Euromünzen liegen gestapelt vor Banknoten | dpa

Finanzielle Lage der Deutschen Wenn das Konto immer voller wird

Stand: 19.05.2021 10:22 Uhr

Stabile Einnahmen, weniger Ausgaben: In dieser Situation befinden sich sehr viele Deutsche. Für sie bedeutet die Pandemie höhere Kontostände. Gleichzeitig wird die Schere zwischen Arm und Reich größer.

Von Steffen Clement, hr

Familie Loi aus Eschborn bei Frankfurt: Die beiden Teenager Lorena und Luca sind vom Home-Schooling genervt, die Eltern in Sorge um die Gesundheit. Doch zumindest einen positiven Aspekt habe Corona, sagt Mutter Michaela beim Blick aufs Familienkonto. "Finanziell hat uns Corona nicht geschadet. Im Gegenteil: Wir haben am Ende des Monats mehr Geld zur Verfügung als sonst."

Und damit ist die Familie, für die Kurzarbeit kein Thema war, keine Ausnahme, sondern ein typisches Beispiel. In der größten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg bleibt die große Mehrheit vor finanziellem Schaden verschont und profitiert am Ende sogar. Dafür braucht es zunächst einmal stabile Einnahmen. Genau das erleben überraschend viele, wie eine repräsentative Umfrage von infratest dimap im Auftrag des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus zeigt. 

Mehrheit mit stabilem Einkommen

Zwar haben sich für jeweils 13 Prozent die Einnahmen deutlich oder etwas verringert - darunter sind besonders viele mit einen niedrigen Haushaltseinkommen unter 1500 Euro. Aber: Für 61 Prozent, also die Mehrheit, ist das Einkommen gleichgeblieben. Zwölf Prozent erhalten sogar mehr Geld; darunter besonders viele mit einem ohnehin hohen Haushaltseinkommen von mehr als 3500 Euro. Die Schere geht weiter auseinander. Insgesamt bleiben fast drei Viertel von Einkommensverlusten verschont.

Aber wie passt das zu den Rekordzahlen bei Kurzarbeit und den weit verbreiteten Existenzsorgen? Andreas Hackethal vom Leibniz-Institut SAFE an der Frankfurter Goethe-Universität hat im vergangenen Jahr ähnliche Umfragen durchgeführt - mit ähnlichen Ergebnissen: Rund 80 Prozent der Befragten gaben an, keine Einnahmen verloren zu haben. "Wenn wir uns die Gesellschaft anschauen, dann haben wir neben den Selbstständigen, die es sehr hart trifft, auch noch die Kurzarbeiter. Beide Gruppen stehen aber nicht für die große Mehrheit", so der Finanzexperte. "Nämlich die Angestellten in sicheren Job-Verhältnissen, Beamte und Rentner. Die überwiegende Mehrheit hat tatsächlich im Portemonnaie keine Einbußen erlebt."

Das Geld bleibt auf dem Konto

Doch stabile Einnahmen sind nur das eine. Auf der anderen Seite müssen die Ausgaben sinken, damit am Ende mehr Geld übrig bleibt. Auch hier ist Familie Loi wieder ein Paradebeispiel. Allein die 3000 Euro für den traditionellen Skiurlaub: Ausgefallen wegen Corona - das Geld blieb auf dem Konto. Die Mehrheit von 56 Prozent hat weniger für den Konsum ausgegeben, rund ein Viertel genauso viel und nur 16 Prozent mehr als vor Corona, so das Ergebnis der repräsentativen Umfrage.

Wenn die Mehrheit der Deutschen genauso viele Einnahmen wie vor Corona hat und gleichzeitig weniger Geld ausgeben kann, dann wächst der Kontostand quasi von allein. Das zeigt sich in der Statistik: In den Jahren vor Corona lag die Sparquote knapp über zehn Prozent. In der Coronakrise ist die Sparquote auf historische 16,2 Prozent hochgeklettert. Im Beratungsalltag der Banken ist diese Entwicklung ablesbar. Die Commerzbank beispielsweise hat die Zahl der Wertpapiersparpläne um die Hälfte gesteigert. Als Leiterin der Kundenberatung macht Anne-Cathrin Hartwig nun völlig neue Erfahrungen: "Das hatten wir noch nie. Viel mehr Kunden haben nun jeden Monat mehr Geld übrig. Es sammelt sich immer mehr Geld an - und der Anlagenotstand wächst."

Ausgeben, investieren oder sparen?

Verrückte Zeiten: Während manche nicht wissen, wie sie im nächsten Monat ihre Miete bezahlen soll, steht die Mehrheit vor der Frage: Wohin nur mit dem ganzen Geld? Wer zur zweiten Gruppe gehört, hat nach Einschätzung von Andreas Hackethal angenehme Optionen zur Auswahl: "Ein Teil wird den ausgefallenen Konsum nachholen, ein anderer das Geld an die Börse bringen, für die Altersvorsorge verwenden oder auch Kredite schneller zurückzahlen." Für viele wird der Sommerurlaub die nächste große Ausgabe sein. Die Kunden müssen sich auf höhere Preise einstellen, wenn die Nachfrage steigt und das Angebot eher schrumpft.

Aber steigen die Preise auch auf Dauer und in vielen Bereichen? Die Inflationsrate hat sich zumindest in den vergangenen Monaten schon aus dem Minusbereich auf aktuell zwei Prozent nach oben bewegt. Sogar drei Prozent könnten es demnächst sein. Doch langfristig gibt sich die Europäische Zentralbank hier gelassen. "Wir gehen davon aus, dass die Inflation bereits ab 2022 wieder spürbar zurückgehen sollte auf schätzungsweise 1,2 Prozent im Euro-Raum", erklärt EZB-Direktorin Isabel Schnabel. "Das bedeutet für uns, dass wir weiterhin die Finanzierungsbedingungen günstig halten, um die Wirtschaft zu unterstützen. Ein Zinsanstieg deutet sich derzeit nicht an."

Die Nullzinspolitik der EZB dürfte also noch lange Bestand haben. Ein Grund mehr, all das Geld mit Freude auszugeben, das sich während des Lockdowns bei vielen "einfach so" angesammelt hat. Doch ein Viertel der Deutschen hat bei steigenden Preisen zugleich weniger Einnahmen zur Verfügung. Die Schere geht wegen Corona weiter auseinander. 

Mehr zu diesem Thema in der Sendung Plusminus am 19.5.2021 um 21.45 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtet tagesschau24 am 19. Mai 2021 um 16:00 Uhr.