Ein Kind auf einer Kakaoplantage | picture alliance / Godong

Kritik an Nestlé & Co. Keine Schokolade ohne Kinderarbeit?

Stand: 03.03.2021 12:18 Uhr

In den Regalen der Supermärkte türmen sich derzeit Schokoladen-Osterhasen und -Eier. Darin steckt jedoch oft Kinderarbeit. Was tun die Hersteller dagegen - oder können sie das nicht verhindern?

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Die Corona-Pandemie mit ihren Kontaktbeschränkungen und geschlossenen Läden hat auch die Schokoladenhersteller hart getroffen. Das hat etwa jüngst die Bilanz von Lindt & Sprüngli gezeigt. Der Schweizer Konzern erlitt im vergangenen Jahr einen Gewinneinbruch um mehr als ein Drittel. Der Umsatz ging ebenfalls zurück.

Die Folgen der Krise bekamen auch die Kakaobauern zu spüren. So ist der Preis für eine Tonne Kakaobohnen im vergangenen Jahr um 13 Prozent gefallen. In der Spitze ging es sogar um fast 25 Prozent bergab. Für die nach wie vor auf den afrikanischen Kakaofarmen schuftenden Kinder sind das besonders schlechte Nachrichten.

Wieder mehr Kinderarbeit

Zwar ist Kinderarbeit in Ghana und der Elfenbeinküste, wo 70 Prozent des weltweiten Kakaos produziert werden, verboten. Doch das lässt sich kaum durchsetzen. Studien zufolge arbeiten allein in Ghana eine Million Kinder, teilweise schon ab dem Alter von fünf Jahren, auf Kakaofarmen. Ihre Zahl ist zuletzt wieder gestiegen - sehr zum Ärger von Menschrechtsorganisationen, die dieses Problem seit Jahren anprangern.

Mitte Februar hat die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation International Rights Advocates (IRAdvocates) deshalb eine Sammelklage gegen mehrere Schokoladenhersteller eingereicht. Der Vorwurf: Sie seien an Menschenhandel und Zwangsarbeit beteiligt. Die Kläger, acht malische Staatsbürger, seien als Kinder verschleppt und in der Elfenbeinküste gezwungen worden, Kakaobohnen zu ernten.

Klage gegen Nestlé und andere Konzerne

Die in der Klage genannten Firmen, Nestlé, Barry Callebaut, Cargill, Mars, Mondelēz (Milka), Hershey und Olam gehören zu den größten Schokoladenkonzernen der Welt. "Sie profitieren weiterhin vom Verkauf billigen Kakaos, der von Kindersklaven geerntet wurde", heißt es in der von IRAdvocates eingereichten Anklageschrift.

Die Organisation wirft den oben genannten Unternehmen vor, in der Elfenbeinküste Kindersklaven einzusetzen, obwohl das gesetzeswidrig sei, schreibt Terry Collingsworth, Geschäftsführer von IRAdvocates. Die Organisation mit Sitz in Washington ist auf das Verklagen von internationalen Unternehmen bei Menschenrechtsverletzungen spezialisiert. Eigenen Angaben zufolge finanziert sich IRAdvocates über Stiftungen, Privatspenden oder Einnahmen aus anderen Fällen.

Weniger als 1,90 Dollar pro Tag

Laut Collingsworth, der die inzwischen etwa 20-jährigen Kläger vertritt, unterzeichneten die genannten Unternehmen im Jahr 2001 das Harkin-Engle-Protokoll, eine freiwillige Selbstverpflichtung, bis 2005 keine Kinderarbeit mehr einzusetzen. Stattdessen hätten sich die Firmen jedoch "zahlreiche einseitige Fristverlängerungen gewährt" und beteuerten nun, bis 2025 ihre Abhängigkeit von Kinderarbeit um 70 Prozent zu reduzieren. "Indem sie sich selbst diese Verlängerungen gewähren, geben die Unternehmen zu, dass sie Kindersklaven einsetzen", so Collingsworth.

Tatsächlich verdienen die meisten Kinder auf den Kakaofarmen nicht mehr als ein paar Cent pro Tag - sofern sie überhaupt entlohnt werden. Auch das durchschnittliche Tageseinkommen der meisten Kakaobauern ist nur ein Hungerlohn und beträgt weniger als 1,90 Dollar, liegt also unterhalb der von der Weltbank definierten Armutsgrenze.

"Klage beendet Kinderarbeit nicht"

Die Konzerne sind sich des Problems bewusst, sprechen aber lieber von Kinderarbeit statt von Kindersklaven. Nestlé erklärte in einer Stellungnahme zu der Klage von IRAdvoates: "Dieser Rechtsstreit bringt uns dem Ziel nicht näher, Kinderarbeit in der Kakaoindustrie zu beenden." Kinderarbeit sei ein komplexes, globales Problem, dessen Bewältigung in der gemeinsamen Verantwortung aller Beteiligten liege. Kinderarbeit sei absolut inakzeptabel und widerspreche allem, wofür Nestlé stehe. Man bekämpfe die Ursachen mit dem Nestlé Cocoa Plan.

Als entscheidende Faktoren für die Bekämpfung von Kinderarbeit in der Kakaoproduktion nennt Nestlé den erleichterten Zugang zu Bildung, die Modernisierung der Anbaumethoden sowie die Verbesserung der Lebensumstände. Nestlé habe ein System zur Überwachung und Behebung von Kinderarbeit eingeführt. Kernpunkte davon seien die Identifikation gefährdeter Kinder oder die Zusammenarbeit mit betroffenen Familien und Gemeinschaften.

Kinderarbeit direkte Folge von Armut

Auch Antoine de Saint-Affrique, Chef von Barry Callebaut, einem der weltgrößten Kakaoproduzenten,  leugnet die Problematik nicht. "Dass Kinder auf den Farmen ihrer Eltern mitarbeiten, ist in Afrika weit verbreitet", sagte er kürzlich der Schweizer Handelszeitung. Und weiter: "Es ist eine direkte Folge von Armut: Wenn die Kakaobauern sich keine Erntehelfer leisten können, müssen die Kinder mithelfen, wie früher in Europa auch. Dies hat auch eine kulturelle Dimension."

Eine große Rolle spiele zudem die mangelhafte Infrastruktur in Ghana und der Elfenbeinküste, den Hauptanbaugebieten von Kakao in der Welt, so Saint-Affrique, der gebürtiger Franzose ist. Schulen seien oft zu weit weg für die Kinder. Es brauche einen grundlegenden Wandel, das könne jedoch nicht über Nacht passieren. Barry Callebaut will Kinderarbeit bis 2025 aus seiner Lieferkette verbannen.

Höhere Ernteerträge fördern

Ob dies auch tatsächlich gelingt, hängt jedoch auch von der Entwicklung der Einkommen ab. "Eine Kakaofarm in Afrika ist heute durchschnittlich drei bis vier Hektar groß und produziert jährlich 300 bis 400 Kilo Kakao, obwohl 900 Kilo möglich wären", konstatiert Saint-Affrique. Er veweist darauf, dass Produzenten wie Barry Callebaut den Bauern helfen, die Erträge zu steigern und auch ihre Einnahmequellen zu diversifizieren, zum Beispiel durch Hühnerhaltung und Gemüseanbau. 

Die Schokoproduzenten helfen den Bauern deshalb, ihre alten und wenig tragenden Kakaobäume zu ersetzen. "Wir haben deshalb Baumschulen errichtet, in denen wir gesunde, widerstandsfähigere Kakaobäume züchten, die wir vor Ort verteilen", heißt es bei Nestlé. Mit ihnen könnten die Bauern ihre alten Pflanzen ersetzen.

So sei es etwa in Ecuador gelungen, innerhalb von zehn Jahren zwölf Millionen Setzlinge zu verteilen. "Wo alte Kakaobäume zuvor 100 bis 200 Kilogramm Kakaobohnen pro Hektar hervorbrachten, sind es nun auf derselben Fläche 800 bis 900 Kilogramm", so Nestlé. Kritikern zufolge dienen all diese Maßnahmen nur dazu, den Druck auf die Kleinbauern zu erhöhen, mehr zu produzieren. Auf diese Weise solle der Kakaopreis so niedrig wie möglich gehalten werden.

Höherer Kakaopreis gefordert

Menschenrechtler Collingsworth ist wütend: "Ich versuche seit 20 Jahren, insbesondere Nestlé dazu zu bringen, keine Kindersklaven mehr einzusetzen. Die Versklavung afrikanischer Kinder im Jahr 2021 zuzulassen, um Kakao für multinationale Unternehmen zu ernten, ist empörend und muss aufhören."

Um Kinderarbeit zu unterbinden, müsste der Kakaopreis kräftig angehoben werden. Forscher der University of Arkansas sprachen bereits 2019 von mindestens 47 Prozent mehr pro Tonne, die den Bauern ausgezahlt werden müsste, damit sie ohne Hilfe der Kinder auskommen könnten. Wer also in Zukunft zertifizierten Kakao wolle, der ohne Kinderarbeit hergestellt wurde, müsse auch als Endverbraucher tiefer in die Tasche greifen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 02. März 2021 um 19:30 Uhr.