Ein Lkw fährt auf der Autobahn A7 Richtung Norden. | dpa

Warnung vor Engpässen Auch in Deutschland fehlen Lkw-Fahrer

Stand: 10.09.2021 10:10 Uhr

In Großbritannien bleiben schon seit längerem Regale leer, weil unter anderem wegen des Brexit Lkw-Fahrer fehlen. In Deutschland droht eine ähnliche Entwicklung. Der Branchenverband warnt bereits vor einem "Versorgungskollaps".  

Im Supermarkt klaffen Lücken im Regal, Milchbauern bleiben auf ihrer Milch sitzen, bei Ikea fehlen die Matratzen und in Kläranlagen mangelt es an wichtigen Chemikalien. Es gibt kaum eine Branche, die dieser Tage in Großbritannien nicht klagt. Der Grund ist fast immer der gleiche: Es fehlen Menschen, die Waren transportieren, vor allem Lastwagenfahrer.

Laut Branchenverband Road Haulage Association hat Großbritannien zurzeit rund 100.000 zu wenig von ihnen. Das liegt unter anderem auch am Brexit und seinen Hürden. Zudem hat die Corona-Pandemie die Lage verschärft.

Versorgungskollaps hierzulande?

Experten gehen davon aus, dass Großbritannien nicht mit dem Problem allein bleiben wird. "Was in Großbritannien passiert, ist durch den Brexit beschleunigt. Ich gehe aber fest davon aus, dass wir in Westeuropa die gleiche Situation haben werden, nur etwas zeitversetzt", sagt Dirk Engelhardt vom Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung: "Wir warnen davor, dass wir auch in Westeuropa sehenden Auges in einen Versorgungskollaps laufen."

Auch in Deutschland fehlten bereits zwischen 60.000 und 80.000 Fernfahrer, so Engelhardt - Tendenz steigend. Jährlich gingen rund 30.000 Fahrer in Rente und nur rund 15.000 Nachwuchskräfte kämen nach. "Es gibt eine weltweite Not an Fahrern."

Der Mangel hat auch damit zu tun, dass der Beruf des Lastwagenfahrers immer weniger als attraktiv wahrgenommen wird. Das hängt mit der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der schlechten Bezahlung zusammen. Außerdem werden Lastwagen als große, laute Umweltverschmutzer wahrgenommen, die andere Verkehrsteilnehmer nicht etwa versorgen, sondern eher stören. "Das schlechte Image treibt die Fahrer um. Wir brauchen eine neue Wahrnehmung des Berufs", meint Engelhardt.

Anziehungskraft Großbritanniens schwindet

Während der Fahrermangel in Deutschland noch kaum thematisiert wird, ist er im Vereinigten Königreich sehr gegenwärtig. Eine Besserung der Lage ist vorerst nicht in Sicht. Denn während der Pandemie haben viele europäische Fahrer, etwa aus Polen oder Rumänien, Großbritannien verlassen und sind zu ihren Familien in ihren Heimatländern zurückgekehrt. Viele von ihnen werden wohl aus verschiedenen Gründen nicht wieder zurückkehren.

Einerseits ist seit dem Brexit die Freizügigkeit für EU-Arbeitskräfte vorbei und es sind aufwendige und teure Visa-Verfahren notwendig. Gleichzeitig werden aber auch in vielen anderen europäischen Ländern Fahrer benötigt, sodass die Anziehungskraft Großbritanniens schwindet. Neue Handelshürden und Kontrollen an der Grenze erschweren die Situation zusätzlich. Die Road Haulage Association fordert deshalb erleichterte Visa-Regeln für ausländische Kräfte.

Kein Weihnachten in UK?

Engelhardt plädiert mit Blick auf Deutschland für die Genehmigung längerer Lastwagen, in denen Fahrer mit integrierten Sanitäranlagen und besserer Ausstattung autarker ihre Ruhezeiten verbringen können. Andernfalls sieht Engelhardt schwarz: "Hamsterkäufe wie zu Beginn der Corona-Pandemie könnten zum Daily Business werden, wenn nicht schnell gegengesteuert wird", meint der Logistikexperte.

In Großbritannien warnte der Chef der Supermarktkette Iceland bereits davor, dass womöglich Weihnachten ausfallen müsse, wenn sich nicht endlich etwas ändere. Denn schon jetzt sei absehbar, dass es mit den üblichen Vorräten, die Märkte normalerweise vor den Feiertagen anlegen, schwierig werden könnte.