Küken in einem Hähnchenmastbetrieb. | dpa

Umstellung für Geflügelhalter Wenn Küken leben dürfen

Stand: 31.01.2022 08:07 Uhr

Seit dem Verbot des Kükentötens müssen Dutzende Millionen Tiere nun irgendwo aufgezogen werden. Wie Betriebe damit umgehen - und warum die Gesetzgebung Lücken hat.

Von Barbara Berner, HR

Bilder von Eintagsküken, die im Schredder landen, gehören zumindest in Deutschland der Vergangenheit an. Seit Jahresbeginn dürfen hierzulande keine männlichen Küken mehr getötet werden - das ist gesetzlich festgeschrieben.

Barbara Berner

"Immerhin reden wir hier von 45 Millionen Eintagsküken jedes Jahr", sagt Christiane Kunzel von der Verbraucherzentrale NRW. Und die müssten irgendwo aufgezogen werden. "Das geht sicherlich nicht nur in Deutschland, und es geht natürlich auch darum, was mit dem Fleisch der Tiere passiert." 

Wo Henne und Hahn aufwachsen

Ein Hühnerhof im Hessischen Biblis. Dagmar und Siegbert Ochsenschläger haben vor fast drei Jahren umgestellt. Statt ausschließlich reine Legehennen zu halten, wachsen bei ihnen Henne und Hahn gemeinsam auf. Weil ihn die "ewige Diskussion über Küken töten, Küken schreddern genervt hat, und dann habe ich nach einer Lösung gesucht", wie Siegbert Ochsenschläger erzählt. 

Jetzt wird auf dem Hof auch der Bruder der Henne aufgezogen - eine Hofromantik bei 300 Hühnern, die viel Auslauf haben. Das Wohl der Hühner müssen sich die Geflügelhalter leisten können. Denn die Hähne setzten weniger Fleisch an als konventionelle Masthühner. So haben die Ochsenschlägers Mehrkosten. Die zahlen die Kunden über einen höheren Eierpreis von zehn Cent pro Ei. 

Höhere Preise für die Eier

Dass Bruderhähne aufgezogen werden, ist nichts Neues. Demeter- und Biolandbetriebe machen das schon seit langem. Der Eierpreis beinhaltet einen Aufschlag, mit dem die teure Mast quersubventioniert wird - wie bei Familie Ochsenschläger.

Doch anders als bei ihnen im kleinen Hofbetrieb schauen Groß-Brütereien nicht besonders erfreut auf diese Aufzucht. Henner Schönecke, Vorsitzender des Bundesverbands Ei, spricht von einem Problem für viele Brütereien. Denn sie brauchen nicht nur mehr Kapazitäten im Stall, um jetzt die männlichen Küken aufzuziehen. Die Hähne müssen noch zwei Monate länger gefüttert werden, um annähernd das Gewicht eines Masthähnchens zu erreichen. 

Schönecke rechnet vor, dass so "die Junghenne bis zu 100 Prozent mehr kostet".  Er selbst hat in Wulmstorf bei Hamburg 53.000 Legehennen. Die meisten von ihnen laufen im Freiland-Wintergarten herum. Die Hennen kommen von einer Brüterei in Niedersachen. Es sei die einzige, erzählt er, die Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei mache: "Alle anderen Brütereien ziehen Bruderhähne groß."

Ungewisse Zukunft der Brütereien

Das Verfahren zur Bestimmung des Geschlechts funktioniert so: Ein Laser brennt berührungslos ein 0,2 Millimeter großes Loch in das Brut-Ei. Durch eine Saugvorrichtung wird ein kleiner Tropfen Flüssigkeit entnommen. Daran lässt sich erkennen ob es sich um ein weibliches oder männliches Brut-Ei handelt. Beim "Seleggt-Verfahren" wird das Brut-Ei am neunten Tag untersucht. So werden die männlichen Küken noch vor dem Schlüpfen aussortiert und zu Tierfutter verarbeitet.   

Verbandschef Schönecke befürchtet ein Sterben der Brütereien. Von 22 Betrieben hätten mindestens drei schon aufgegeben. Der Grund: zu wenig Kapazitäten, zu viel Mehrkosten bei der Aufzucht der Hähne. Und kaum eine Brüterei wolle in die Technologie der Geschlechtsbestimmung investieren. 

Denn der heutige Standard ist in zwei Jahren nicht mehr einsetzbar. Ab 2024 ist die Geschlechtsbestimmung im Brut-Ei nur noch spätestens am sechsten Tag erlaubt. Diese Anforderung erfüllt aber bis heute keine der eingesetzten Technologien. Deshalb spricht Schönecke "von einem Geburtsfehler des Gesetzes. Es investiert doch keiner heute in eine Technologie, die Millionen kostet und die sich 2024 überholt hat".

Ausländisches Flüssigei ohne Kennzeichnung

Die Ethik endet spätestens da, wo der Import beginnt. 2021 legten Deutsche Legehennen 13,9 Milliarden Eier. Gegessen wurden aber 19,5 Milliarden. 28 Prozent kommen also aus dem Ausland. "Da sind das Hahnküken-Töten und die Haltungsformen meist irrelevant", sagt Schönnecke. Und es sind nicht nur die Konsumeier allein. 

Von den mehr als 235 Eiern, die jeder Deutsche im Durchschnitt isst, steckt etwa die Hälfte in Lebensmitteln: in Nudeln, Gebäck, Mayonnaise oder in der Veggie Wurst - ungekennzeichnet.

Flüssigei-Importe kommen aus Ländern wie Litauen, Ungarn oder der Ukraine. "Und das ist völlig in Ordnung. Das darf natürlich bei uns eingeführt werden," sagt Verbraucherschützerin Kunzel. "Wir müssen davon ausgehen, dass da die männlichen Küken weiter getötet werden." 

Schon deshalb fordern Verbraucher- ebenso wie Tierschützer und auch der Eierverband eine klare Kennzeichnung auf allen Lebensmittelverpackungen. Davon sind Industrie und Handel allerdings noch weit entfernt. Nur vereinzelt finden Verbraucherinnen und Verbraucher solche gekennzeichneten Produkte. Immerhin auch hier ein Anfang.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Januar 2022 um 12:4 Uhr.