesetzt. Das Management nennt die ver.di-Forderung "realitätsfern" und argumentiert unter anderem, dass man "aufgrund der regulierten Briefpreise" Kostensteigerungen nicht einfach an die Kunden weitergeben könne. Ein eigenes Angebot hat der Konzern bislang nicht vorgelegt.

Hohe Belastungen durch Energiekrise

Die Gehaltsfrage ist für viele Unternehmer in Deutschland derzeit eine Gratwanderung. Einerseits wollen sie ihren Beschäftigten wegen der hohen Inflationsrate eine deutliche finanzielle Entlastung gönnen. Andererseits befürchten sie dadurch negative Folgen nicht nur für den eigenen Betrieb, sondern für den Industriestandort Deutschland insgesamt.

Zu solchen Unternehmern gehört Baldassare La Gaetana, der im hessischen Aarbergen die Aqseptence Group leitet. Der Betrieb produziert Filteranlagen für Klär- und Wasserwerke, hat weltweit rund 1500 Mitarbeiter, 400 davon in Deutschland. La Gaetana, 39 Jahre alt, sagt im Interview, dass er im vergangenen Jahr zunächst die Produktion von Gas auf Öl umstellen musste, um eine mögliche Gasmangellage zu umgehen. "All das belastet natürlich zusätzlich. Das kommt zu den ganzen Themen wie Materialbeschaffung eben noch on top dazu", sagt er.

Gestiegene Lohnkosten könne man nicht ohne Weiteres an seine Kunden weiterreichen, vor allem nicht im Projektgeschäft. "Wenn ich ein langlaufendes Projekt habe, kann ich nicht mit meinen Kunden mitten im Projekt verhandeln, dass die Preise hochgehen", so La Gaetana. Bei zu hohen Lohnforderungen befürchtet er Standort-Nachteile, besonders natürlich für solche Unternehmen, die im globalen Wettbewerb stehen. "Dieses Stichwort Deindustrialisierung hört sich erstmal schockierend an, aber das ist eine konkrete Gefahr, die ich sehe", sagt der Unternehmer.

Warnung vor Tarifflucht

In den nächsten Wochen beginnen auch bei ihm im Betrieb die Verhandlungen für einen neuen Haustarifvertrag. Richtschnur ist der Pilotabschluss der Metall- und Elektroindustrie vom vergangenen November. Damals einigten sich die Tarifparteien auf zwei Lohnerhöhungen: 5,2 Prozent ab Juni 2023, weitere 3,3 Prozent ab Mai 2024. Hinzu kommen zwei steuerfreie Einmalzahlungen, sogenannte Inflationsausgleichsprämien, in Höhe von 1500 Euro.

Für La Gaetana liegt dieser Tarifabschluss "an der Schmerzgrenze". Ob sein Unternehmen ihn eins zu eins übernehmen wird, steht noch nicht fest. Für die Gesamtbranche erwartet er aber nichts Gutes: "Eine Sorge, die ich tatsächlich habe, ist, dass es zu einer Tarifflucht kommt, weil diese Erhöhung vielleicht nicht alle Unternehmen mitgehen können."

Deutliche Steigerung auch beim Mindestlohn

Nicht nur bei den Tariflöhnen hat es deutliche Steigerungen gegeben, auch beim gesetzlichen Mindestlohn. Darauf macht zum Beispiel Volker Wieland, Ökonom an der Universität in Frankfurt am Main, aufmerksam. Lag der allgemeine Mindestlohn im Januar 2022 noch bei 9,82 Euro, sind es inzwischen zwölf Euro, ein Plus von 22 Prozent. "Da weiß natürlich jeder Unternehmer, dass diejenigen, die nicht weit über dem Mindestlohn verdienen, eine ähnlich hohe Lohnforderung stellen werden, um den Abstand zu halten", sagt Wieland.

Der Wirtschaftswissenschaftler, von 2013 bis 2022 Mitglied im Sachverständigenrat, sieht aktuell durchaus Parallelen zu den 1970er-Jahren. Damals brachten hohe Lohnabschlüsse - die Post-Angestellten bekamen übrigens elf Prozent mehr - eine Lohn-Preis-Spirale in Gang. Die Unternehmen erhöhten also ihre Preise, woraufhin die Inflationsrate auf ihrem hohen Niveau verharrte. "Es gibt eine Phase, wo sich das hochschaukelt und in diese Phase gehen wir jetzt auch rein", prophezeit Wieland.

Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale nicht gebannt

Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte im vergangenen Jahr gegenüber der ARD die Hoffnung geäußert, dass sich solch eine Spirale am Ende vielleicht doch vermeiden lässt. Eine einmalige, hohe Kompensation für die gestiegenen Lebenshaltungskosten sei in Ordnung. Nur dürfe es nicht die nächsten drei Jahre hinweg zu jährlichen Gehaltsanpassungen von sieben, acht oder neun Prozent kommen. "Das würde die Gefahr einer solchen Spirale verursachen", so Fratzscher.

Er hofft, dass die Tarifparteien in Deutschland mit Augenmaß vorgehen: "Es kann ja auch nicht im Interesse der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen sein, dass das eigene Unternehmen, die eigene Branche in Schieflage kommt. Wir dürfen nicht vergessen: Eine hohe Inflation schadet letztendlich allen."

Abgesehen von der Deutschen Post startet Ende Januar die Tarifrunde für den Öffentlichen Dienst. Die Lohnforderung der Gewerkschaft hier: plus 10,5 Prozent.

Über dieses Thema berichtete der HR in der Sendung Mex am 11. Januar 2023 um 20:15 Uhr und Deutschlandfunk Nova am 28. Mai 2022 um 12:20 Uhr.