Eine Frau fährt mit einem Transportrad | picture alliance / Tobias Hase

Vorschlag der Grünen Wahlkampf mit der Lastenrad-Prämie

Stand: 24.08.2021 19:27 Uhr

Die Förderung privater Lastenräder als Teil der Verkehrswende hat sich zu einem Wahlkampfthema entwickelt. Als Transportbikes sind sie stark gefragt - lokale Förderprämien sind meist schnell aufgebraucht.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Bis vor kurzem hätte kaum jemand vermutet, dass so ein Thema zu einer hitzigen Debatte im Bundestagswahlkampf führen könnte. Doch der Klimawandel und die damit verbundene Mobilitätswende haben sie überraschend auf die Agenda gespült: die Förderung von Lastenfahrrädern.

Eine Milliarde Euro wollen die Grünen für die Subvention ausgeben. Eine Million private Räder sollten vom Bund mit jeweils 1000 Euro Zuschuss gefördert werden, sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Sven-Christian Kindler jüngst dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland". Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock stellte sich hinter den Vorschlag. Es solle keine "absolute Ungleichheit" geben zu der bestehenden Förderung von 6000 Euro für Elektroautos. Mit Lastenrädern könnten auch Menschen etwa ihre Einkäufe nach Hause bringen, die keinen Führerschein haben oder nicht Auto fahren wollten beziehungsweise könnten.

Seit Tagen wird eine mögliche Kaufprämie kontrovers und hitzig diskutiert. Umweltministerin Svenja Schulze reagierte skeptisch auf den Vorschlag: Der Bund fördere längst Lastenräder für Firmen, Freiberufler und Kommunen, so die SPD-Politikerin. "Das bringt mehr für den Klimaschutz." CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak nannte die Idee auf Twitter "abstrus und weltfremd".

Verkaufszahlen knacken erstmals 100.000-Marke

Egal ob für den Einkauf, um das Kind aus der Kita zu holen oder Teile aus dem Baumarkt nach Hause zu bringen: Lastenräder sollen dank ihres Stauraums den Transport von größeren Objekten mit dem Fahrrad ermöglichen und damit Autofahrten ersetzen. Sie fahren CO2-neutral und könnten somit einen Beitrag zur Verkehrswende leisten. Denn rund die Hälfte aller Nutzer würde den Transportweg sonst mit dem Auto zurücklegen, rechnet der Fahrrad-Club ADFC vor.

Etwa 103.200 Lastenräder sind nach Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV) im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft worden. Zum ersten Mal überhaupt wurde damit die Marke von 100.000 geknackt. Mehr als drei Viertel der Modelle sind E-Räder. Dessen Verkäufe stiegen im Vergleich zum Vorjahr um satte 40 Prozent. Laut ZIV hat sich die Zahl der jährlich verkauften Lastenräder seit 2016 versechsfacht.

"Noch immer sind mehr Lastenräder als Elektroautos auf deutschen Straßen unterwegs", sagt Jonas Kremer, Fachvorstand des Radlogistikverbands (RLVD) und Chef des Berliner Herstellers citkar. Denn sowohl 2017 als auch 2019 seien mehr Lastenräder als E-Autos verkauft worden. Durch die Kaufprämien habe sich das mittlerweile aber geändert.

Jonas Kremer | privat

Jonas Kremer ist Chef des Berliner Lastenrad-Herstellers Citkar. Bild: privat

Immer wichtiger im Transport

Weniger Lärm, Abgase und Behinderungen: Mehr Lastenräder sollen Innenstädte entlasten. Laut Ralf Bogdanski, einem Logistik-Professor an der Technischen Hochschule Nürnberg, könnten sie bei der Paketzustellung bis zu 30 Prozent des Verkehrs ersetzen. Verkehrsminister Andreas Scheuer hatte im Rahmen des Nationalen Radverkehrsplans 3.0 im April den Lastenverkehr als eines der Leitziele genannt - mit einer Zielmarke von 30 Prozent der Zustellungen durch Lastenräder auf der letzten Meile. "Davon sind wir Stand heute aufgrund der fehlenden Kaufanreize, der schwachen Infrastruktur und technischen Grenzen noch relativ weit entfernt", erklärt Kremer. Ein Elektro-Van könne für 15 bis 20 Euro im Monat geleast werden, sodass sich ein Lastenrad kaum lohne.

Eingesetzt werden die Bikes vor allem in der Logistik. "Unsere Kunden sind Paketzusteller wie Hermes, Lieferdienste oder Logistik-Startups wie Kiezbote in Berlin und Incharge in Düsseldorf", so der Leiter der Arbeitsgruppe Lastenräder, die vor einigen Monaten von mehreren Verbänden gegründet wurde. Aber auch viele Handwerker, etwa Auszubildende ohne Führerschein, Pflegedienste, und sogar Reinigungskräfte der Abfallwirtschaft würden in einigen Städten die Fahrzeuge nutzen. In Aachen mischt auch der Paketdienstleister UPS mit.

UPS Paketbote unterwegs mitt einem Rytle Cargo Bike | picture alliance / SvenSimon

Ein UPS-Paketbote ist unterwegs auf einem Rytle Cargo Bike. Bild: picture alliance / SvenSimon

"Die Unternehmen befassen sich schon länger mit emissionsarmer Mobilität ohne lange Parkplatzsuche und hohe Kosten", sagt Kremer. Seit 2010 wachse der Markt massiv. Mittlerweile sei es schwierig, innerhalb einer Lieferzeit von drei bis vier Monaten ein Lastenfahrrad zu bekommen. Das sei zwar auch coronabedingt, aber trotzdem sei die Nachfrage in diesem Jahr extrem gestiegen. Die Wachstumsraten liegen laut Kemer inzwischen bei über 100 Prozent.

Der Zeitverlust in Städten ist minimal, wie eine dreijährige Untersuchung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit 800 teilnehmende Betrieben zeigt. Sie testeten ihre Fahrten mit Lastenrädern. Das Ergebnis: Bei knapp der Hälfte der 30.000 Touren wären die Fahrer nur zwei bis zehn Minuten später angekommen.

Nicht nur ein ethisches Statussymbol

Die Preise für günstigere Lastenräder beginnen bei 1000 Euro. Räder mit E-Antrieb oder hochwertige wie vom hessischen Hersteller Riese und Müller, einem der deutschen Marktführer, kosten im Online-Shop bis zu 8000 Euro. Wer ein besseres Modell haben möchte, muss also tief in den Geldbeutel greifen. Bundesweite Förderprogramme gibt es nur für Unternehmen, Freiberufler, Vereine oder Kommunen. Für private Haushalte gibt es bislang keine flächendeckenden Prämien. Das wollen die Grünen ändern - was nicht allen gefällt.

Kritiker bezeichnen das Lastenrad als ethisches Statussymbol für Großstadtfamilien aus der Oberschicht. "Die Grünen wollen mit dem Geld der Steuerzahler Klientelpolitik betreiben", sagte der FDP-Fraktionsvize im Bundestag, Christian Dürr. "Wir werden das Weltklima nicht retten, indem wir Lastenräder in Berlin-Kreuzberg bezuschussen."

"Natürlich gibt es auch die Prenzlauer und Kreuzberger Muttis, die ihre Kinder von A nach B fahren. Aber eben nicht nur. Und sie sind nicht einmal die größte Gruppe", hält Kremer dagegen. Bei den vierrädrigen Citkar-Fahrzeugen gebe es besonders hohes Interesse von körperlich eingeschränkten Menschen. Ansonsten würden viele Bürger die kostengünstigeren Lastenräder nutzen, die für kurze Strecken ihr Auto ersetzen wollen - sowohl auf dem Land als auch in der Stadt.

Kaufprämien der Kommunen stark genutzt

In Kopenhagen besitzt jede vierte Familie ein Lastenrad. Die dänische Hauptstadt gilt als Ursprung der Transportbikes. Um in die Größenordnung zu gelangen, müssen die Räder günstiger werden. Rund 70 Kommunen boten nach Angaben des Bundesverkehrsministeriums 2021 eine Kaufprämie für private Lastenräder an - mit hoher Nachfrage.

"In Berlin gab es im Mai eine Förderung für private Lastenräder. Die Gelder waren innerhalb von zwölf Stunden ausgeschöpft", erzählt Kremer. Auch in Hamburg oder Düsseldorf war die Fördersumme schnell aufgebraucht. In Frankfurt am Main war der Fördertopf in Höhe von 150.000 Euro im April dem Verkehrsdezernat der Stadt zufolge ebenfalls nach nur wenigen Tagen leer. "Die Nachfrage dahingehend war enorm", schreibt die Behörde tagesschau.de.

Da der Topf für juristische Personen dagegen noch nicht vollständig ausgeschöpft sei und viele Antragsteller zusätzlich Personengurte gekauft hätten, geht die Stadt davon aus, dass die Räder vor allem für den Transport von Kindern genutzt werden. Die nächste Förderrunde beginnt im Februar.

Selbst kleinere und ländlichere Kommunen berichten von einem hohen Interesse. "Das Förderprogramm für Lastenfahrräder, Lasten-Pedelecs und mehrrädrige Elektroleichtfahrzeuge ist auf großes Interesse, auch in unseren sozialen Medien, gestoßen", so die Hansestadt Attendorn aus dem Kreis Olpe in Nordrhein-Westfalen. Noch sei zwar kein Antrag eingegangen, doch Nachfragen gebe es viele.

Auch Prämien für Leasing gefordert

Der Vorschlag der Grünen wird in der Szene begrüßt. Ein paar Verbesserungen schlägt Branchenvertreter Kremer aber dennoch vor: "Die Förderung muss leasingfähig sein." Denn die meisten Gewerbekunden würden die Räder nicht kaufen.

Dazu komme die Höhe der Kaufprämien. Für private Lastenräder reiche das vielleicht aus. Bei anderen Preiskategorien im gewerblichen Bereich sei das aber zu wenig. "Warum macht man nicht eine Förderung von 50 Prozent?" Dann sei es eine gerechte Aufteilung.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 24. August 2021 um 12:20 Uhr.

IHRE MEINUNG

KOMMENTARE

avatar
HalloErstmal2 25.08.2021 • 00:01 Uhr

"Für 5000 Euro"

Lastenfahrrad oder Auto? Mit dem Auto kann ich mal schnell 100km weit fahren, dabei den halben Haushalt mitnehmen, komme trocken und ausgeruht in ein bis zwei Stunden wieder zurück. Was schafft man so mit einem Lastenfahrrad? Ignorieren des Performance-Unterschiedes ist genau das, was uns in Sachen Mobilität zurück wirft. Oder auch in anderen Bereichen. Der Unterschied in der CO2-Emission führt auch zu keinem nennenswerten Effekt auf die Keeling-Kurve. Da müssen wir uns was besseres einfallen lassen, und ja, Klimawandel ist ein ernstes Problem.