DFB-Pokalspiel zwischen Holstein Kiel und Bayern München | dpa

Turniere in der Pandemie Warum Spitzensport trotz Lockdown stattfindet

Stand: 30.01.2021 12:02 Uhr

In Teilen des Spitzensports merkt man von Corona-Einschränkungen wenig. Viele Teams spulen ein immenses Pensum ab. Das liegt auch am ökonomischen Druck, den viele Vereine haben.

Von Kim Lucia Ruoff, SWR

Die leeren Ränge: Sie sind wohl das einzige Indiz, dass der Underdog Kiel wirklich im Pandemiejahr die Bayern aus dem DFB-Pokal gekickt hat. Ansonsten: Abklatschen, Teamkreis, Torjubel. Auf den Fußballplätzen der Bundesliga-Vereine scheint alles wie gehabt.

Und nicht nur dort. Auch international werden trotz angespannter Corona-Lage in vielen Sportarten Wettbewerbe ausgetragen. Aktuelles Beispiel ist die Handball-WM der Männer in Ägypten mit Teams aus 32 Nationen. Nachdem der Spitzensport zu Beginn der Pandemie im vergangenen Jahr wochenlang ruhte, darf er im zweiten Teil-Lockdown stattfinden - mit abgesegnetem Hygienekonzept.

Und so stehen in den kommenden Wochen zahlreiche internationale Spiele und Turniere an. Die Champions League startet im Februar, für den Juni ist die nachgeholte Austragung der Fußball-Europameisterschaft geplant. Kurz nach der EM folgt Olympia in Tokio, sollten die Spiele tatsächlich stattfinden.

Kritik an internationalen Wettkämpfen

Die ausgelassenen Szenen, die da gerade im Spitzensport entstehen, wertet der Virologe und Epidemiologe Uwe Liebert von der Universität Leipzig als fatales Zeichen an die Bevölkerung. Wenn auf dem Platz gejubelt, umarmt und gefachsimpelt werde, als gäbe es die Pandemie nicht, habe das auch eine Wirkung auf die Menschen vor den Bildschirmen. "Flächendeckend werden Leute angehalten, was auch wichtig ist, ihre Kontakte so gut es geht zu minimieren. Und bei Mannschaftssportarten ist alles ganz anders."

Der Virologe sieht zwar auch, dass der Sport für viele in der Bevölkerung ein willkommenes Ventil sei, gleichzeitig müsse man aber das Infektionsrisiko im Blick behalten. Wegen des laschen Umgangs mit Abstandsregeln in Teamsportarten, etwa nach dem Spiel, bedürfe es dringend einer Nachschärfung der Hygienekonzepte. Diese sind laut Liebert nicht vollständig zu Ende gedacht.

Für internationale Wettbewerbe hat der Experte zudem wenig Verständnis. "Bei internationalen Sportveranstaltungen kommen Mannschaften aus Ländern mit relativ geringen Infektionszahlen mit Mannschaften mit sehr hohen Infektionszahlen zusammen. Ich denke, man hätte das aussetzen oder verschieben können", so Liebert.

Bisher sieht etwa das Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) keine Regelung für das Geschehen auf dem Platz vor. "Alle Maßnahmen der Hygiene und Isolierung dienen dazu, dass auf dem Spielfeld keine weiteren Maßnahmen notwendig sind", heißt es im Konzept der eingesetzten Task Force. Trotzdem schickte die DFL vor Beginn der Rückrunde laut "Kicker"-Informationen ein Rundschreiben an die Proficlubs und rief sie zu erhöhter Aufmerksamkeit auf.

Nur wenn gespielt wird, fließt Geld 

Eine erneute Aussetzung des Spielbetriebs möchte man tunlichst vermeiden. Laut Christoph Breuer, Sportökonom an der Sporthochschule in Köln, gibt es natürlich ein "originär ökonomisches Interesse aller Beteiligten, die Wettbewerbe am Laufen zu halten". Gerade der Fußball sei abhängig davon, dass die Spiele übertragen werden, da sich die Vereine überproportional stark aus den TV-Rechten finanzierten.

Zum Vergleich: Die Einnahmen durch Zuschauertickets beliefen sich in der ersten Fußballbundesliga auf gerade einmal 13 bis 14 Prozent der Gesamteinnahmen, so der Sportökonom. Auch wenn dadurch natürlich Folgeverluste durch weniger Merchandise-Verkäufe oder Sponsorenausfälle erfolgten, lasse sich die 1. und 2. Bundesliga allein mit den Einnahmen durch die TV-Rechte auch über längere Zeit relativ stabil finanzieren. Im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten sei der Fußball momentan eine "Insel der Glückseligen" - vorausgesetzt, die Spiele finden statt.

Angespanntere Lage in andere Sportarten

Für andere Teamsportarten gestalte sich die Situation deutlich schwieriger. Gerade Indoor-Ligen wie die DEL, die Deutsche Eishockey Liga, seien in deutlich höherem Maß von den Ticketverkäufen abhängig. Dazu kämen hohe Hallenmieten. Die Koalition hat deshalb bereits im vergangenen Jahr einen Nothilfe-Schirm von 200 Millionen Euro beschlossen, der vorrangig Teamsportarten abseits der Fußball-Bundesliga das Überleben sichern soll.

Stark getroffen seien derweil auch die Individualathletinnen und -athleten. Eine Studie der Sporthochschule Köln, bei der im vergangenen Oktober 1600 Kadersportler befragt wurden, ergab, dass sich das monatliche Bruttoeinkommen der Athleten in der vergangenen Saison um durchschnittlich 1300 Euro reduziert habe. Für 2021 erwarte man noch einmal ein Absinken um 600 Euro. Vor allem Sponsorenverträge würden gerade oftmals ausgesetzt. Da die Individualsportler deutlich weniger verdienten als Athleten in den Teamsportarten, seien die Einnahmeausfälle hier sehr deutlich zu spüren.

Langzeitstudie zu gesundheitlichen Folgen 

Aber nicht nur ökonomisch könnten die Folgen der Pandemie für einen Teil des Spitzensports beträchtlich sein. Mittlerweile häufen sich Fälle von Corona-Infektionen im Spitzensport. Aktuell gebe es zwar keine verlässlichen Zahlen dazu, erste umfragebasierte Erhebungen während der ersten Welle ließen aber zumindest erahnen, dass sich die Zahl der infizierten Sportler damals nicht vom Anteil in der Normalbevölkerung unterschieden habe, so der Sportmediziner Andreas Nieß vom Universitätsklinikum Tübingen.

In den kommenden drei Jahren untersucht er im Rahmen einer vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderten Studie die Langzeitfolgen einer überstandenen Covid-19-Infektion. Vor allem Veränderungen an Herz und Lunge sollen dabei genauer beleuchtet werden. Ob eine durchstandene Infektion langfristig auch das Ende einer Profi-Karriere bedeuten kann, werden wohl erst die Beobachtungen der Langzeitverläufe zeigen.

Über dieses Thema berichteten B5 Sport am 05. Januar 2021 um 19:54 Uhr und NDR 2 Sport am 19. Januar 2021 um 23:03 Uhr.