Benzinpreis-Anzeige an einer Tankstelle | dpa

Verbraucherpreise Inflation überspringt Fünf-Prozent-Marke

Stand: 29.11.2021 14:19 Uhr

Die Teuerungsrate in Deutschland ist im November auf den höchsten Wert seit fast 30 Jahren gestiegen. Die Verbraucherpreise lagen nach einer ersten Schätzung 5,2 Prozent über Vorjahresniveau - vor allem wegen der Energiekosten.

Erstmals seit mehr als 29 Jahren ist die deutsche Inflationsrate im November über die Marke von fünf Prozent gestiegen. Waren und Dienstleistungen kosteten 5,2 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, wie das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mitteilte.

Einen höheren Wert gab es zuletzt während des Wiedervereinigungsbooms im Juni 1992 mit 5,8 Prozent. Für den erneuten Preisschub sorgte vor allem teure Energie. Im Oktober hatte die Inflationsrate noch bei 4,5 Prozent gelegen, im September bei 4,1 Prozent.

Auch Nahrungsmittel deutlich teurer

Energie kostete im November den Statistikern zufolge 22,1 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Nahrungsmittel verteuerten sich um 4,5 Prozent. Die Preise von Dienstleistungen stiegen um 2,8 Prozent, Wohnungsmieten zogen um 1,4 Prozent an. Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer "legen die Preise mittlerweile auf breiterer Front zu, es geht nicht mehr nur um Energie und einige besonders von Corona betroffene Güter".

EZB-Direktorin Isabel Schnabel erwartet künftig wieder niedrigere Werte. "Wir gehen davon aus, dass im November der Höhepunkt der Inflationsentwicklung erreicht ist", sagte sie im ZDF. Die Teuerungsrate werde 2022 wahrscheinlich wieder allmählich in Richtung zwei Prozent sinken, der Zielmarke der Europäischen Zentralbank (EZB).

Sondereffekte wie etwa die zeitweise Mehrwertsteuersenkung im vergangenen Jahr würden dann aus der Statistik fallen. "Auch die Energiepreise werden nicht mit dem gleichen Tempo weiter steigen", sagte Schnabel. Die pandemiebedingten Lieferengpässe in der Wirtschaft dürften sich zudem allmählich auflösen.

Noch keine Zinserhöhung der EZB in Sicht

Sollte die Inflation dauerhaft auf einem höheren Niveau als zwei Prozent bleiben, werde die Notenbank entschlossen reagieren, so die EZB-Direktorin. "Aber im Moment wäre es eben ein Fehler, die Zinsen frühzeitig zu erhöhen und damit den Aufschwung zu bremsen, denn das würde im Wesentlichen zu einer erhöhten Arbeitslosigkeit führen und würde an der aktuell sehr, sehr hohen Inflation gar nichts mehr ändern können."

Experten zufolge hängt es nun auch von der weiteren Entwicklung der Löhne ab, ob sich der Teuerungstrend verfestigt. Manche Ökonomen befürchten eine Spirale aus stark steigenden Preisen und Löhnen. Der jüngste Tarifabschluss für den Öffentlichen Dienst sei bereits ein Hinweis auf eine "sanfte Lohn-Preis-Spirale", sagte ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski - "eine Spirale, die über 2022 hinaus anhalten wird". Diese Entwicklung müsse aber nicht schlimm sein, so lange die Lage sich 2023 wieder stabilisiere. Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, sagte dagegen: "Dieser Abschluss wird keine Lohn-Preis-Spirale ins Drehen bringen."

"Keine übermäßigen Lohnabschlüsse"

Die rund 1,1 Millionen Tarifbeschäftigten der Länder bekommen 2,8 Prozent mehr Geld und einen steuerfreien Corona-Bonus von 1300 Euro. Auf Jahr gerechnet bleibe der Abschluss damit deutlich unter der Zwei-Prozent-Zielmarke der Notenbank, sagte Sebastian Dullien vom gewerkschaftsnahen IMK-Institut. "Damit geht von den Lohnkosten kein Inflationsdruck aus. Auch in anderen europäischen Ländern ist derzeit von übermäßigen Lohnabschlüssen nichts zu erkennen."

In den 1970er-Jahren hatte ein dramatischer Preisschock an den Ölmärkten eine Lohn-Preis-Spirale in Gang gebracht. Steigende Preise führten zu höheren Lohnforderungen und Löhnen, was wiederum zu weiteren Preiserhöhungen führte. Erst ein beherztes Eingreifen großer internationaler Notenbanken mit Zinserhöhungen beendete den starken Preisauftrieb. So hob der damalige US-Notenbankchef Paul Volcker den Leitzins Anfang der 1980er-Jahre auf 15 Prozent an.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 29. November 2021 um 14:00 Uhr.