Mit einem Traktor wird ein Kartoffelacker bearbeitet. | picture alliance/dpa

Rekordanstieg bei Agrarprodukten Nächster Lebensmittel-Preisschock droht

Stand: 12.05.2022 10:59 Uhr

Plus 33 Prozent bei Milch, plus 70 Prozent bei Getreide und fast das Doppelte für Kartoffeln: Die Erzeugerpreise für Agrarprodukte steigen wegen des Kriegs im Rekordtempo. Verbraucher dürften das bald zu spüren bekommen.

Die Erzeuger landwirtschaftlicher Produkte haben ihre Preise im ersten Monat nach Kriegsbeginn in der Ukraine im Rekordtempo angehoben. Sie stiegen im März um durchschnittlich 34,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt heute mitteilte.

"Dies ist der höchste Preisanstieg gegenüber einem Vorjahresmonat seit Beginn der Erhebung im Jahr 1961", hieß es von der Behörde. "Allein gegenüber Februar 2022 stiegen die Preise um 15,1 Prozent." Pflanzliche Produkte verteuerten sich mit 42,1 Prozent besonders stark, tierische Erzeugnisse mit 29,5 Prozent etwas weniger kräftig.

Getreidepreis schießt nach oben

Der enorme Preisanstieg ist unter anderem auf die Entwicklung im Handel mit Getreide zurückzuführen, das sich bereits seit Juli 2020 stark verteuert. Im März lagen die Preise um 70,2 Prozent über dem Vorjahresmonat. "Ausschlaggebend für die enorme Preissteigerung bei Getreide ist die Verknappung des Angebots infolge des Kriegs in der Ukraine", erklärten die Statistiker. "Dadurch hat sich die bereits zuvor angespannte Situation auf dem Weltmarkt mit einer hohen Nachfrage im In- und Ausland noch einmal deutlich verschärft."

Für Speisekartoffeln wurde 91,7 Prozent mehr verlangt. Das wird vor allem auf witterungsbedingt geringe Erntemengen sowie ein relativ niedriges Preisniveau im März 2021 zurückgeführt: Damals gab es aufgrund großer Erntemengen und fehlender Absatzmöglichkeiten durch Corona in der Gastronomie einen Preiseinbruch von mehr als 50 Prozent.

Obst wird billiger

Die Preise für Raps zogen um 70,1 Prozent an. Dieser Aufschlag liegt vor allem an der knappen Versorgungslage bei gleichzeitig hoher Nachfrage, beispielsweise für Herstellung von Biogas oder die Verwendung von Raps als Treibstoff, also Biodiesel. Die Erzeugerpreise für Obst fielen dagegen um 12,4 Prozent, wobei sich etwa Tafeläpfel um 8,4 Prozent verbilligten.

Bei den tierischen Produkten kletterte etwa der Milchpreis mit 33,3 Prozent sehr stark. "Grund hierfür ist weiterhin vor allem ein knappes Rohmilchangebot", so die Statistiker. Bei Schlachtschweinen zogen die Preise um 21,1 Prozent an, die für Rinder um 47,5 Prozent. Das hängt auch mit den steigenden Preisen für Futtermittel zusammen.

Kein Ende des Preisauftriebs in Sicht

Für die Verbraucher sind das schlechte Nachrichten. Sie müssen sich auf anhaltend hohe Preissteigerungen einstellen. Experten rechnen damit, dass der Handel einen größeren Teil der Kosten an die Endverbraucher weitergeben dürfte. Die Erzeugerpreise gelten als wichtiger Indikator für die Entwicklung der Verbraucherpreise. Im April waren die Preise mit einer Inflationsrate von 7,4 Prozent so kräftig wie seit 1981 nicht mehr angestiegen.

Ein Ende des starken Preisauftriebs ist derzeit nicht in Sicht. Aktuell wollen so viele Unternehmen wie noch nie in den kommenden drei Monaten ihre Preise erhöhen, wie eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts ergab. "Die Inflation in Deutschland dürfte damit auch in den kommenden Monaten bei über sieben Prozent liegen", prognostizierte ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser.

Ökonomen sprechen sich deshalb bereits für weitere Entlastungen der Menschen aus. "Ich befürchte, wir haben das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht und werden einen weiteren Anstieg der Lebensmittelpreise erleben, da die Lieferketten weiterhin gestört sind", so der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. "Die Politik sollte nicht länger warten, sondern jetzt handeln, um frühzeitig soziale Härten zu vermeiden."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. Mai 2022 um 10:00 Uhr.