Waren liegen im Einkaufswagen eines Supermarkts | dpa

Ökonomen zu Kriegsfolgen Steigt die Inflation auf zehn Prozent?

Stand: 10.03.2022 13:37 Uhr

Der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine wird die deutsche Wirtschaft stark belasten. Ökonomen erwarten auch eine nochmals deutlich höhere Inflation. Auch Rufe nach Abstrichen beim Klimaschutz werden laut.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet als Folge des Krieges in der Ukraine mit einer sinkenden Wirtschaftsleistung in Deutschland und noch stärker steigenden Preisen. "Ich erwarte, dass die deutsche Wirtschaft jetzt wieder in eine Rezession abgleitet", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher im Gespräch mit der "Neue Osnabrücker Zeitung". Wie im vierten Quartal des vergangenen Jahres dürfte die deutsche Wirtschaft auch im ersten und im zweiten Quartal 2022 schrumpfen.

"Noch nicht alle Preissteigerungen weitergegeben"

Zugleich geht der Ökonom davon aus, dass sich die Inflation beschleunigen wird. "Wahrscheinlich wird es im laufenden Jahr Inflationsraten von deutlich über fünf Prozent geben. Im Fall einer Eskalation des Kriegs und immer neuer Sanktionen kann es sogar Richtung zehn Prozent gehen", sagte er. Die Teuerung dürfte sich Fratzscher zufolge in den kommenden Wochen und Monaten noch einmal verstärken, "da noch nicht alle Preissteigerungen und höheren Kosten an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben worden sind".

Dabei dürfe man nicht nur auf die Energiepreise schauen, sondern auch auf Lieferketten bei Rohstoffen wie seltenen Erden und Nahrungsmitteln, so Fratzscher. Russland sei einer der großen Exporteure von Weizen und Düngemitteln. "Wir müssen uns deshalb darauf einstellen, dass die Nahrungsmittelpreise noch einmal deutlich steigen könnten." Es könne "sehr, sehr hart werden für die Verbraucherinnen und Verbraucher in den kommenden Monaten".

"Fit for 55" in Gefahr?

Unterdessen wird das von der EU-Kommission vorgeschlagene Klimaschutzpaket nach Einschätzung von Michael Hüther wegen des Kriegs in der Ukraine nicht wie geplant umgesetzt werden können. "Fit for 55 wird so nicht durchsetzbar sein", sagte der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) der Nachrichtenagentur dpa. Man dürfe Unternehmen angesichts der unsicheren Lage nicht mit zusätzlichen Kosten belasten. "Die Ziele für die Klimaneutralität stehen nicht in Frage, aber der Weg dahin muss überprüft werden", betonte Hüther.

Das "Fit for 55"-Paket sieht vor, dass klimaschädliche Emissionen bis 2030 um 55 Prozent im Vergleich zu 1990 gesenkt werden. Bis 2050 muss die EU klimaneutral werden, also keine Emissionen mehr ausstoßen, die nicht gebunden werden. "Man sollte den Meilenstein 2030 aufheben", sagte Hüther. Außerdem sei es unrealistisch, den Emissionshandel auf Gebäude und Verkehr auszuweiten.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. März 2022 um 06:37 Uhr.