Ein Mitarbeiter stellt Verkaufsräder vor einem  Fahrradladen auf. | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Lieferengpässe im Handel Warten aufs neue Fahrrad bis 2023

Stand: 06.07.2022 11:01 Uhr

Der deutsche Einzelhandel rechnet mindestens bis Sommer 2023 mit Lieferengpässen. Am schwierigsten ist die Lage bei Fahrrädern, Spielwaren und elektrischen Geräten. Ein Grund ist der Schiffsstau in der Nordsee.

Die Lieferprobleme im deutschen Einzelhandel werden nach Einschätzung der Unternehmen noch mindestens bis zum Sommer 2023 anhalten. Im Schnitt gingen die Händler davon aus, dass es für weitere 11,5 Monaten Lieferschwierigkeiten geben werde, wie eine Umfrage des Ifo-Instituts ergab. "Die Lieferprobleme sind zu einem Dauerproblem für den Einzelhandel geworden", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe. "Auch in diesem Jahr wird es zu Weihnachten wieder Lücken in den Regalen geben."

Fahrradhändler erwarten demnach mit weiteren 18 Monaten die längste Fortsetzung der Lieferprobleme. Sämtliche Unternehmen der Branche gaben an, dass nicht alle bestellten Waren rechtzeitig geliefert werden könnten. Es folgen der Spielwarenhandel mit 14 Monaten erwarteter weiterer Engpässe. Im Bereich elektrischer Hausgeräte klagen mehr als 98 Prozent der Händler über bestehende Lieferschwierigkeiten - im Schnitt rechnen sie mit einer Fortsetzung der Probleme für weitere 13,7 Monate.

Aktuell sind auch viele andere Branchen von gravierenden Engpässen betroffen. Mehr als 90 Prozent der Autohändler und der Baumärkte, 88 Prozent der Möbelhändler und 77 Prozent der Lebensmittelhändler berichten Schwierigkeiten, bestellte Ware rechtzeitig zu bekommen. Deutlich besser sieht es mittlerweile etwa in Bekleidungsgeschäften aus, von denen nur noch gut die Hälfte über Lieferprobleme klagt. Bezogen auf den gesamten Einzelhandel lag diese Quote bei fast 76 Prozent - das ist im Vergleich zum Mai ein leichter Rückgang von gut vier Prozentpunkten.

Stau auf dem Meer

Ein der wichtigsten Gründe für die Situation im Einzelhandel bleiben die Probleme beim Seetransport. Die Staus von Containerschiffen in der Nordsee nehmen laut dem Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW) in der Tendenz sogar zu. "Über zwei Prozent der globalen Frachtkapazität stehen dort still und können weder be- noch entladen werden", sagte IfW-Experte Vincent Stamer. Für die Nordsee sei dies "sehr ungewöhnlich".

Auch vor den chinesischen Häfen von Shanghai und Zhejiang wächst die Warteschlange: Mehr als vier Prozent der globalen Frachtkapazität stecken dort fest. "Ein Ende der Staus in de Containerschifffahrt ist derzeit nicht in Sicht", sagte Stamer. "Für Deutschland und die EU beeinträchtigt dies vor allem den Überseehandel, speziell mit Asien, woher etwa Unterhaltungselektronik, Möbel oder Textilien geliefert werden." China ist der mit Abstand wichtigste deutsche Handelspartner: 2021 wurden Waren im Wert von 245 Milliarden Euro hin- und hergeschickt.

Lage in den USA entspannt sich

In Nordamerika hat sich die Lage laut IfW dagegen entspannt. Die pandemiebedingt hohe Nachfrage nach Konsumgütern in den USA habe nachgelassen, der Stau vor dem Hafen von Los Angeles habe sich aufgelöst. Das entlaste die Transportwege. Die Frachtkosten von Asien an die Westküste Nordamerikas seien seit Beginn dieses Jahres um knapp die Hälfte gefallen. Die Frachtraten auf dem Weg von Asien nach Nordeuropa seien dagegen noch immer sechs Mal so hoch wie vor zwei Jahren, berichtete Stamer.

Im russischen Ostseehafen St. Petersburg, wo Waren aus Europa ankommen, ist das Frachtaufkommen nach Angaben des IfW eingebrochen. In den russischen Häfen, die im Asienhandel eingebunden seien, erhole es sich dagegen etwas. Das zeige den Versuch, den wegen des Kriegs in der Ukraine verlorenen Handel mit Europa durch Handel mit Ländern in Asien zu ersetzen. "Allerdings können die Importe aus Asien bisher noch nicht den Handel mit Europa ersetzen", sagte Stamer.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. Juli 2022 um 18:00 Uhr.